Initiative eines Ex-Aacheners: „Neutral-Moresnet“ existiert jetzt wieder

Initiative eines Ex-Aacheners : „Neutral-Moresnet“ existiert jetzt wieder

Der frühere Zwergstaat Neutral-Moresnet bei Kelmis wird wieder sichtbar. Ein ausgewanderter Ex-Aachener hat sich in seiner neuen Heimat mit Erfolg dafür stark gemacht, einen Weg nach dem Staatengebilde zu nennen. „Neutral... – was?“ war die häufigste Frage, als er den Antrag im Bezirksrat einbrachte.

Neutral-Moresnet ist zurück, zumindest in Hannover: Hundert Jahre nach dem Ende des kuriosen Mikrostaates rund um das heutige Kelmis wird „Neutral-Moresnet“ in der niedersächsischen Hauptstadt der Name einer neuen Straße, genauer: eines Grünwegs. Er verbindet im Westen der Stadt die Davenstedter Straße mit der Straße Sickenberghof und ist – dem historischen Vorbild entsprechend – mit gut 400 Metern Länge bescheiden klein. Viel breiter war das tortenstückförmige Original (340 Hektar) zwischen Eupen und Aachen an seiner breitesten Stelle auch nicht.

Wieso Hannover? Das liegt an Siegfried Egyptien. Der 64-jährige Touristikfachwirt mit dem typischen Grenzlandnamen ist gebürtiger Voreifeler, war Schüler am Aachener Couven-Gymnasium und hat bis 1979 in Aachen gewohnt.

Egyptien hat im Bezirksrat von Hannover-Davenstedt den Antrag eingebracht über den Zwergstaat, „der mich schon immer faszinierte“. Das Begehren ging, erzählt er, zu seiner eigenen Überraschung einstimmig durch, auch wenn er anfangs viel erklären musste. „Nur einer hatte je davon gehört. Fast alle fragten zuerst ‚Neutral... – was?’ und sprachen den Namen fälschlich französisch aus“. Also so was wie Nötral-Moresnee.

Streit um lukrative Zinkmine bei Kelmis führt 1918 zu Provisorium

Neutral-Moresnet war nach dem Wiener Kongress 1815 entstanden: Preußen und die Niederlande konnten sich nicht einigen, wem Europas bald lukrativste Zinkmine in Kelmis zugeschlagen werden sollte. Man beließ es – erst mal – bei einem neutralen Provisorium. Das hielt dann gut 103 Jahre. Das Land, das nach einer Nachbargemeinde hieß (Moresnet), die groteskerweise gar nicht Teil des Gebildes war, wurde bald zu einem prosperierendem Unikum: Schmuggel-Dorado mit Schnapsbrennereien, Prostitution, Glücksspiel, Steuerfreiheit, dazu Esperanto-Hochburg. Das Provisorium wuchs von 250 auf fast 5000 Einwohner an. Auf dem Vaalser Berg gab es mit dem Entstehen Belgiens (1830) fast 90 Jahre lang ein weltseltenes Vierländereck, von dem noch heute der Viergrenzenweg in Vaals zeugt.

Aber warum Hannover? Verbindungen zur Stadt waren schnell gefunden: General Emmich, der den Überfall 1914 auf Belgien leitete und als „Schlächter von Lüttich“ zu blutrünstigen Ehren kam, kam aus Hannover. Davenstedt-West ist Hannovers elfter Bezirk. Und das Gebiet passt zur Zinkmine; Quarzweg und Basaltweg queren jetzt Neutral-Moresnet. Siegfried Egyptien: „Wir erinnern an dieses ziemlich unbekannte Kapitel deutscher und europäischer Geschichte. 100 Jahre politischer Kontinuität und Frieden existierten im westlichen Mitteleuropa des 19. Jahrhunderts – länger als das deutsche Kaiserreich und die DDR zusammen.“ Neutral vorbildlich. „Ein Bekenntnis zu Europa!“ möge das sein, schrieb Egyptien, gegen das weltweit grassierende „My country first“.

„Ein Denkmal für Anarchie“

1890 hatte Hubert Schmetz, Bürgermeister von Neutral-Moresnet, also das Staatsoberhaupt, gesagt: „Wir haben das Glück, eigentlich gar nicht regiert zu werden. Ich hoffe im Interesse der Bürger, dass dieser Zustand erhalten bleibt.“ Siegfried Egyptien liebt diesen Satz des Enkels einer Petronella Egyptien: „Ein bisschen habe ich auch an ein Denkmal für Anarchie gedacht.“ Und ganz ernsthaft meint er: „Moresnet zeigt uns doch etwas: Neutrale Gebiete könnten auch heute in vielen Gegenden der Welt helfen, etwa im Nahen Osten: in Palästina zum Beispiel oder im Kurdengebiet.“

Laut Egyptien gibt es rund um das neue „Neutral-Moresnet“ – anders als im historischen Vorbild – kein Spielcasino, keinen Puff und keine illegale Schnapsbrennerei, aber im angrenzenden Kleingartenverein sicher gern mal einen Korn. Spielplatz und Ruheflächen könnten „genutzt werden als Platz der Freunde“. „Freunde“ ist die Übersetzung des Wortes Amikejo für Neutral-Moresnet, wie ihn die Esperantobewegung sich 1912 für ihr geplantes Weltzentrum nahe Aachen ausgedacht hatte – dann aber kamen 1914 mit General Emmich die deutschen Soldaten.

Im Herbst soll an dem Hannoveraner Weg ein Schild mit kleiner Erläuterung angebracht werden, eine ausführliche Infotafel soll folgen. Luc Frank, Bürgermeister von Kelmis, hat bereits zugesagt, zur feierlichen Eröffnung anzureisen.

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