Kunstfehler in der Region: Neugeborenes geschädigt: Eltern erstreiten vor Gericht 500.000 Euro

Kunstfehler in der Region : Neugeborenes geschädigt: Eltern erstreiten vor Gericht 500.000 Euro

Eine spezielle Kammer am Landgericht Aachen beschäftigt sich jedes Jahr mit rund 150 neuen Klagen von Patienten wegen Kunstfehlern. Der Kammervorsitzende schilderte jetzt die eklatantesten Fälle aus 2018.

Die 11. Zivilkammer des Aachener Landgerichts hat im vorigen Jahr einem Elternpaar eine halbe Million Euro Schmerzensgeld zugesprochen, weil deren Neugeborenes durch eine unsachgemäße Behandlung während der Geburt durch einen nachweislich vermeidbaren Sauerstoffmangel schwer geschädigt wurde. Das teilte der Vorsitzende der Kammer, Richter Heinz-Dieter Carduck, am Mittwoch bei der Vorlage der Bilanz für 2018 mit.

Jährlich werden rund 150 neue Klagen wegen ärztlichen Kunstfehlern vor der Kammer verhandelt. Hinzu kommen etwa 250 Fälle, die noch nicht abgeschlossen sind. „Die Kammer arbeite „auf einem gleichmäßig hohen Fallniveau“, sagte Carduck. Oft verlängerten die Gutachten der Sachverständigen die Zeit bis zum Urteil.

Die meisten Kläger sind Krankenhauspatienten. Allerdings sei der Klageweg eine Sache, räumte der Jurist ein, der Geld oder eine gute Versicherung erfordert, um für sich oder die Familie nach oft dramatischen Krankheitsverläufen Schmerzensgelder zu erstreiten.

In dem eingangs geschilderten Beispiel hatte eine Krankenschwester während der Geburt den Herzton- und Wehenschreiber unzureichend überwacht, das Kind steckte bereits im Geburtskanal und litt unter Sauerstoffmangel. Fünf Versuche, die Geburt mit einer Zange oder Saugglocke zu beschleunigen, gingen schief. In der Folge wird das Kind ein Leben lang schwerstbehindert auf permanente Pflege angewiesen sein. Dafür wurde den Eltern die hohe Summe zugesprochen, die nun die Krankenhausversicherung zu zahlen habe. Die Eltern hatten vor etwa fünf Jahren die Klage eingereicht.

In einem anderen Fall mussten die Operateure eine Sprunggelenksprothese, die zwischen Unterschenkel und Fuß implantiert wurde, sechs Mal nachbessern. Der Kläger erhielt 200.000 Euro Schmerzensgeld.

Bei einer Patientin hatten Ärzte einen erkrankten Harnleiter zwischen Niere und Blase ersetzen müssen, die OP gelang. Doch es war irrtümlich die falsche Seite genommen worden – das eigentliche Problem war also keinesfalls behoben. Und es wurde laut Carduck „noch tragischer“. In einer zweiten Operation ersetzte man den entzündeten Harnleiter, das glückte ohne Komplikationen.

Doch die zeigten sich dann unmittelbar in dem Operationsbereich, der vorher gesund war. Entschädigung hier letztlich 55.000 Euro. Die Unterlassungen eines Hausarztes, der einen Herzinfarkt übersehen hatte,  belegte die Kammer mit einer Zahlung von 15.000 Euro an den Patienten, der glücklicherweise trotzdem überlebte und am Ende vier Bypässe benötigte.

„Viele Klagen enden auch als Vergleich“, sagte der Richter. Nicht immer sei ein Richterspruch nötig. Im Fall einer völlig missratenen Ohrmuschel-Plastik bei einer Patientin im mittleren Alter etwa, die vor Jahren in einem Aachener Krankenhaus hergestellt worden war,  einigten sich die Parteien auf ein Schmerzensgeld von 80.000 Euro.

Dieser Patientin, der eine Ohrmuschel von Geburt an fehlte, hatte man eine so missratene Plastik angefertigt, so dass sie sogar strafrechtlich gegen die Ärzte vorging. Am Ende kam der erwähnte Vergleich zustande. Die Patientin hatte in der Zwischenzeit glücklicherweise echte Könner gefunden, allerdings weit weg in einer Lübecker Klinik.

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