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Anschlag auf Star-Reporter: Steckt die organisierte Kriminalität hinter dem Attentat?

Anschlag auf Star-Reporter : Steckt die organisierte Kriminalität hinter dem Attentat?

Schüsse fallen im Herzen von Amsterdam: Der Kriminal-Journalist Peter R. de Vries wird lebensgefährlich verletzt. Drei Verdächtige werden festgenommen. Doch wer steckt hinter dem Anschlag?

Ein Mordanschlag auf den prominenten niederländischen Kriminalreporter Peter R. de Vries hat das Land zutiefst entsetzt. Nach der Festnahme von drei Verdächtigen hofft die Polizei auf eine schnelle Aufklärung der Tat. Ministerpräsident Mark Rutte sprach in der Nacht zum Mittwoch von einem „Anschlag auf den freien Journalismus.“

Aus Berlin reagierte auch das niederländische Königspaar „tief geschockt“. Dies sei „ein Angriff auf den Journalismus“, sagte König Willem-Alexander am Mittwoch am letzten Tag des Staatsbesuches vor niederländischen Journalisten. Journalismus sei ein „Eckstein unseres Rechtsstaates. Damit ist dies auch ein Anschlag auf unseren Rechtsstaat.“

Der Monarch sprach zugleich auch den Journalisten sein Mitgefühl aus. „Wenn einem Kollegen so etwas geschieht, dann muss das schrecklich sein“, sagte er.

Der Reporter war beim Verlassen eines TV-Studios auf offener Straße niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt worden. Er sei mit einem Kopfschuss ins Krankenhaus gebracht worden, teilte die Polizei mit. „Peter R. de Vries kämpft um sein Leben“, sagte zutiefst bestürzt die Bürgermeisterin von Amsterdam, Femke Halsema.

Vermeintliche Schütze wurde festgenommen

Drei Verdächtige wurden nach Angaben der Polizei festgenommen, darunter auch der vermutliche Schütze. Einer der festgenommenen Männer wurde wieder freigelassen, er habe nichts mit der Tat zu tun. Die andern zwei befanden sich bei der Festnahme bereits in einem Auto auf der Autobahn kurz vor Den Haag, wie das niederländische Nachrichtenportal 1Limburg berichtet.

Die beiden Männer sind ein 35-Jähriger mit polnischer Staatsangehörigkeit aus dem Ort Maurik im Südosten des Landes und ein 21-Jähriger aus Rotterdamm. Bei Hausdurchsuchungen in Maurik, Rotterdam und Tiel seien Computer sowie Munition sichergestellt worden, berichtet die Amsterdamer Polizei am Mittwoch.

Über die Hintergründe der Tat wurde noch nichts mitgeteilt. Eine Sonderkommission wurde eingesetzt. Der Journalist ist zur Zeit Vertrauensperson des Kronzeugen in einem großen Prozess gegen das organisierte Verbrechen. Er ist auch international bekannt für seine Berichte über spektakuläre Verbrechen.

Der Anschlag hat das Land geschockt, TV-Sender berichteten in Sondersendungen über die Tat. Premierminister Mark Rutte und Justizminister Ferd Grapperhaus waren mit der Anti-Terrorismusbehörde zusammengekommen.

Politiker mehrerer Parteien und die Journalistengewerkschaft reagierten entsetzt. Der EU-Ratspräsident Charles Michel hat den Anschlag verurteilt. Michel sprach am Mittwoch im Europaparlament in Straßburg von einem „Angriff auf unsere Grundwerte“ und drückte seine Solidarität mit den Angehörigen und den Niederlanden aus. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte im Plenum, ihre Gedanken und Solidarität seien bei dem Journalisten.

Amsterdams Bürgermeisterin Halsema, nannte de Vries einen „nationalen Helden“. Unermüdlich sei er auf der Suche nach Gerechtigkeit, dabei „absolut unabhängig und freigeistig“. De Vries begleitete unter anderem den Prozess um den gewaltsamen Tod des niederländischen Jungen Nicky Verstappen. Für die Eltern des ermordeten Jungen sei de Vries zu einer Vertrauensperson geworden, sagte Halsema. Die Mutter von Nicky, Berthie Verstappen, reagierte emotional: „Er hat jahrelang für uns und für Nicky gekämpft. Wir hoffen, dass er nun für sich selbst kämpft.“

Nach Einschätzung des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) zeigt das Attentat, dass es lebensgefährlich ist, über das organisierte Verbrechen zu berichten. „Es ist zu befürchten, dass das milliardenschwere Drogen- und Waffengeschäft nicht nur in den Niederlanden gnadenlos zuschlägt, wenn es sich durch journalistische Recherchen gestört fühlt“, sagte DJV-Chef Frank Überall am Mittwoch. „Umso wichtiger ist es, dass Journalisten mit Themenschwerpunkt ‚Organisierte Kriminalität’ umfassend geschützt werden.“

Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) fordert eine „unverzügliche, lückenlose Aufklärung“ des Mordanschlags auf den prominenten Kriminalreporter Pieter R. de Vries in Amsterdam. „Die Behörden müssen prüfen, ob de Vries wegen seiner kritischen und furchtlosen journalistischen Tätigkeit zum Opfer organisierter Kriminalität wurde“, sagte RSF-Geschäftsführer Christian Mihr am Mittwoch in Berlin laut Mitteilung.

Pressefreiheit bedroht

Auf der „Rangliste der Pressefreiheit“ von Reporter ohne Grenzen stehen die Niederlande seit Jahren auf den vordersten Plätzen, fielen über die vergangenen Jahre allerdings auf zuletzt Platz 6 der 180 untersuchten Länder ab. „Das liegt auch am Klima in den Sozialen Medien, in denen viele Medienschaffende mitunter massiven Drohungen ausgesetzt sind“, so die Organisation. Über konkrete Morddrohungen aus der organisierten Kriminalität hatte RSF bereits 2018 berichtet.

Die Tat geschah gegen 19.30 Uhr. Ein Unbekannter feuerte nach Angaben von Augenzeugen mehrere Schüsse auf den Journalisten ab. Der hatte gerade beim Leidseplein im Zentrum von Amsterdam ein TV-Studio verlassen. Zeugen erkannten das Opfer. Auf Fotos und Videos in den sozialen Medien ist zu sehen, dass de Vries schwer verletzt am Boden lag.

De Vries ist der führende Kriminalreporter der Niederlande und tritt regelmäßig auch als Sprecher von Opfern oder Zeugen bei Prozessen auf. Regelmäßig ist er auch Gast bei TV-Talkshows. Zur Zeit ist er die Vertrauensperson des Kronzeugen in einem großen Prozess. 2019 war bereits der Anwalt des Kronzeugen und auch dessen Bruder erschossen worden.

International bekannt wurde der Reporter 1987 mit seinem Bestseller über die Entführung des Bierbrauers Freddy Heineken. 2008 gewannt er einen Emmy Award für seine Reportagen über den Fall von Natalee Holloway. Die Amerikanerin war 2005 auf Aruba verschwunden und vermutlich von einem Niederländer getötet worden.

(dpa)