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Hendrik Streeck: Neue Diskussion um Gangelt-Studie

Hendrik Streeck : Neue Diskussion um Gangelt-Studie

Hat der Bonner Virologe und Laschet-Berater erfundene Forschungsergebnisse in der Gangelt-Studie zur Verbreitung des Coronavirus benutzt? Ein Wissenschaftler hat jetzt eine Strafanzeige gestellt.

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck ist im Zusammenhang mit seiner Gangelt-Studie wegen Betruges angezeigt worden. Das berichtet das Wirtschaftsmagazin „Capital“ unter Berufung auf die Kriminalpolizei Bonn. Der Anzeigensteller, bei dem es sich um einen Wissenschaftler handeln soll, wirft Streeck vor, die nordrhein-westfälische Landesregierung getäuscht zu haben, um Drittmittel für die Studie einzuwerben. Darüber hinaus habe der Virologe anstelle der mit der Landesregierung vereinbarten wissenschaftlich basierten Erkenntnisse und Fakten aber zum Teil „erfundene Forschungsergebnisse“ geliefert, heißt es in der Anzeige, die dem in Berlin erscheinenden Wirtschaftsmagazin vorliegt.

Eine umstrittene Pressekonferenz

Streeck stellte mit weiteren Professoren und Dutzenden Mitarbeitern von Ende März bis Mitte April umfassende Untersuchungen in Gangelt an, wo das Coronavirus am 15. Februar bei einer Karnevalssitzung in Gangelt-Langbroich verbreitet und am 25. Februar zum ersten Mal offiziell festgestellt worden war. Ein idealer Ort, um mehr über das Virus, seine Verbreitungsweise und das Maß seiner Verbreitung zu erfahren. Die Landesregierung von Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), als dessen Berater Streeck in Corona-Fragen gilt, bezahlte 65.315 Euro plus Umsatzsteuer für die Studie.

Noch vor Abschluss der Untersuchungen hatte Streeck in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Laschet am 10. April Zwischenergebnisse vorgestellt. An diesem Vorgehen gab es heftige Kritik von vielen Seiten, auch vom Virologen Christian Drosten, der als erster Corona-Berater der von Angela Merkel (CDU) geführten Bundesregierung gilt. Während Laschet sich schon früh für Lockerungen der Corona-Beschränkungen einsetzte und dessen Sichtweise von Streecks Forschungsergebnissen gestützt wurde, nahm Merkel eine entgegengesetzte Haltung ein, mahnte zur Vorsicht – und wurde in dieser Haltung von Drosten bestätigt.

Die Betrugsvorwürfe gegen Streeck stellen nun jedoch eine vollkommen neue Dimension der Kritik dar. Dabei geht es nach Darstellung von „Capital“ konkret um Aussagen im Zwischenbericht zur Heinsberg-Studie vom 9. April zu einem Zusammenhang zwischen Hygienemaßnahmen, der Viruskonzentration und dem Schweregrad einer Corona-Erkrankung. Dazu seien in der Studie keine Daten erhoben worden, die einen wissenschaftlichen Befund stützen, heißt es in der Anzeige.

Auf Anfrage wiesen Streeck und die weiteren an der Studie beteiligten Wissenschaftler der Uni Bonn sämtliche Vorwürfe zurück. Bezüglich ihrer Aussagen im Zwischenbericht verwiesen sie auf ihre Untersuchungen zu der Karnevalssitzung in Gangelt, bei der sich viele Leute infizierten: Der entsprechende „Diskussionspunkt“ des Zwischenberichts basiere auf den Ergebnissen, die zeigen, dass der Schweregrad der Erkrankung bei Teilnahme an dem sogenannten „Super-Spreading-Event mit entsprechend schlechten hygienischen Bedingungen deutlich höher war als bei Menschen, die nicht an einem solchen Event teilgenommen haben“.

Streeck verteidigt sich

Darüber hinaus verteidigte Streeck auch die Angabe in seinem Angebot für die Landesregierung vom 25. März, wonach zu diesem Zeitpunkt bereits ein „positives Ethikvotum“ der zuständigen Ethikkommission der Uni Bonn vorlag. Laut dem Eintrag zur Gangelt-Studie im Deutschen Register für Klinische Studien wurde der Beschluss der Ethikkommission am 31. März ausgestellt – also erst nach dem Vertragsschluss zwischen Streeck und der Landesregierung. Dagegen betonte Streeck, dass es „mehrere Voten“ der Ethikkommission gab - darunter auch eines am 24. März. Laut Kriminalpolizei liegt die Anzeige mittlerweile auch der Staatsanwaltschaft Bonn vor.

Wegen des Vorwurfs „erfundener Forschungsergebnisse“ führt derzeit auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) eine Vorprüfung, wie ein Sprecher bestätigte. Darin gehe es „in erster Linie“ darum, ob es bei der Gangelt-Studie einen DFG-Bezug gebe. In der vergangenen Woche bat die DFG die Bonner Forscher dazu um eine Stellungnahme.