Linnich: Nick Bralant will wegen des Brexits Deutscher werden

Linnich : Nick Bralant will wegen des Brexits Deutscher werden

Im Sommer 2016 verspürte Nick Bralant kurzzeitig eine Abneigung gegen Grillpartys, die er bis dahin gerne besucht hatte. In den Wochen nach der Brexit-Abstimmung war das. Am 26. Juni hatten sich fast 52 Prozent seiner Landsleute für den Austritt Großbritanniens aus der EU ausgesprochen. „Ich konnte kaum in Ruhe ein Würstchen essen, ohne gefragt zu werden, was ich zum Brexit-Votum sage“, sagt der 48-Jährige.

„Ich fühlte mich wie die exotische Partyattraktion und war irgendwann schon kurz davor, gleich zu Beginn eine Ansprache zu halten.“

Sein Lachen lässt keinen Zweifel daran, dass ihn diese Erlebnisse im Nachhinein amüsieren. Aber damals habe es ihn nur noch genervt, weil er selbst wütend und enttäuscht war. „Ich konnte diese Entscheidung in Großbritannien einfach nicht fassen. Inzwischen weiß ich ja, dass sie bittere Realität ist.“ Fragen hat er viele, aber Antworten findet er nur schwer. Welche Rechte wird er nach dem 29. März 2019, dem offiziellen Brexit-Datum, noch als Brite in der EU haben? Was ist zum Beispiel mit seiner Rente? Darf er noch mal eben so zum Einkaufen von Deutschland hinüber nach Belgien fahren? Darf er problemlos die Familie seiner Frau in Frankreich besuchen?

Das Verfahren läuft

Nick Bralant, ein großer Mann mit grau-meliertem Rauschebart und dunkel umrandeter Brille, lebt und arbeitet seit Februar 2001 in Deutschland. Um sicherzugehen, dass er das auch nach dem geplanten Brexit-Datum am 29. März 2019 noch so wie bisher kann, hat er im September vergangenen Jahres die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Das Verfahren läuft.

Damit ist er unter seinen Landsleuten, die in Deutschland leben, nicht allein: Schon direkt nach dem Brexit-Votum hatten deutlich mehr Briten ihre Einbürgerung beantragt als in den Jahren zuvor. Das Statistische Bundesamt verzeichnet für 2015 nur 622 Briten, die die deutsche Staatsbürgerschaft erworben haben. 2016 waren es schon 2865, im vergangenen Jahr dann 7493. Die Statistiker sehen einen deutlichen Zusammenhang mit dem bevorstehenden Brexit, denn in den beiden Jahren wurden mehr als doppelt so viele Briten eingebürgert wie im gesamten Zeitraum von 2000 bis 2015.

Mit seiner französischen Frau Virginie und den vier Kindern wohnt Nick Bralant in Linnich. Er arbeitet als Verkaufsmanager für den britischen Markt bei einem mittelständischen Familienunternehmen in Stolberg. Die älteste Tochter ist 18, der Sohn, das Nesthäkchen, neun Jahre alt. Die Kinder haben deutsche Pässe. Für sich bevorzugt Nick Bralant die doppelte Staatsangehörigkeit, also einen britischen und einen deutschen Pass. „Ich hoffe, dass Deutschland das trotz des Brexits genehmigen wird.“

Als er sich beim Amt in Linnich wegen der Einbürgerung erkundigte, sagte man ihm, dass er schon der dritte Brite in der Stadt sei, der einen Antrag stellt. „Da habe ich mich sehr gewundert, denn ich habe bis dahin immer gedacht, ich wäre der einzige Brite in Linnich“, sagt er mit gespielter Empörung.

Der Antrag für die Einbürgerung sei aufwändig, aber unproblematisch, weil der Kreis Düren ihn ausreichend informiert habe, was zu tun ist, sagt Bralant. Von britischer Seite kann er das nicht behaupten. „Es wäre schon angebracht, dass sich das Konsulat bei seinen Bürgern meldet. Aber da sind wir wohl auf uns alleine gestellt.“ Insgesamt 14 Punkte gilt es auf dem Weg zum deutschen Pass abzuhaken, hauptsächlich müssen Dokumente wie etwa die Geburtsurkunde beglaubigt und eingereicht werden. Beim Sprachtest hat Nick Bralant die volle Punktzahl geholt. „Und das, obwohl mein Akzent wohl nie ganz weggehen wird.“

Leicht ist ihm die Entscheidung für einen deutschen Pass allerdings nicht gefallen. „Ich habe lange überlegt, ob ich das wirklich will. Denn ich fühle mich als Brite in Deutschland sehr wohl. Das ist doch Teil meiner Identität.“ Auch in seiner Familie in England gibt es Vorbehalte. Vor allem seine Mutter tut sich schwer damit, dass ihr Sohn eine andere Nationalität annimmt.

Streit mit Freunden

Bralant durfte nach britischem Recht nicht an dem Brexit-Referendum teilnehmen, weil er länger als 15 Jahre außerhalb seines Heimatlandes lebt. Wie seine Eltern, seine Schwester und deren Mann abgestimmt haben, weiß er nicht. Sie haben vereinbart, nicht darüber zu reden. „Ich denke, dass das für den familiären Frieden auch besser ist.“ Mit zwei seiner besten Freunde, die er seit Grundschulzeiten kennt, ist er dagegen heftig aneinander geraten. Beide haben für den Austritt gestimmt, obwohl sie reflektiert und keine EU-Gegner seien. „Ich habe bei der Abstimmung nicht an Dich in Deutschland gedacht“, sagte der eine Freund. Die Brexit-Befürworter hätten ihn einfach überzeugt, sich ins Zeug gelegt und wirklich 24 Stunden leidenschaftlich geackert. Vergleichbares hätten die Gegner des Austritts nicht auf die Beine gestellt. Der damalige Premierminister David Cameron habe dagegen nur halbherzig für den Verbleib in der EU geworben.

Dass die Kampagne für den Brexit auf vielen falschen Versprechen beruhte, hätten seine Freunde wie so viele ihrer Landsleute wohl erst im Nachhinein begriffen, sagt Nick Bralant. „Ich kann aber trotzdem nicht verstehen, wie man sein Kreuzchen bei ‚leavee_SSLq machen konnte.“

Eines ihrer bekanntesten Versprechen mussten die Brexit-Befürworter unmittelbar nach dem Votum kassieren. Auf Bussen, die während der Brexit-Kampagne durchs Land fuhren, hatten sie behauptet, dass Großbritannien pro Woche 350 Millionen Pfund an die EU zahle. Nach dem Brexit sollte das Geld stattdessen dem maroden Gesundheitssystem NHS zugutekommen, hieß es. Daraus wird aber nichts, stattdessen kämpft der NHS jetzt mit Personalmangel, weil die notwendigen Krankenschwestern aus der EU ausbleiben.

Nick Bralants erster Arbeitgeber in Deutschland, ein großer internationaler Konzern mit einer Niederlassung in Düren, hatte um die Jahrtausendwende offensiv in Großbritannien um Fachkräfte geworben. „Das Unternehmen suchte einen englischen Muttersprachler, der sich um den britischen Markt kümmert“, sagt er. Auch bei seiner jetzigen Stelle betreut er britische Kunden. Einer von ihnen rief ihn am Tag nach der Abstimmung über den Brexit im Büro an. Er wolle nur mal schauen, ob die Telefonleitungen noch funktionieren. Im Übrigen habe er für den Austritt gestimmt, ließ er Nick Bralant wissen. „Aber dein Hauptlieferant kommt aus Deutschland, der Brexit könnte dir also wirtschaftlich direkt schaden“, sagte dieser. Er ist sich sicher, dass der Mann am anderen Ende der Leitung mit den Schultern zuckte.