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Das Thermenmuseum in Heerlen erzählt die Geschichte der Anlagen

Thermenmuseum erzählt Geschichte : So badeten die Römer in Heerlen

Das Thermenmuseum Heerlen erzählt die spannende Geschichte der ältesten Stadt der Niederlande. Von der römischen Therme sind noch große Teile zu besichtigen – die größte und besterhaltene Anlage des Landes.

Morgens Frauen, mittags Männer, nachmittags Arbeiter und Sklaven, alle nackt. Damen hatten Vortritt – am Beginn des Tages war das Wasser noch sauber. So muss man sich den Alltag in einer Sauna in Heerlen vorstellen. Vor knapp 2000 Jahren wohlgemerkt, nicht in einem Wellnesstempel der Jetztzeit. Dennoch war das Prozedere damals und heute ähnlich. Erst Eintritt zahlen, aufwärmen und den Körper reinigen, abkühlen, im Schwitzraum auf Touren bringen, ausruhen, ein neuer Saunagang. Statt mit Seife unter der Dusche erfolgte die Säuberung durch das Einreiben mit Öl mit anschließendem Abstreifen - die Haut war so porentief rein.

Weshalb das eine Besonderheit ist? Von der römischen Therme sind noch große Teile zu besichtigen, die Überreste im Boden und die umfangreichen Erläuterungen dazu vermitteln ein anschauliches Bild des Lebens vor zwei Jahrtausenden. Es handelt sich um die größte, älteste und besterhaltene Anlage in den Niederlanden. Das hat sich aber erst vor kurzem herausgestellt.

Von außen kein Schmuckstück

Und das in Aachens äußerlich unscheinbarer, knapp 90.000 Einwohner zählenden Nachbarstadt Heerlen! Freilich prangen die Worte „Het oudste gebouw van Nederland“ (wenig glaubwürdig) meterhoch als Werbeaufschrift auf der Mauer eines Gebäudes mit dem Charme einer heruntergekommenen Dreifachturnhalle. Erst im Innern blickt man auf die Schätze aus der Vergangenheit, von der Gemeinde Heerlen als „historisches Gold“ eingestuft – sehr informativ und sehenswert dargestellt.

Das historische Heißluftbad wird jedoch möglicherweise als Replika in alter Schönheit wiedererstehen. Das hat Anya Niewierra vorgeschlagen, ideenreiche Direktorin des Fremdenverkehrsverbandes Süd-Limburg (VVV). Über Apodyterium (Umkleiden), Sudaterium (Schwitzen), Frigidarium (Abkühlen) und Tepidarium (Ausruhen) könne man eine Rekonstruktion bauen, von dort aus die technischen Fertigkeiten der Römer bestaunend.

Von außen kein Schmuckstück: Das Thermenmuseum in Heerlen. Foto: Henrik Hautermann

Das Original hatten Soldaten der 30. Legion in den Jahren 63 bis 73 nach Beginn unserer Zeitrechnung errichtet, wie ein Team von 30 Wissenschaftlern aus Frankreich, Belgien, Deutschland und den Niederlanden kürzlich herausfand.

Die Thermen waren Orte der Kommunikation und des Zeitvertreibs: Hier traf man sich, entspannte sich von der Hektik der Stadt, tauschte neueste Nachrichten. Die Häuser boten Dienstleistungen, wie etwa Massagen, Gymnastikübungen, einen Arztbesuch, Frisur, Maniküre und Schönheitspflege an.

Beheizt wurden die zusammenhängenden Gebäude durch das Hypocaustum, ein unter dem Fußboden und in Wänden verlaufendes Leitungsnetz mit heißer Luft, das von Sklaven befeuert wurde. In der Nachbarschaft konnte man einen Snack nehmen – gefunden wurden etwa Austernmesser – oder übernachten.

Das alles hat die Auswertung von rund 12.000 Fundstücken ergeben, die meisten auf dem Gebiet der heutigen Stadt Heerlen ausgegraben. Darunter 869 Münzen und 3246 Tonscherben, viele von ihnen aufgrund der Herstellungsweise ziemlich genau zu datieren, ferner Haarnadeln oder Öl- und Rasierwasserflaschen.

Damit hat Heerlen das inoffizielle Rennen um den Status der ältesten Stadt der Niederlande gewonnen: ausgerechHeerlen – mit seinem wenig anheimelnden 70er-Jahre-Zentrum. Das Thermenmuseum wurde 1977 eröffnet. Dass sich an dieser Stelle der Stadt Besonderes verbirgt, hatte ein Bauer im Juni 1940 festgestellt. Beim Pflügen des Brachlandes stieß er auf eine römische Säule, das erste Relikt, dem noch Tausende andere folgen sollten.

Bei ersten, eher amateurhaften Ausgrabungen stellte man bis 1941 schnell fest, dass man auf eine 50 mal 50 Meter große Badeanlage gestoßen war. Doch für größere Untersuchungen war nicht die Zeit – erst einmal wurden die Funde etwa 30 Jahre lang mit Stroh und Sand abgedeckt.

Die ursprüngliche Militäranlage (Vicus) unter dem jetzigen Heerlen trug den Namen Coriovallum, sie lag am Schnittpunkt zweier wichtiger römischer Heer- und Handelsstraßen. Einmal die Via Belgica, die über 400 Kilometer von Boulogne (damals in Gallien, heute in Frankreich) nach Köln führte und als zweite in Nord-Süd-Ausrichtung die Straße von Xanten über Aachen nach Trier (Via Traiana). Süd-Limburg war von etwa 50 vor bis 450 nach Christus Teil des Römischen Reichs. Nach der Eroberung durch Caesar ließ Kaiser Augustus die Region zu einer römischen Provinz (Germania Inferior) ausbauen, deren Hauptstädte in zwei kleineren Teilgebieten beidseits des Flüsschens Geul die heutigen Orte Xanten und Tongeren waren.

Ein Schmelzofen. Foto: Henrik Hautermann

Der römische Einfluss brachte einen großen Aufschwung mit sich: Die Sprache wurde übernommen, ein einheitliches Recht geschaffen, die Architektur veränderte sich, Häuser wurden aus Stein statt aus Holz gebaut, große Landgüter und Orte entstanden, auch Landwirtschaft, Handwerk und Handel blühten auf. Auf dem fruchtbaren Lößboden wurde nicht nur Getreide, Gemüse, und Obst, sondern auch sogar Wein angebaut.

Die Badeanlage in Coriovallum muss in den besten Zeiten imposante Ausmaße gehabt haben, sie wies eine 48 Meter lange und bis zu zehn Meter hohe Fassade auf, wie die Forschungen der letzten Jahre ergeben haben.

Wasser aus den Bächen

Das in größeren Mengen benötigte Wasser wurde aus nahe gelegenen Bächen geholt und das Abwasser wieder in sie geleitet. Von den 896 Münzen entstanden die ersten um 10 bis 13 nach Christus, die letzten wurden um 395 geschlagen. Ein Handelsgut, das über Heerlen hinaus Absatz gefunden haben dürfte, waren Töpferwaren aus mehr als 40 Töpfereien. Zahlreiche Exponate werden im Thermenmuseum präsentiert, weitere im gegenüberliegenden archäologischen Zentrum „De Vondst“, zu dem eine unterirdische Tunnelverbindung geschaffen werden soll.

Ein „historischer Meilenstein“, so stufte jetzt diese Entdeckungen der „Rijksdienst van het Cultureel Erfgoed“ ein: Coriovallum dürfte wohlhabend gewesen sein und eine größere Rolle gespielt haben, als bis dahin bekannt. Allerdings habe man bislang erst die Hälfte aller Fundstücke untersucht, dennoch sprach Jos Bazelmans vom Reichsdienst für das Kulturelle Erbe laut Tageszeitung „De Limburger“ von einem der wichtigsten Monumente in und einem neuen wissenschaftlichen Blick auf die Geschichte Nordwesteuropas, die in der anstehenden Publikation „Roman Bathing in Coriovallum“ näher beleuchtet werden soll.

Hauptautorin ist Konservatorin Dr. Karen Jeneson vom Thermenmuseum Heerlen, die auch dafür gesorgt hat, dass die seit 1977 leicht angegriffenen Fundamente restauriert wurden. Weil auch Steinreste von anderen Gebäuden gefunden wurden, soll in den nächsten Jahren untersucht wurden, wie groß Coriovallum wirklich gewesen ist. Nebenbei haben die Forscher die Identität von neun Menschen aus römischer Zeit entdeckt, darunter die eines Liebespaares: Der Töpfer Lucius fertigte einen Krug für seine Geliebte Amaka – wenn man so will eines der ältesten Liebespaare der Niederlande.

„Sanitas per aqua“ (Gesundheit durch Wasser): So lautete schon das Motto vor 2000 Jahren. Reiche Römer hatten eine eigene Luxus-Badeanlage in ihren Villae, die anderen trafen sich in den öffentlichen Thermen wie in Coriovallum. Der Gedanke, auf die gut erhaltenen Fundamente von Calidarium, Tepidarium, Sudatorium und Frigidarium quasi eine große Glasplatte zu legen und obendrauf einen modernen Wellnesstempel zu errichten, hat eine gewisse Faszination. Die christdemokratische CDA im Heerlener Gemeinderat findet die Idee jedenfalls gut und will, dass deren Realisierung bei der anstehenden Weiterentwicklung des römischen Quartiers im Stadtzentrum zumindest geprüft wird.