Aachen: Notfallsanitäter: Mit mehr Kompetenz an den Unfallort

Aachen: Notfallsanitäter: Mit mehr Kompetenz an den Unfallort

Mit der Ausbildung von so genannten Notfallsanitätern wird der Rettungsdienst in Deutschland fachlich deutlich besser aufgestellt. Dafür hat die Bundesregierung im März das Notfallsanitätergesetz verabschiedet.

Es tritt zum Januar 2014 in Kraft und wird den bisherigen Beruf des Rettungsassistenten ablösen. Rettungsassistenten sind die Frauen und Männer, die zurzeit die medizinische Erstversorgung leisten — nach einer meist zweijährigen, vor allem praktischen Ausbildung.

Allerdings sind ihre Möglichkeiten derzeit noch beschränkt: Sie dürfen keine Medikamente verabreichen, keine Zugänge legen und nicht beatmen. Mit dem neuen Gesetz wird sich das ändern: Die künftigen Notfallsanitäter sollen nicht nur besser ausgebildet sein, sondern auch mit solchen Kompetenzen ausgestattet sein, dass die Versorgung in lebensgefährlichen Situationen auch ohne Notarzt gewährleistet ist.

Sie dürfen dann Venen-Kanülen legen, Beatmungsschläuche einführen und auch starke Medikamente geben — alles Maßnahmen, die heute dem Notarzt vorbehalten sind. „Die Kollegen befinden sich häufig in einer rechtlichen Grauzone“, sagt Ralf Rademacher, Geschäftsführer der Rettungsdienst im Kreis Heinsberg gGmbH.

Mit dem Notfallsanitätergesetz wird die Ausbildung umfassend modernisiert und der Beruf deutlich aufgewertet: Die Neuregelung sieht eine Verlängerung der Ausbildung von zwei auf drei Jahre vor, Bewerber müssen mindestens einen Realschulabschluss haben, es wird eine Ausbildungsvergütung bezahlt. Qualitätsanforderungen an die Schulen und Einrichtungen der praktischen Ausbildung wie Lehrrettungswachen und Krankenhäuser werden klar definiert.

Die jetzige Ausbildungssituation ist in der Tat „sehr unbefriedigend“, findet Rademacher. „Und langfristig müssen wir im Rettungsdienst einem Fachkräftemangel ins Auge sehen, gleichzeitig werden wir aber perspektivisch gesehen höhere Einsatzzahlen haben.“

Seit 2005 haben die Notfalleinsätze stark zugenommen, über 90 Prozent erfolgen bei Krankheit oder Unfällen zu Hause. Mit dem demografischen Wandel werde diese Tendenz noch zunehmen, sagt Rademacher. Im Hinblick auf die künftigen Anforderungen wurde deshalb im Kreis Heinsberg schon ein umfangreiches Schulungsprogramm unter ärztlicher Leitung entwickelt.

„Gut gerüstet“ sieht sich auch die in Simmerath ansässige Landesschule Nordrhein (Lano) des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Leander Thormann, stellvertretender Schulleiter: „Wir stehen Gewehr bei Fuß, neue Lehrpläne aus dem Gesetz zu erstellen.“

Zurzeit habe man noch wenige akademische Lehrkräfte. „Wir sind dabei, kräftig aufzustocken.“ Die Lehrkräfte müssen in Zukunft einen Hochschulabschluss vorweisen, in den Fachthemen unterrichten in Simmerath dann Ärzte.

„Den Boden bereitet“ hat auch die Malteser-Schule Aachen, eine der größten Rettungsdienstschulen Deutschlands. „Wir bilden schon jetzt in drei Jahren zum Rettungsassistenten aus und sehen uns deshalb gut aufgestellt“, sagt der stellvertretende Schulleiter Ralf Bischoni, der das Gesetz für einen „Meilenstein im Rettungsdienst“ hält.

Rettungsassistenten seien Mangelware geworden, sagt Bischoni, der wie seine Kollegen auf eine Attraktivitätssteigerung für den Beruf hofft, um damit die rettungsdienstlichen Aufgaben der Malteser — zurzeit in der Stadt Aachen und im Kreis Düren — auch in Zukunft leisten zu können.

Die besser Ausgebildeten sollen natürlich auch besser bezahlt werden. Zurzeit liegt das tarifliche Einstiegsgehalt für Rettungsassistenten bei 2000 Euro, ein Notfallsanitäter müsste laut Rademacher geschätzt etwa 300 Euro mehr verdienen. Der Rettungsdienst wird also teurer werden, aber noch sind viele Fragen offen: Wer bezahlt das? Wie hoch wird der Personalbedarf sein? Wie sollen die Fahrzeuge künftig besetzt sein?

Marlis Cremer, Leiterin des Amts für Rettungswesen der Städteregion Aachen, hat folglich noch Zweifel an der Umsetzung, „Auch wenn wir und unsere Vertragspartner das neue Gesetz aus fachlicher Sicht positiv sehen.“ Doch die künftige Handhabung soll ihre Sorge nicht sein.

Cremer: „Wir setzen nicht um, wir kaufen den Rettungsdienst nur ein. Umsetzen müssen unsere Vertragspartner.“ In der Städteregion Aachen sind das in erster Linie das DRK und die Feuerwehren, in der Stadt Aachen zusätzlich der Malteser Hilfsdienst, die Johanniter Unfall-Hilfe sowie die Feuerwehr.

Für Peter Timmermanns, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Städteregion Aachen, wird sich in Zukunft einiges ändern müssen. „Es gibt auf den Fahrzeugen immer mindestens zwei Personen. Nicht jeder davon muss und kann die Qualifikation eines Notfallsanitäters haben“, findet Timmermanns. Welche Helfer künftig auf welchem Einsatzfahrzeug eingesetzt würden, müsse vom Land im Rettungsdienstgesetz entsprechend festgelegt werden.

Um Kosten zu sparen, könnten die Fahrer zum Beispiel auch haupt- oder ehrenamtliche Rettungssanitäter sein, schlägt Heinz-Peter Salentin, Einsatzleiter beim DRK-Kreisverband Düren vor, wo die Rettungsassistenten wie in der Städteregion schon jetzt in einem dreijährigen Ausbildungsverhältnis stehen.

Denn auf die Krankenkassen und damit auf die gesetzlich Versicherten kommen mit der Neuregelung immense Kosten zu. Bundesweit 42 Millionen Euro jährlich sind prognostiziert, eine Summe, die viele Experten noch für viel zu niedrig halten.