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Ermittlungen im Fall Gino: Trauermarsch am Mittwochabend in Kerkrade

Ermittlungen im Fall Gino : Trauermarsch am Mittwochabend in Kerkrade

Nach dem Tod des neunjährigen Gino aus Kerkrade herrschen große Trauer und Anteilnahme im niederländischen Grenzgebiet. Viele Fragen sind noch offen; über den 22-jährigen Verdächtigen, der in Geleen festgenommen worden war, werden allerdings immer mehr Details bekannt.

Der 22-jährige Mann, der im Zusammenhang mit der Entführung und dem gewaltsamen Tod des neunjährigen Gino in Geleen festgenommen worden ist, ist offenbar schon einschlägig in Erscheinung getreten. Nach einem niederländischen Medienbericht ist er 2017 von einem Gericht in Maastricht verurteilt worden. Der regionale Sender L1 beruft sich auf entsprechende Dokumente und den Anwalt eines der damals sieben Jahre alten Opfer. Demnach soll der damals 17-jährige Donny M. im Juni 2017 in Sittard zwei Jungen bedrängt und zumindest einen von ihnen gezwungen haben, sexuelle Handlungen an ihm zu vollziehen. Das Gericht verurteilte ihn damals zu knapp fünf Monaten Jugendarrest und zu einer Behandlung in einer jugendpsychiatrischen Einrichtung in Eindhoven.

Die Medienberichte wurden von offizieller Seite bislang nicht bestätigt. Die Polizei hatte bislang lediglich erklärt, dass der Mann mit der Justiz in Kontakt gekommen sei, was laut L1 mehrfach der Fall gewesen sein muss. Nach weiteren Medienberichten war DNA des Verdächtigen auf einem der Gegenstände gefunden worden, die dem Jungen zugeordnet wurden, etwa seinem Tretroller.

Der neunjährige Gino war am Mittwochabend in Kerkrade verschwunden, die Polizei hatte nach der Vermisstenmeldung sehr schnell die höchste Alarmstufe ausgelöst. Er wohnte eigentlich bei seiner kranken Mutter in Maastricht, hatte aber einige Tage bei seiner älteren Schwester in Kerkrade verbracht und sollte dort möglicherweise auch auf Dauer bleiben. Am Mittwochabend wollte er noch Fußball spielen. Als er gegen 19.30 Uhr nicht zurück war, startete die Schwester zunächst eine private Suche und schaltete dann die Polizei ein. Schließlich beteiligten sich hunderte Helfer an der Aktion, darunter ein deutsches Suchteam mit Hunden.

Gino war zum Zeitpunkt seines Verschwindens mit einem schwarzen Roller unterwegs. Ein solcher Roller wurde am darauffolgenden Abend in der Nähe eines Schwimmbads in der fünf Kilometer von Kerkrade entfernten Gemeinde Landgraaf gefunden. Zeugen hatten außerdem von einem Mann berichtet, der sich auf dem Spielplatz aufgehalten habe, als Gino dort Fußball spielte.

Am Freitagmittag erhielt die Polizei dann erste Hinweise auf den 22-Jährigen als möglichen Täter und schlug am frühen Samstagmorgen zu: In einem Apartment in Geleen nahm sie den 22-jährigen Donny M. fest. Der Verdacht zunächst nur: Kindesentführung. Wenig später bestätigten sich die schlimmsten Befürchtungen: Gino ist tot. Der 22-Jährige führte die Ermittler selbst zu der Leiche des Jungen in einem Garten in der Opbraakstraat unweit seiner Wohnung. Geleen liegt gut 25 Kilometer von Kerkrade entfernt. Wie und wann der Junge dorthin kam, Zeitpunkt und Umstände seines Todes und ob es Hinweise auf Missbrauch gibt, können oder wollen die Ermittler derzeit noch nicht sagen.

Der festgenommene 22-Jährige wird offiziell der Kindesentführung und der Beteiligung am Tod des Jungen verdächtigt; außer mit seinem Anwalt darf er derzeit mit niemandem sprechen. Er soll am Dienstag einem Haftrichter in Roermond vorgeführt werden, teilte die Staatsanwaltschaft am Montag mit.

Die Wohnung des Mannes liegt nur einen Steinwurf entfernt von dem Fundort des Leichnams in Geleen. Die sterblichen Überreste lagen an der Rückseite von zwei Häusern, die vor einigen Wochen ausgebrannt waren – in einem davon soll sich eine illegale Cannabisplantage befunden haben.

In Kerkrade soll am Mittwochabend ein Trauermarsch für den Jungen stattfinden. Im Stadtteil Chevremont, wo der Junge verschwunden war, herrschen großes Mitgefühl und Betroffenheit. Trauer auch in Maastricht, wo Gino mit seiner Mutter gewohnt hatte. In der Straße Gildenweg ist eine Bank zur Gedenkstätte geworden, mit Kuscheltieren, Süßigkeiten, Kerzen, einem Fußball oder Spielzeug-Krankenwagen. Gino besuchte eine Grundschule in Maastricht, in der ebenfalls große Trauer unter Mitschülern, Lehrern und Eltern herrscht. Auch vor dem Fundort seiner Leiche in Geleen haben Anwohner Blumen oder Kuscheltiere zur Erinnerung an Gino niedergelegt.

 Blumen und Kerzen auch nahe des Fundorts der Leiche von Gino in Geleen.
Blumen und Kerzen auch nahe des Fundorts der Leiche von Gino in Geleen. Foto: Günter Jungmann

Auch die Bürgermeisterin von Kerkrade, Petra Dassen, hatte sich am Wochenende bei einer Pressekonferenz in Maastricht äußerst betroffen gezeigt. Die Gewissheit, dass Gino tot ist, sei ein schwerer Schlag für die Familie des Jungen, aber auch ein Schlag für die Freiwilligen und Polizisten, die bei der Suche nach Gino geholfen hätten.

Der Fall hatte auch in den Sozialen Medien viel Resonanz gefunden. Am Samstagnachmittag warnte die Polizei davor, dass auf den Netzwerken Fotos und Namen auftauchten, die nichts mit dem Fall zu tun hätten und dringend entfernt werden sollten. Hans Verheijen, Bürgermeister der Doppelstadt Sittard-Geleen, sprach abends mit den Bewohnern des Viertels, in dem Ginos Leiche gefunden worden war: ,,Das ist schrecklich und hat enorme Auswirkungen auf uns alle.“ Für Sittard-Geleen ist es die zweite Tragödie innerhalb kurzer Zeit. Vor kurzem war ein 19-Jähriger tot auf dem Kollenberg aufgefunden worden, offenbar im Streit mit einem Gleichaltrigen getötet. Verheijen: „Das sind schwere Schläge für unsere Stadt, auch wenn es sich um zwei verschiedene Fälle handelt. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Menschen sich Sorgen um ihre Kinder machen. Wir werden diese Fälle untersuchen, bis wir jeden Stein herumgedreht haben.“