Klagen über Fluglärm rund um Aachen: Nicht nur in der Einflugschneise wird es laut

Klagen über Fluglärm rund um Aachen: Nicht nur in der Einflugschneise wird es laut

Der Leserin aus dem Aachener Nordwesten reicht es. Es gebe Nächte, da könne sie nicht mehr bei offenem Fenster schlafen, klagt sie gegenüber unserer Zeitung. So laut seien die Flugzeuge, die über ihr Haus flögen – und so niedrig, dass sie eigentlich nur im Anflug- oder Landemodus sein könnten. Ob das denn überhaupt erlaubt sei?

Jawohl, ist es. Jedenfalls wenn man davon ausgeht, dass die Ruhestörung von Flugzeugen verursacht wird, die vor allem von oder nach Lüttich unterwegs sind. Hier, am Aéroport de Liège, neun Kilometer westlich der Stadt in der Ortschaft Bierset gelegen, brummt der Laden ganz legal Tag und Nacht. Und da der Flughafen, dessen Schwerpunkt der Frachtverkehr ist, kräftig expandiert, werden die Belastungen für die in den umliegenden Kommunen lebenden Menschen zumindest nicht weniger werden.

118 Millionen Passagiere pro Jahr

Der Flugverkehr wächst und wächst. Wurden 1997 noch rund 62 Millionen Passagiere gezählt, die in Deutschland in ein Flugzeug stiegen, sind es heute mit rund 118 Millionen pro Jahr fast doppelt so viele. Die Deutsche Flugsicherung (DFS) hat 2017 rund 3,21 Millionen Flüge im deutschen Luftraum kontrolliert – auch das ein Rekord. Knapp ein Drittel davon waren Überflüge, also Maschinen, die hier nicht starten oder landen, sondern den Luftraum nur durchqueren.

Übersicht über den Flugverkehr an den vier großen Flughäfen in unserer Region. Foto: Horst Thomas

Wesentlicher Grund für die Steigerungsraten ist der Siegeszug der Billigfluglinien. Doch die Passagierflüge sind nur eine Seite des Problems. Die andere sind die Frachtflüge. Hier steht der Flughafen Lüttich, zumindest was die Zuwachsraten angeht, an exponierter Stelle. Vorstandschef Luc Partoune formuliert das Ziel: Bis 2020 soll der Frachtumschlag auf eine Million Tonnen jährlich steigen. „Wir wollen dann zu den fünf größten Frachtflughäfen in Europa gehören.“

Alibaba kommt nach Lüttich

Schon heute liegt Lüttich auf dem achten Platz, hinter Frankfurt/Main, Amsterdam, Paris oder Köln/Bonn. Die Tendenz weist weiter nach oben: So hat der Flughafen einen Zehnjahresvertrag mit Bridge Cargo abgeschlossen, einem Tochterunternehmen der russischen Volga-Dnjepr-Gruppe. Auch Air China Cargo ist in Lüttich präsent. Zuletzt ist ein weiterer Coup gelungen: Der chinesische Online-Großhändler Alibaba, der Amazon Konkurrenz macht, will den Flughafen zu einer Drehscheibe seiner Logistiktochter Cainiao machen. Hallen in der Größe von 380 000 Quadratmetern sollen in unmittelbarer Nähe gebaut werden. Lüttich hat sich nicht zuletzt deshalb gegen die Mitbewerber durchgesetzt, weil es hier eben kein Nachtflugverbot gibt – im Unterschied zum Maastricht/Aachen-Airport, der auch im Gespräch war.

Die Konsequenzen dieser Entwicklung wird man im Dreiländereck zu spüren bekommen. Wobei man einschränkend sagen muss: Andere Regionen im Rheinland sind wesentlich stärker durch Flugverkehr belastet als der Aachener Raum. Auf der Homepage der DFS sind die Flugverläufe an den deutschen Airports dokumentiert. Auch auf einschlägigen Onlineportalen lässt sich der Verkehr live verfolgen. Wer dies tut, der erkennt: Rund um den Köln/Bonn-Airport, aber vor allem rund um den Flughafen Düsseldorf ist das Problem viel drängender.

Vor allem gegen die Nachtflüge regt sich hier seit längerer Zeit Protest. Mit gutem Grund: Am Flughafen Köln/Bonn, wo es kein Nachtflugverbot gibt, stieg die Zahl der Starts und Landungen zwischen 22 und sechs Uhr im vergangenen Jahr auf gut 42 200. Flugzeuge, die dies dürfen, müssen Stufe drei der Lärmschutznorm der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO erreichen – was allerdings nahezu alle gängigen Typen tun, wie Kritiker bemängeln. In Düsseldorf herrschen zwar Beschränkungen zwischen 22 und sechs Uhr, die allerdings von diversen Ausnahmen ausgehebelt werden. So dürfen Maschinen, die hier ihre Basis haben, bei Verspätung bis 24 Uhr landen, auch verfrühte Starts ab fünf Uhr sind möglich. Kritiker vermuten, dass die steigende Zahl von Billigflugangeboten für die steigenden Nachtflugzahlen verantwortlich ist. Diese planten mit knappen Umladezeiten, was zu mehr Verspätungen und weiteren Ausnahmen führe.

Wie gesagt: Die Aachener Region ist davon weniger betroffen. Beispiel Köln/Bonn: Anflüge werden eher südlich geführt, abfliegende Flugzeuge haben, wenn sie das Dreiländereck überqueren, in der Regel bereits eine Höhe von über sechs Kilometern erreicht. Das gilt auch für den Verkehr am Flughafen Düsseldorf, dem drittgrößten in Deutschland. Hier sind außer der direkten Nachbarschaft eher das südliche Ruhrgebiet und der Raum Velbert sowie Benrath betroffen.

Anders der Verkehr von und nach Lüttich: Da auch bei der DFS in jüngster Zeit einige Beschwerden aus dem Aachener Raum laut wurden, ging man dem nach und stellte fest, dass vor allem der Anflugverkehr zum belgischen Flughafen aus dem Norden und Nordosten die Ursache sein dürfte. Die Entfernung beträgt nur knapp 50 Kilometer Luftlinie, deshalb sind die Maschinen in rund 4000 Metern Höhe über Aachen unterwegs. Wenn es nachts ansonsten ruhig ist, hört man die Frachtjets bisweilen sehr gut. Das sind mehr und mehr große Maschinen – was erklärt, warum die Zahl der Flugbewegungen in Lüttich sinkt, die Summe der jährlich transportierten Lasten aber steigt.

Aus Belgien ist übrigens kein nennenswerter organisierter Protest gegen die Nachtflüge – nach Angaben von Flughafensprecher Christian Delcourt zwischen 80 und 100 Starts und Landungen – bekannt. Delcourt verweist auf die gemeinsam mit der wallonischen Regierung entworfenen Lärmschutzpläne, die in vier Zonen rund um den Flughafen greifen und dort unter anderem Subventionen für Lärmschutzmaßnahmen vorsehen. Auch in Deutschland sind entsprechende Bestimmungen in einem Gesetz zum Schutz gegen Fluglärm geregelt. Wie überhaupt alle Flughäfen das Thema „Lärmbelastung“ nicht ignorieren, genauer: per Gesetz nicht ignorieren dürfen. Die Interessen der Betreiber und der Anwohner sind allerdings schwer zu vereinbaren.

80 Prozent der Abflüge vom Flughafen Lüttich erfolgen laut Delcourt in südwestlicher Richtung, der Rest in nordöstlicher. Unmittelbar betroffen davon ist Südlimburg in den Niederlanden, vor allem Eijsden. Der Ort liegt direkt an der Grenze zu Belgien und sitzt damit belastungstechnisch zwischen allen Stühlen: im Südwesten der Airport Lüttich, im Norden der Maastricht/Aachen-Flughafen auf dem Gebiet der Gemeinde Beek.

Auch der befindet sich im Aufwind, die Frachtzahlen steigen stetig. Das ist schön für die Betreiber, die dort ansässigen Firmen und deren Beschäftigte sowie die Provinz Limburg, die viele Millionen in das Infrastrukturprojekt gesteckt hat. Vielen Menschen in der Umgebung stößt das aber sauer auf. Nach einem Bericht der Tageszeitung „De Limburger“ ist die Zahl der Beschwerden, die beim zuständigen „Klachtentelefoon Luchtverkeer Zuid-Limburg“ eingegangen sind, von rund 2600 im ersten Halbjahr 2017 auf rund 11 300 im ersten Halbjahr 2018 gestiegen. In der „Milieu Front Eijsden“, die auch gegen das belgische Atomkraftwerk Tihange protestiert, hat sich der Widerstand organisiert. Er richtet sich sowohl gegen die weiteren Ausbaupläne in Beek als auch gegen die Nachtflüge von und nach Lüttich. Auch in
Eijsden kann man offensichtlich bei offenem Fenster nicht gut schlafen.

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