Aachen: Neue Lehrer: Perspektive endet im Sommer

Aachen: Neue Lehrer: Perspektive endet im Sommer

Feierlich wurde den Referendaren nach zwei Jahren ihr Zeugnis verliehen. Der ganz große Jubel aber ist nicht ausgebrochen. Zu unsicher ist sie, die Zukunft der etwa 50 Absolventen des Aachener Studienseminars, ebenso wie die der Seminare in Vettweiß und Jülich, die seit 1. Februar ausgebildete Lehrer sind.

Es gab mit Sicherheit schon bessere Zeiten für Pädagogen. Von den Aachener Absolventen kann nur ein Drittel eine feste Anstellung vorweisen. Alle anderen müssen mit Vertretungsstellen, die meist nur bis zum Sommer befristet sind, vorlieb nehmen oder haben sich für eine Alternative abseits der Schulbank entschieden.

Kennen die Probleme ihres Jahrgangs: Referendarssprecher Michael Horst (l.) und Lars Odenkirchen. Foto: Steindl

Das Problem liegt in dieser Befristung der Stellen bis zum Sommer. Da macht der sogenannte Doppeljahrgang Abitur, an den Gymnasien werden dann nur noch acht statt neun Jahrgänge gezählt und entsprechend werden weniger Lehrer benötigt. Es gibt dann sogar Überhänge in den Kollegien. Hinzu kommt, dass zum 1. Mai die nächsten Referendare nach neuer Ausbildungsverordnung fertig werden. Das sind für die Region noch einmal rund 200. Auch sie suchen eine Anstellung.

„Unbefriedigende Situation“

„Das ist eine ganz unbefriedigende Situation, die wir so seit vielen Jahren nicht mehr hatten“, findet Manfred Braam, der Fachleiter des Aachener Seminars. „Dabei haben wir hier eine ganze Reihe hoch qualifizierter Lehrer, die die Schulen dringend benötigen.“ Doch letztlich gibt es keine Stellen. Die Gelegenheit, Klassen zu verkleinern und somit neue Arbeitsplätze für junge Lehrer zu schaffen, wird verstreichen. Das ist bereits klar.

Für Rainer Siemund ist das ein großes Versäumnis. Siemund ist Personalrat für Lehrer an Gymnasien bei der Bezirksregierung Köln und in der Lehrergewerkschaft GEW engagiert. Er sagt: „Schulministerin Sylvia Löhrmann hat immer gesagt, dass das Geld im System bleibt. Offenbar meinte sie nicht die Gymnasien, sondern das System Schule. Verkleinerte Klassen und Team-Teaching werden von allen Pädagogen als sinnvoll eingeschätzt, aber über so etwas wird nicht ausreichend nachgedacht.“ Investiert wird aktuell stattdessen in den Ausbau von Gesamt- und Sekundarschulen sowie die Inklusion, also den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung.

Dumm gelaufen

Auch Siemund hat gehofft, dass trotz des doppelten Abiturjahrgangs, der die Schule verlässt, mehr Stellen geschaffen werden. Auch wenn die meisten Gymnasien einen Überhang in ihren Kollegien verzeichnen. „Aber es wird nun ganz genau geschaut, welcher Bedarf überhaupt noch besteht“, sagt er. Und darunter leiden nun die neuen Lehrer. „Das ist wirklich dumm gelaufen. Niemand hat ihnen gesagt, wie ihre Chancen letztlich aussehen.“

Kaum zu glauben, aber eine Hotline des Schulministeriums NRW zur Perspektive von Pädagogen ist mit den Worten „Zukunftsberuf Lehrer/in NRW“ betitelt. Zwar werden in den nächsten 20 Jahren nach Angaben des Ministeriums an öffentlichen und privaten Schulen im Land 100 000 Lehrerstellen neu zu besetzen sein. Die allerwenigsten davon fallen aber in den Sommer 2013, wenn die meisten Referendare fertig werden, die Vertretungsstellen auslaufen und alle auf Jobsuche gehen. Das Ministerium hat bereits bestätigt, dass an den Gymnasien erst 2016 die Chancen auf Anstellung wieder besser stehen.

„Wer bis dahin als Vertretungslehrer durchhält, der braucht einen langen Atem. Das ist wirklich eine lange Zeit“, sagt Siemund. Zumal eine Verbeamtung junger Lehrer erst mit der Festanstellung ansteht. So lange sie in Vertretung arbeiten, haben sie keine Sicherheit. Die Gewerkschaft rügt diese „Kettenverträge“. Zumal es Vertretungsstellen gibt, die gerade einmal sechs, acht oder zehn Wochenstunden umfassen. „Wer die annimmt, um den Fuß in der Tür zu halten, hat zum Leben zu wenig“, kritisiert der GEW-Mann. Aber die Alternative lautet — weil Referendare nicht in die Arbeitslosenversicherung einzahlen — ohne Job oftmals Arbeitslosengeld II. „Das ist schon heftig für einen Akademiker“, findet Siemund.

Lars Odenkirchen hat Glück. Oder zumindest Glück im Unglück. Er ist einer dieser jungen Lehrer, die gerade ihre Zeugnisse überreicht bekommen haben. Referendar war er am Aachener Couven-Gymnasium. Nun hat er eine Festanstellung — allerdings konnte er nicht in Aachen bleiben, sondern arbeitet künftig als Deutsch- und Englischlehrer an einem Berufskolleg in Mönchengladbach. „Ich habe versucht, meine Bewerbungen breit zu streuen“, berichtet er. Letztlich gab es aber nur zwei Gymnasien — eines in Aachen, eines in Köln — die seine Fächerkombination ausgeschrieben hatten. Und da gab es weit mehr als 100 Mitbewerber. In Köln wurden auf eine offene Stelle in einem Fall sogar 290 Bewerber gezählt. „Auch ein Einser-Examen garantiert heute keinen Job mehr. Es gibt Leute mit 1,8-Schnitt, die nicht einmal eine Einladung zum Bewerbungsgespräch bekommen“, erklärt Michael Horst.

Landesweit 52 freie Stellen

Horst ist der Sprecher des Referendarsjahrgangs, der jetzt abgeschlossen hat. „Die ganze Situation ist wirklich unglücklich“, sagt er. Mit dem fertigen Mai-Jahrgang gibt es zum Ende des Schuljahres doppelt so viele Bewerber für weit weniger Stellen als üblich. Schon jetzt waren landesweit weniger Stellen ausgeschrieben als sonst im Regierungsbezirk Köln. Wer aktuell in die Stellenliste des Ministeriums schaut, der findet 52 Einträge, davon zehn im Regierungsbezirk Köln. Das ist wenig. Sehr wenig.

Mehr denn je weichen Lehrer, die an Gymnasien ausgebildet wurden, auf Berufskollegs oder Gesamtschulen aus. Doch auch dort ist die Zahl offener Stellen begrenzt. Und wenn, dann liegen sie meist in den technischen Fächern. So müssen die jungen Lehrer wie Lars Odenkirchen mit ihren „normalen“ Fächern vor allem Glück haben: „Als ich gesehen habe, wie wenig Stellen und wie viele Bewerber es gibt, habe ich schon Angst bekommen. Während des Studiums und des Referendariats dachte ich immer, ich werde schon eine Stelle finden. Und dann hat man plötzlich Angst, auf der Straße zu stehen. Was mache ich sonst mit Germanistik und Englisch?“

Die Betroffenen müssen nun mit ansehen, wie sich ihr Problem mit den Mai-Absolventen potenziert. Die haben bereits Infoveranstaltungen mit der Arbeitsagentur erlebt, sollen den Blick für Stellen jenseits von Schulen öffnen. „Als wir begonnen haben, dachten wir, die Perspektiven wären super“, erinnert sich Horst, der Englisch, Geschichte und Katholische Religion unterrichtet. „Es war noch nie so schlimm“, sagt Siemund.

Gelernt haben die neuen Lehrer, dass diese Prognosen nichts wert sind. Ausgerechnet während ihrer Examen im Oktober und November wurde ihnen die erste deprimierende Prognose zu den Einstellungschancen von Seiten der Bezirksregierung gegeben.

Durchgebissen haben sich die Referendare dennoch. Und Michael Horst betont jetzt: „Resignieren bringt auch nichts. Wir müssen einfach Geduld mitbringen.“ Das sieht auch Fachleiter Braam so, der hofft, dass nicht zu viele Lehrer ihrem Beruf mangels Perspektive nun den Rücken kehren. „In den nächsten Jahren wird es eine deutliche Pensionierungswelle geben, wenn die G8-Folgen erst einmal überwunden sind“, sagt er. Doch bis dahin müssen die Lehrer eben ein paar Jahre überstehen. Mit Vertretungsstellen oder anderweitig.