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Düren/Eupen: Norbert Nicoll: „Wir leben in einer Cowboy-Ökonomie“

Düren/Eupen : Norbert Nicoll: „Wir leben in einer Cowboy-Ökonomie“

Immer schneller, höher, weiter: Unser Wirtschaftssystem basiert auf ständigem Wachstum. Doch wie lange ist das möglich? Unser Redakteur Joachim Zinsen sprach darüber mit dem belgischen Politikwissenschaftler Norbert Nicoll. Er vertritt Positionen der Postwachstums-Ökonomie.

Herr Nicoll, Sie bezeichnen unser Wirtschaftssystem als eine Cowboy-Ökonomie. Was verstehen Sie darunter?

Die Vision von Norbert Nicoll: Mehr Zeitwohlstand statt noch mehr materiellen Wohlstand. Foto: PicturePeople

Nicoll: Eine Cowboy-Ökonomie ist nicht nachhaltig. Sie kennt keine Grenzen, nur weites ungenutztes Land. Eine Cowboy- Ökonomie erobert Gebiete, grast sie ab, müllt sie zu und zieht dann weiter. Aber unsere Erde ist rund. Irgendwann stehen wir wieder in den ausgeplünderten Gebieten und müssen feststellen: Wir haben die ganze Zeit an dem Ast gesägt, auf dem wir alle sitzen.

Merken das gerade unsere Gesellschaften?

Nicoll: Das hängt sehr stark von der Perspektive jedes einzelnen ab. Für die Menschen im Norden hat die Cowboy-Ökonomie in den vergangenen 250 Jahren Wohlstand gebracht. Sie verfügen über immer mehr materielle Güter, sie leben länger, sie sind gesünder. Deshalb klammern sich immer noch viele an das Modell. Doch selbst in den wohlhabenden Ländern profitieren inzwischen nicht mehr alle gleichermaßen von der Entwicklung. Unsere Gesellschaft spaltet sich zunehmend in Arm und Reich. Im Süden sieht es noch schlimmer aus. Bis auf eine kleine Elite sind die Menschen dort lediglich Zulieferer von Rohstoffen, die wir im Norden verbrauchen. Sie werden nicht nur ausgebeutet, damit es uns angeblich besser geht. Sie müssen auch noch die Folgelasten wie Kriege und eine rasante Umweltzerstörung tragen.

„Diese Wirtschaft tötet“, hat Papst Franziskus einmal gesagt.

Nicoll: Er hat recht. Nehmen wir als Beispiel die Smartphones. Die meisten Menschen im Norden besitzen eines dieser Geräte. Jedes von ihnen verbraucht durchschnittlich 71 Kilogramm an Rohstoffen. Diese werden oft in der Dritten Welt unter mörderischen Arbeitsbedingungen gefördert. Oder schauen wir auf Elektro-Autos. Ihre Batterien brauchen Kobalt. Beim Abbau des Rohstoffs sterben im Kongo täglich Menschen. Wir verschieben die tatsächlichen Kosten für unsere Art zu leben seit langer Zeit in die Länder des Südens. Wir praktizieren eine imperiale Lebensweise.

Als Rezept gegen Armut und für ein besseres Leben predigen fast alle Ökonomen Wirtschaftswachstum.

Nicoll: In der Vergangenheit hat das auch funktioniert. Diese Erfolgsgeschichte geht jetzt aber zu Ende. Unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten kann es allein schon aus mathematischen Gründen nicht geben.

Aber funktioniert eine kapitalistische Ökonomie ohne Wachstum?

Nicoll: Nein. Kerngedanke des Kapitalismus ist es, aus Geld noch mehr Geld zu machen. Dafür ist Wirtschaftswachstum nötig. Der Kapitalismus lässt sich mit dem Fahrradfahren vergleichen. Wer strampelt, hält das Zweirad im Gleichgewicht und bleibt oben sitzen. Wer damit aufhört, muss irgendwann absteigen.

Wie kann eine Alternative zum Kapitalismus aussehen?

Nicoll: Das ist die Hundert-Billionen-Euro-Frage. Wir navigieren ein Stück weit ohne Kompass. Einen Masterplan für den notwendigen Umbau unserer Wirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit und Solidarität hat bisher niemand. Natürlich ist das eine wichtige Leerstelle der Postwachstums-Diskussion. Aber Gesellschaften lassen sich nun einmal nicht am Reißbrett entwerfen. In der Vergangenheit haben das vor allem linke Utopien versucht — mit wenig Erfolg. Konturen einer zukünftigen Ökonomie sind aber trotzdem schon zu erkennen. Beispielsweise steuern wir auf eine stärkere Regionalisierung der Wirtschaft zu.

Lässt es sich überhaupt gut leben ohne Wachstum?

Nicoll: Natürlich. Wir müssen uns nur fragen, was gutes Leben bedeutet. Verstehen wir darunter, ein drittes Fernsehen oder ein weiteres Auto zu kaufen? Wenn es uns um noch mehr materiellen Besitz geht, ist die Frage zu verneinen. Aber vielleicht heißt gut zu leben ja, Zeit zu haben, um beispielsweise Freundschaften wieder intensiver pflegen zu können? Immer mehr Menschen stellen fest, dass sie dazu kaum noch in der Lage sind. Sie rennen und rennen und bleiben doch wie der Hamster im Rad auf der gleichen Stelle. Ist es da nicht besser, unser Leben zu entschleunigen und einen neuen Zeitwohlstand zu gewinnen?

Das klingt nach einer Ökonomie des Verzichts.

Nicoll: Verzicht ist der falsche Begriff. Ich plädiere für eine Suffizensstrategie. Wir sollten eine Gesellschaft anstreben, in dem die Menschen nicht auf das Notwendige verzichten, sondern auf das, was nicht notwendig ist. Leider wird dieses Denken von der Politik nicht gefördert. Sie konzentriert sich fast ausschließlich auf Effizienzstrategien. Sicher ist es wichtig, bessere Fertigungsverfahren und umweltfreundlichere Produkte zu entwickeln. Doch damit alleine bekommen wir die Probleme nicht in den Griff.

Was notwendig und was nicht notwendig ist, darüber gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen.

Nicoll: Deshalb brauchen wir endlich eine breite gesellschaftliche Debatte. Diskutieren wir doch zum Beispiel darüber, ob eine Stadt, in der es deutlich weniger Autoverkehr gibt und in der Kinder wieder draußen spielen können, nicht erstrebenswerter ist als eine Stadt, die in Lärm und Abgasen erstickt.

Wie wollen Sie für solche Ideen Menschen begeistern, die mit ihrem Einkommen nur knapp über die Runden kommen?

Nicoll: Indem wir unsere Gesellschaften wieder gerechter machen. Dazu gehört natürlich eine materielle Umverteilung von oben nach unten. Das wäre gerade in Deutschland notwendig. Hier hat die Ungleichheit in den vergangenen 15 Jahren in nahezu skandalösem Ausmaß zugenommen. Daneben müssen wir wieder über kürzere Arbeitszeiten diskutieren. Zudem sollten wir auf Bildung setzen, um Menschen die Problemlage zu vermitteln und ihnen eine Perspektive zu geben.

In den vergangenen Jahren ist in Griechenland in Folge der EU-Krisenpolitik das Bruttosozialpolitik kräftig geschrumpft. Das ist doch ein abschreckendes Beispiele für eine Wachstumsrücknahme.

Nicoll: Ich plädiere nicht für ein Kaputtsparen — im Gegenteil. So etwas führt wie in Griechenland zwangsläufig zu einer sozialen Katastrophe. Wachstumsrücknahme heißt, in einem demokratischen Prozess freiwillig die Produktion von materiellen Gütern wie Autos oder Flugzeuge einzuschränken und gleichzeitig andere Sektoren auszubauen. Sektoren, die unser Leben besser machen. Etwa den Bildungs- oder den Pflegebereich. Das Bruttosozialprodukt muss deshalb in einer Postwachstums-Ökonomie nicht zwangsläufig sinken.

Schon in den 70er Jahren war von „Grenzen des Wachstums“ die Rede. Trotzdem wurde der ökologische Fußabdruck des Menschen immer größer. Warum sind aus dem Manifest kaum Konsequenzen gezogen worden?

Nicoll: Wir sitzen in wirtschaftlichen und politischen Strukturen fest. Sie aufzubrechen ist unglaublich schwierig. Gerade die politischen Eliten denken meist zu kurzfristig und konzentrieren ihr Handeln oft darauf, einzelnen Interessengruppen neue Märkte und Profite zu erschließen.

Wer kann die nötigen Veränderung sonst noch anstoßen?

Nicoll: Der Veränderungswunsch muss aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Historische Umwälzungen wurden meist durch Basisbewegungen angestoßen. Frauen haben gekämpft, bis ihnen das Wahlrecht zugestanden wurde. Soziale Verbesserungen gab es, weil Menschen dafür gestreikt haben.

Existieren solche Ansätze für eine Politik der Wachstumsrücknahme?

Nicoll: Ja, immer mehr Menschen engagieren sich für Veränderungen. Mehr als tausend Städte haben sich weltweit der Transition-Town-Bewegung angeschlossen. Eine Pionierstadt ist Totnes in England. Dort ist eine lokale Währung zur Stärkung der regionalen Wirtschaft eingeführt worden. Der Verkehr wurde vermindert und stattdessen mehr Begegnungsraum geschaffen. Oder nehmen Sie die Energie-Genossenschaften in Deutschland. Menschen schließen sich zusammen, um mit eigenen Wind- oder Solarparks Strom zu produzieren. Oder die No-Waste-Bewegung. Viele Menschen versuchen inzwischen, möglichst wenig Müll zu produzieren. Statt auf Plastikverpackungen setzen sie wieder auf das gute alte Einmachglas. In zahlreichen Städten gibt es mittlerweile No-Waste-Läden. All das sind kleine Mosaiksteine für einen Fortschritt, der sich am Menschen und an der Umwelt orientiert.

Das sind löbliche Initiativen. Doch bisher führen sie ein Nischendasein.

Nicoll: Aber sie geben wichtige Impulse. Natürlich müssen staatliche Akteure mit ins Spiel kommen. Nur der Staat kann beispielsweise Wegwerfbecher verbieten, in großem Stil in erneuerbare Energien investieren oder Umverteilung organisieren.