Alarmierende Zustände : NRW beklagt schlechtesten Waldzustand seit über 30 Jahren

Alarmierende Zustände : NRW beklagt schlechtesten Waldzustand seit über 30 Jahren

Dramatische Diagnose für den Wald in Nordrhein-Westfalen: Seit Beginn der jährlichen Untersuchungen 1984 ging es ihm nie schlechter. Das berichtete NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) am Mittwoch bei der Vorlage des Waldzustandsbericht 2018.

Das Dilemma hat viele Ursachen; die Lösung der Probleme ist langwierig und hängt maßgeblich von Wetterkapriolen ab.

Wie steht es um den Wald in NRW?

Die Zahlen sind besorgniserregend: Inzwischen gelten 39 Prozent der Bäume in NRW als stark geschädigt - ein alarmierender Sprung im Vergleich zur Vorjahresquote, die bei 25 Prozent lag. Unter den Hauptlaubbaumarten ist sogar jeder zweite Baum stark geschädigt. Nur jeder fünfte Baum in NRW weist keine bemerkenswerten Blattverluste in den Kronen aus.

Was hat das mit dem Klimawandel zu tun?

NRW wurde in diesem Jahr hart getroffen: Erst wehte das Orkantief Friederike im Januar 2,5 Millionen Festmeter „Sturmholz“ um. Zwischen April und August erlebte das Land anschließend die wärmsten, sonnigsten und niederschlagsärmsten Monate seit Beginn der Aufzeichnungen des Deutschen Wetterdienstes 1881.

Welche Rolle spielt der Borkenkäfer?

Der Borkenkäfer gab den von Sturm und Dürre ohnehin schon stark geschwächten Wäldern den Rest. Vor allem in den Fichtenrinden breiteten sich die Borkenkäfer-Arten Buchdrucker und Kupferstecher massenhaft aus. „Die größte Borkenkäferkalamität seit Jahrzehnten“, bilanzierte Heinen-Esser. Eine „Task Force Borkenkäfer“ sei bereits gebildet. Der Waldbauernverband bekräftigte seine Forderung nach Landeshilfen.

Hat der Borkenkäfer keine Gegenspieler?

Doch, aber angesichts des Ausmaßes haben etwa Specht und Raubfliegen kaum Chancen, die Massenpopulation an Borkenkäfern zu dezimieren. Allein dieses Jahr habe drei neue Generationen Buchdrucker hervorgebracht, berichtete Förster Lutz Falkenried, der die jährliche Waldinventur leitet. In einem Fichtenbestand gehe die Anzahl der Borkenkäfer in die Millionen. „Sie leben in mehreren Etagen in der Rinde und locken andere Käfer an.“ Würde Gift eingesetzt, würden auch die Gegenspieler und das Ökosystem Wald insgesamt getroffen.

Gibt es noch eine Rettung für unsere Wälder?

„Der Wald ist nicht katastrophal am Ende“, meint Falkenried. „Er hat eine sehr gute Chance, sich zu regenerieren. Wenn der Wald nächstes Jahre eine Chance bekommt und Wasser- und Nährstoffversorgung stimmen, schaffen die Bäume das.“

Welche Rolle spielt das Wetter?

Das Wetter hat einen Rieseneinfluss. Sollte der kommende Winter feucht-warm sein, wäre das schlecht für den Borkenkäfer, weil Wärme in der Winterstarre seine Energie aufzehrt und Pilze ihn töten. Mit kalten Temperaturen kann er leider gut umgehen, so dass eine weitere Vermehrung zu befürchten wäre.

Hat die Situation Einfluss auf die Weihnachtsbaumkulturen?

Jüngere Kulturen könnten Schaden genommen haben, meinte Falkenried. „Ich glaube aber, dass die Versorgung nicht grundsätzlich gefährdet ist.“

Gibt es Profiteure des Klimawandels?

Die Wärme lässt die Bäume immer häufiger blühen und Früchte bilden. Waldspaziergänger haben dieses Jahr massenhaft Eicheln und Bucheckern gesehen. „Eichelhäher, Mäuse und Vogel haben sich darin gewälzt wie Dagobert Duck in seinem Geldspeicher“, beobachtete Falkenried. „Aber Mäuse sind nicht die Freunde des Försters. Sie fressen im Folgejahr die Kulturen.“

Wie werden unsere Wälder widerstandsfähiger?

Dazu will das Umweltministerium im Dezember ein neues Waldbaukonzept vorlegen. Angestrebt werden Mischbestände aus heimischen und anderen, widerstandsfähigeren Arten. Etwa ein Dutzend Arten könnten dem Klimawandel besser trotzen, darunter Roteiche, Douglasie und Riesentanne. Zudem soll dafür gesorgt werden, dass Schadholz umgehend aus dem Wald transportiert und käferbefallene Rinde schnellstens beseitigt wird.

Was sagen Umweltschützer?

Aus Sicht des Naturschutzbundes Deutschland berücksichtigt das Konzept „einseitig die Profitinteressen der Forstwirtschaft“. Er forderte, den Anbau fremdländischer Baumarten zu reduzieren.

(dpa)
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