„Phantastische Herausforderung“: Neuer RWTH-Rektor im exklusiven Interview

„Phantastische Herausforderung“ : Neuer RWTH-Rektor im exklusiven Interview

Ab August heißt der Rektor der RWTH Ulrich Rüdiger. Der in Niedersachsen geborene Physiker ist derzeit Rektor der Universität Konstanz. Der 51-Jährige hat in Aachen studiert, promoviert und habilitiert. Bernd Mathieu sprach mit ihm.

Wie autonom, wie frei sind Universitäten heute, sehen Sie einen Unterschied zwischen Ihrem jetzigen Bundesland Baden-Württemberg und Ihrem zukünftigen Nordrhein-Westfalen?

Rüdiger: Es geht zum Beispiel darum, wie Berufungsverfahren organisiert sind. Da haben wir ein relativ hohes Maß an Autonomie. Das ist völlig anders als noch in den 70er und 80er Jahren an der Universität Konstanz und den anderen Universitäten in Baden-Württemberg. Das Ministerium hat uns alles, was in diesem Bereich zu tun ist, schon vor Jahren sozusagen ins Haus gegeben, einschließlich der Besoldungsfrage. Dies ist ein Beispiel für Autonomie, wenn da nicht noch die Einverständniserklärung durch das Ministerium wäre. Beim Thema Bauen fühle ich mich allerdings noch nicht ganz so autonom.

In NRW wird mehr reglementiert, da gab es zu rot-grünen Zeiten enorme Einmischungen der Landesregierung.

Rüdiger: Das habe ich in der Hochschulrektorenkonferenz mitbekommen. Die Unterstützung für die Kolleginnen und Kollegen in NRW beim Aushandeln des damals neuen Hochschulzukunftsgesetzes war Thema des Plenums. Die Situation hat sich beruhigt. Man scheint mit dem jetzigen Gesetz gut leben zu können. Aber ich kenne die Feinheiten der NRW-Landeshochschulgesetzgebung noch nicht im Detail, zum Beispiel wenn es um Bauliegenschaften und ähnliche Bereiche geht. Da muss ich mich natürlich noch einarbeiten.

Während Ihrer Zeit als Rektor war die Uni Konstanz bei der Exzellenzinitiative mit allen Anträgen erfolgreich, Sie haben viele andere Auszeichnungen erhalten, sagen aber, dass diese und andere Rankings alleine nicht entscheidend sind.

Rüdiger: Die Rankings sind wichtig für uns, aber die selbstkritische Analyse, wo unser Haus steht, welche Schwerpunkte und Alleinstellungsmerkmale gegenüber konkurrierenden Universitäten wir haben, liest man in keinem Ranking. Man muss schon hinschauen, um welches Ranking es geht: Sprechen wir über den DFG-Förderatlas, über das Times Higher Education Ranking oder über das Zeit/CHE-Ranking (Centrum für Hochschulentwicklung)? Die haben alle eine unterschiedliche Aussagekraft. Studierende, die vor der Entscheidung für eine Universität stehen, schauen sich auf ihren Smartphones und Tablets auch sehr genau den Internetauftritt der Universität an und achten auf die Rankings. Ob man sie mag oder nicht: Die Rankings sind in der Welt, und sie werden von ganz unterschiedlichen Akteuren genutzt.

Sie sprechen von Internet, Smartphones, Tablets. Wie hat sich unter diesen technischen Voraussetzungen die Lehre geändert, und wie muss sie sich verändern?

Rüdiger: Da muss jede Universität mit Blick auf das eigene Lehr- und Forschungsprofil schauen, welche Position sie beziehen will. Soweit ich mich hierzu bereits informieren konnte, hat die RWTH Aachen dazu ihrerseits auch schon einige innovative Ansätze auf den Weg gebracht. Wir hatten an der Universität Konstanz gerade einen Workshop zur IT-gestützten Lehre mit internationalen Experten, um zu erfahren, was und wie schon erfolgreich funktioniert oder nicht funktioniert. Diesen Prozess habe ich initiiert. Ich möchte IT-gestützte Lehre nicht gleich flächendeckend einpflegen, sondern über Pilotprojekte, an denen sich andere dann in unseren Fachbereichen und allen Sektionen orientieren können. Eine Universität muss ein Ort der persönlichen Begegnung, der Diskussion und der Streitkultur sein, und sie muss eine Präsenzkultur haben. Es kann aber sehr viel IT-gestützt sekundieren.

Zum Beispiel?

Rüdiger: Ich denke zum Beispiel an große Vorlesungen, wo jemand wirklich „vorliest“. Bei uns werden solche Vorlesungen mitgeschnitten, man könnte so effizient vor- und nacharbeiten und nutzt die eigentliche Vorlesungszeit eben nicht mehr, um den Monolog zu hören, sondern wirklich in die Debatte zu gehen.

Was Studierende ja fordern.

Rüdiger: Zu Recht! Das ist aber fächerabhängig. Das kann ein Maschinenbauingenieur anders leben als ein Wirtschaftswissenschaftler oder ein Rechtswissenschaftler. Wir arbeiten mit Pilotprojekten, weil wir sehen wollen, was geht und was nicht, was gibt uns eine Transformation mit Mehrwert und was kann man auch lassen.

Was gehört zur Präsenzkultur nach innen — etwa Ihren Studierenden gegenüber? Sie wechseln jetzt von Konstanz mit 11 500 Studierenden nach Aachen mit der mehr als vierfachen Zahl. Das ist dann eine andere Herausforderung.

Rüdiger: Natürlich, aber man schafft es ja auch in Konstanz nicht, mit 11 500 persönlich zu sprechen. Wir sind in Konstanz eine Campus-Universität, ich spreche hier Leute offen an, ich gehe hier essen, ich wohne in Sichtweite der Universität direkt an der Grundstücksgrenze zu einem Studentenwohnheim, ich fahre mit dem Bus zur Universität, ich bin einfach da, ich kann jederzeit angesprochen werden: Das ist die Präsenzkultur. Ich habe viele Projekte mit Studierenden zusammen bearbeitet und mit Leidenschaft begleitet, zum Beispiel das Campus-Festival. Bei meiner Erstsemesterbegrüßung rufe ich den Studierenden zu: Ihr seid die Universität, Ihr gestaltet die Universität mit, bringt Euch ein! Deshalb kommen Studierende mit Ideen zu mir ins Büro. Ich rede alle zwei Wochen mit den Senatsstudierenden und bespreche mit ihnen am Tag vor jeder Senatssitzung alle Tagesordnungspunkte.

Welche Qualität, welche Kompetenzen hat die heutige Generation der Studierenden?

Rüdiger: Mich begeistert, dass sie neben allen fachlichen Anforderungen mit eigenen Ideen auf mich zukommt und über politisches und soziales Engagement, mit Sport, Kunst und Musik die Universität mitgestalten möchte. Das machen nicht 11 500 Studierende mit gleicher Intensität, es gibt besonders Engagierte, und es gibt Leute, die sich für das universitäre Leben relativ wenig interessieren. Letztere wollen eigentlich nur einen Abschluss haben — auch das ist in Ordnung. Das gab es so auch schon vor 30 Jahren zu meiner Zeit an der RWTH.

Hat diese Mentalität wegen des Bologna-Prozesses zugenommen?

Rüdiger: Da bin ich vorsichtig zu pauschalisieren. Zugenommen hat der Anteil eines Altersjahrgangs, der am Ende zu den Universitäten und Hochschulen geht. Das sind viele, viele Prozente mehr als vor 20 oder 30 Jahren. Man kommt nicht besser, sondern eher durch weniger Schule schlechter vorbereitet zu den Universitäten und Hochschulen. Das spüren wir natürlich. Die Hochschulen in Deutschland sind in den letzten Jahren um ein Drittel gewachsen, das betrifft die RWTH Aachen genauso wie alle anderen. Die sind nicht weniger engagiert, sie kommen eben mit anderen Voraussetzungen. Wir müssen vieles nachholen, was in den Schulen nicht mehr unterrichtet wurde, etwa im Bereich elementarer Mathematikkenntnisse, in den Vorlesungen oder in vorbereitenden Monaten. Wir kommen aber nicht weiter, wenn wir uns bei diesem Thema die Schuld gegenseitig zuschieben. Ich nehme das als Realität an.

Konstanz ist eine relativ überschaubare Campus-Uni mit kurzen Wegen. Schnelle und nachvollziehbare Entscheidungen sind Ihre Leitidee. Haben Sie Skepsis oder Respekt vor einer größeren Uni wie Aachen?

Rüdiger: Da ich seit elf Jahren im Rektorat und seit neun Jahren Rektor bin, kenne ich hier jede Person und jeden Stein auf dem Campus. Das muss ich mir in Aachen wieder erarbeiten. Man bespielt in Aachen eine ganz andere Fläche, nicht so dicht und konzentriert wie hier. Darum muss es auch andere Kommunikationsstrukturen und Zwischenebenen geben. Man kann aber auch an einer großen Universität persönlich auf Leute zugehen. Für mich sind das persönliche Gespräch und das Arbeiten in kleineren Teams, die je nach Anforderungen und zu lösenden Aufgaben klug zusammengestellt sind, wichtig. Dass das an einer größeren Universität anderer Natur ist, ist mir sehr bewusst. Der sogenannte Aachen Way und die gelebte Steuerung an der Universität Konstanz liegen aber gar nicht so weit auseinander.

Sie haben an der RWTH studiert, promoviert und habilitiert — was haben Sie in guter Erinnerung?

Rüdiger: Die RWTH hat das eingelöst, weswegen ich aus Niedersachsen nach Aachen an die RWTH gegangen bin. Ich wollte einerseits grundlagenorientiert studieren, andererseits habe ich als Physiker den engen Schulterschluss mit den Ingenieurwissenschaften gesucht. Das spiegelt sich in meinen Nebenfächern wider: Halbleitertechnik und Mineralogie als Nebenfach bis zur Diplomreife. Meine Diplom- und meine Doktorarbeit und auch die Habilitation waren sehr anwendungsorientiert. Die globalen Herausforderungen und damit verbundene technische und wissenschaftliche Lösungsansätze reizen mich einfach.

Die RWTH hat eine kleine geisteswissenschaftliche Fakultät. Spielt die bei diesen globalen Herausforderungen für Sie eine Rolle?

Rüdiger: Eine große Rolle! Wenn es bei den relevanten großen globalen Herausforderungen am Ende auch überwiegend naturwissenschaftliche und technische Lösungsansätze geben wird, müssen sie trotzdem unter ökonomischen und unter sozialen gesellschaftlichen Aspekten umgesetzt werden. Die Dinge müssen finanzierbar sein, und eine Gesellschaft muss das akzeptieren können und leben wollen. Es ist deshalb ganz wichtig, dass eine technische Universität wie die RWTH Aachen von den naturwissenschaftlichen Grundlagen über die Medizin, die Technikwissenschaft, die Informatik, die Wirtschaftswissenschaften, Kultur- und Sozialwissenschaften alles Relevante abdeckt. Was an Lösungsansätzen von der Bevölkerung gänzlich abgelehnt wird, ist möglicherweise genial, aber kaum umsetzbar. Deshalb gehören die geisteswissenschaftlichen Bereiche dazu, sie sind Erfolgsfaktoren.

Wie sehen Sie die Universität als Teil einer Stadt und Region? Wie kann eine Hochschule ihren Anteil an der urbanen und gesellschaftlichen Debatte steigern?

Rüdiger: Universität ist letztlich auch Gesellschaft und Öffentlichkeit. Wir praktizieren das mit großer Intensität in Konstanz. Wenn die Bevölkerung nicht da ist, wo Universität ist, dann rückt die Universität dahin, wo die Gesellschaft ist. Wir planen in Konstanz zurzeit einen Wissenskubus, mit dem wir mit unserer Forschung und unserer Lehre dort sein möchten, wo auch die Bevölkerung ist: am Hafen, auf der Marktstätte in der Innenstadt oder im Sommer auf der Insel Mainau. Ich vertrete in Konstanz einen sehr weiten Transferbegriff. Der umfasst nicht nur den Technologietransfer im Sinne von Ausgründung und Start-up, sondern einen Wissens-, Verständnis- und Akzeptanztransfer. Der muss mit dem eigentlichen Technologietransfer einhergehen.

Wo können Sie bei einer erfolgreichen Uni wie der RWTH weitere Schwerpunkte setzen?

Rüdiger: Es wäre vermessen, jetzt mal kurz zu erklären, was man besser oder anders machen kann. Die RWTH Aachen ist ohne Wenn und Aber eine sehr erfolgreiche, führende technische Universität. Sie liegt in der Exzellenzstrategie gut im Rennen mit fünf zur Hauptbegutachtung eingeladenen Exzellenz-Clustern. Fragen Sie mich am Ende des Jahres, dann kann ich fundiertere Antworten zu Ihrer Frage geben, die insbesondere in Teams und typischerweise nicht von Einzelpersonen erarbeitet werden.

Nach welchen transparenten Maßstäben messen Sie Erfolge?

Rüdiger: Transparenz ist das A und O, wenn es um die Verteilung von Ressourcen geht und man Akzeptanz für Entscheidungen haben möchte. Wir haben an der Universität Konstanz ein leistungsorientiertes Vergabesystem aufgebaut und praktizieren das mit großem Erfolg. Keine Professur hat in Konstanz einen festen Etat, auf den man sich jedes Jahr wieder verlassen kann. Wir haben einen Ausschuss für Forschungsfragen, der von allen Kolleginnen und Kollegen einen Leistungsbericht entgegennimmt. Auf dieser Basis bekommt man die Grundmittel für den eigenen Arbeitsbereich. Außerdem haben wir ein Drittmittelbelohnungsmodell und ein Overhead-Verteilungsmodell. Die Entscheidungen werden nur akzeptiert, wenn die Kolleginnen und Kollegen diese nachvollziehen können. Die Ressourcen an den Hochschulen sind grundsätzlich immer knapp, da muss man sich mit guten Ideen durchsetzen. Ein solcher Wettbewerb ist auch Qualitätssicherung.

Haben Sie als Persönlichkeit auch die Mentalität, die man Naturwissenschaftlern zuschreibt? Also Gelassenheit, Unaufgeregtheit, Konsequenz, Entscheidungsfreude oder beschreiben Sie sich ganz anders?

Rüdiger: Das passt schon. Ich arbeite klar, zielorientiert, wertschätzend und manchmal auch unbequem, weil die Dinge, die man als Rektor zu bearbeiten hat, eben nicht immer bequem sind. Die sind spannend und fordernd, aber nicht immer einfach. Meine Grundkompetenz als Physiker ist es, ein komplexes System in einfachere Subsysteme zu zerlegen. Das hilft auch einem Rektor ungemein.

Ihr Adjektiv für Konstanz lautet „paradiesisch“. Haben Sie schon eins für Aachen?

Rüdiger: Da wird sich in einem Jahr das passende Wort herausdestilliert haben. Ich habe eine Zeitlang auch in New York gearbeitet. Wenn man mich fragt, was mir da besonders gefallen hat, dann sage ich „Science and Culture“. Ich habe dort meine wichtigsten wissenschaftlichen Arbeiten in Position bringen können, und wir konnten gleichzeitig in wenigen Minuten mit der U-Bahn die große Kultur wie etwa MET, MoMA, Metropolitan erreichen oder gingen zu Fuß nach Soho. Also kam man in wenigen Minuten von Science zu Culture. Das wollte ich auf Konstanz übertragen „Science and Paradise“. Wenn ich jetzt aus meinem Büro schaue, sehe ich den Bodensee, die Alpen und die Weinberge. Man kann hier in wenigen Minuten von Lernen, Lehren und Forschen umschalten auf Bodensee, Alpen und Wintersport, den Schwarzwald, das ist eine richtig schöne Gegend. Ich werde in Aachen daran arbeiten, dass wir dann „Science and...“ haben. Das fehlende Wort werde ich verraten, sobald ich es gefunden habe. Es gibt in Aachen sehr viele schöne Dinge, ich habe ja über ein Jahrzehnt dort gelebt. Aachen ist eine phantastische Herausforderung! Ich weiß, worauf ich mich einlasse, und ich freue mich darauf!

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