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Niederzier: Niederzier, die etwas andere Kommune

Niederzier : Niederzier, die etwas andere Kommune

Die Fußballer des BC Oberzier sind bereits in freudiger Erwartung. Sie erhalten als erster Verein im Kreis Düren einen von der Kommune finanzierten Kunstrasenplatz. 350.000 Euro investiert die Gemeinde Niederzier dieser Tage gegen den landesweiten Trend in das Dauergrün.

Während ringsherum in Städten und Gemeinden die Schuldenlast schwer auf den Schultern der Entscheidungsträger lastet und sie zwingt, jeden Cent mehr als einmal umzudrehen, bevor er ausgegeben wird, herrscht in der 15.000-Seelen-Kommune im Kreis Düren eitel Sonnenschein.

Die Gemeinde Niederzier ist de facto die einzige im Rheinland, die schuldenfrei ist, und neben den westfälischen Gemeinden Issum, Raesfeld und Reken die vierte in NRW.

Neun Millionen Euro auf der hohen Kante reichen nicht nur aus, um schon jetzt auch den Haushalt 2008 solide zu finanzieren, sondern auch, um die letzten roten Zahlen (derzeit rund 1,3 Millionen Euro) jederzeit auszulöschen. Nur aus rein zinstaktischen Gründen werden die letzten Schulden erst Ende des Jahres getilgt.

Damit tritt die Gemeinde Niederzier die Nachfolge von Roet- gen im Süden Aachens an, das lange Jahre die Vorzeigekommune im Rheinland war, sich aber für die Erweiterung der Grundschule jetzt mit bis zu sechs Millionen Euro ins Minus stürzt.

Die Finanzkraft der Tagebaugemeinde allein auf den Kohle fördernden Hauptgewerbesteuerzahler, RWE, zurückzuführen, der in regelmäßigen Abständen mit millionenschweren Steuernachzahlungen die Gemeinde beglückt, greift für Bürgermeister Hartmut Nimmerrichter (SPD) viel zu kurz: „Dann müssten auch andere Kommunen in unserer Lage sein. Nein, es ist das Ergebnis einer Vielzahl von teilweise auch heftig umstrittenen Entscheidungen, die heute Früchte tragen.”

Als Nimmerrichter 1995 als Gemeindedirektor in Niederzier seine Tätigkeit bei einem Schuldenstand von umgerechnet 7,35 Millionen Euro begann, schrieben er und die SPD sich drei strategische Ziele auf die Fahne: 1. einen ausgeglichen Haushalt, 2. den sachgerechten Erhalt der Infrastruktur und 3. den Abbau der Schulden.

„Dem haben wir alles untergeordnet”, spricht Nimmerrichter von vielen, teilweise schmerzlichen Einzelkorrekturen. Einige Beispiele: Die Betriebskostenzuschüsse für die Sportvereine wurden gesenkt, der Rat verkleinert, die Kindergärten auf einen freien Träger übertragen, die Auftragsvergabe über eine Dienstleistungsgesellschaft mit anderen Kommunen abgewickelt („Allein das sparte uns bereits rund eine Million Euro”), und nicht zuletzt wurde in der Verwaltung erheblich Personal eingespart.

„Nicht zu meiner Freude”, betont der Sozialdemokrat, „aber letztlich ohne Alternative”. Jede Ausgabe sei auf den Prüfstand gestellt worden und die Verwaltung immer kostenbewusster geworden - ein langer Prozess, der sich heute positiv auswirke.

Denn nach Jahren ohne „Kohlepfennig” sprudelt in diesen Monaten wieder die Gewerbesteuerquelle Tagebau. Zurückliegende Steuerjahre wurden jetzt abgerechnet und vergrößern den Handlungsspielraum der Gemeinde.

Und nicht nur die BCO-Kicker dürfen sich dieser Tage freuen. Gewerbe- und Grundsteuer B wurden gerade erst um zehn Prozentpunkte gesenkt, mit einem mit insgesamt 100.000 Euro dotierten 100-Dächer-Programm gibt die Gemeinde ihren Bürgern einen Anreiz zum Bau von Solaranlagen, in den Tageseinrichtungen wird die frühkindliche Erziehung der Kinder intensiviert und in den Offenen Ganztagsgrundschulen die Mahlzeiten von Jungen und Mädchen aus sozialschwachen Familien finanziert.

Zudem erhalten Familien schon jetzt einen Abschlag von 5000 Euro pro Kind beim Kauf von Bauland, das mit 95 Euro pro Quadratmeter ohnehin seit Jahren unter dem Landesdurchschnitt (103,50/m2) liegt.

„Auf keinen Fall werden wir den Pfad der Tugend verlassen”, erklärt Nimmerrichter. „Wir geben nur das aus, was wir auch einnehmen”. Dabei hat neben der Erhaltung der Infrastruktur die Erschließung neuer Baugebiete für ihn Priorität. Denn nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung hat die Gemeinde Niederzier durchaus noch Wachstumspotenzial, zwischen 3,5 und 4 Prozent in den nächsten Jahren, wieder gegen den landesweiten Trend.