„Politisch unkorrekt“ ausrasten: Neonazis wollen „Malle-Party“ in der Region feiern

„Politisch unkorrekt“ ausrasten : Neonazis wollen „Malle-Party“ in der Region feiern

Neonazis aus der Region Aachen wollen am kommenden Samstag eine „Malle-Party“ veranstalten. Solche Partys sollen vor allem Jugendliche ansprechen. Doch wie passt das zu der Ideologie?

Neonazis aus der Region Aachen wollen am 7. September eine konspirativ organisierte „Malle-Party“ veranstalten. Schon 2017 haben sie eine „Ballermann-Party“ in einem Vorort von Hückelhoven abgehalten. Solche Feiern sind wichtige Events in der „Erlebniswelt Rechtsextremismus“ – auch wenn sie im krassen Widerspruch stehen zu anderen Veranstaltungen aus der braunen Szene, die ähnlich abgehalten werden wie zu Zeiten der Nationalsozialisten.

Das „Syndikat 52“ lädt ein

Auf einem dieser Zeitung vorliegenden Flyer, der bisher nur szenenintern verbreitet wird, geben sich der Kreisverband Aachen-Heinsberg der neonazistischen Minipartei „Die Rechte“ (DR) sowie die indirekte Nachfolgeorganisation der verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL), „Syndikat 52“ (S52), als Veranstalter der neuen „Malle-Party“ zu erkennen. Das Vorhaben gleicht der „Ballermann-Party“, die der Parteiverband und dessen „Projekt“ und Vorfeldorganisation S52 schon 2017 organisierten. Verbreitet wird die Einladung derzeit unter anderem via Messenger.

Der Flyer kündigt die „Malle-Party“ für den ersten Samstag im September abermals für die Region Aachen an. Die Feier sei „politisch unkorrekt“ und man wolle „ausrasten“, heißt es dazu weiter. Dazu eine hübsch aufgemachte Grafik von einem Sandstrand am Meer, einer Palme und dazu das Bild eines Cocktails, der darauf wartet, aus einer Kokosnuss geschlürft zu werden. Lebensfreunde und Hedonismus also. Es mag im krassen Gegensatz dazu stehen, was Neonazis sonst so in der Region regelmäßig veranstalten.

Erst vor wenigen Wochen hatten DR und S52 sich, angeblich für eine Privatfeier auf einem Grillplatz des Eifelvereins in Simmerath eingemietet. Zelebriert wurde eine Sommersonnenwendfeier ähnlich wie in Zeiten des Nationalsozialismus. Jährlich halten DR und S52 zudem „Heldengedenken“ wie in der Hitler-Zeit auf Soldatenfriedhöfen in Vossenack oder Langerwehe-Merode ab. Konspirativ trifft man sich dabei bei Einbrechen der Dunkelheit, marschiert im Fackelschein auf. Ebenso regelmäßig werden „Geburtstagsfeiern“ rund um den 20. April abgehalten, man zelebriert also den „Führergeburtstag“. Als man dies 2017 in einem unter falscher Flagge angemieteten Raum in Erkelenz tat, wurden nach Recherchen dieser Zeitung an die Gäste Verzehrkarten verteilt, auf denen das Bild eines Trommlers aus Zeiten der SA und der Hitler-Jugend zu sehen war.

Zielgruppe: Jugendliche

Stehen „Ballermann“- und „Malle-Parties“ im krassen Gegensatz dazu? Nicht wirklich. Sie gehören sie zur „Erlebniswelt“, sind Bestandteil der Szene, um Jugendlichen etwas zu bieten oder das Gemeinschaftsgefühl bei feucht-fröhlichen Feiern zu stärken. Im NRW-Verfassungsschutzbericht 2018 hieß es, gerade S52 inszeniere sich „erlebnisorientiert mit rebellischem Gestus“, bemühe sich „um jugendkulturelle Affinität“ und spreche so „aktionsorientierte“ Jugendliche an.

Nach Recherchen unserer Zeitung stehen in der Vorsaison auch reale Reisen an den „Ballermann“ unter hiesigen Neonazis und Hooligans seit Jahren im Terminkalender. In diesem Jahr kursierten in den Sozialen Medien selbst gepostete Fotos einer solchen Reisegruppe, die die Männer mit freiem Oberkörper beim Feiern zeigten. Auf dem Brustkorb eines Mannes aus Stolberg: ein tätowiertes Hakenkreuz.

Trotz aller Feierlaune, ganz unpolitisch war etwa die „Ballermann-Party“ in Hückelhoven vor zwei Jahren nicht. Antifaschisten hatten im Oktober 2017 herausgefunden, wo die Neonazis feierten. Heimlich fertigten sie Fotos und Videos von anreisenden Besuchern und solchen, die betrunken vor der Tür des Veranstaltungsortes feierten und grölten. Das Material liegt unserer Zeitung vor, es ist authentisch. Neonazis von DR und S52 sowie alte Mitglieder der verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) stehen dabei vor dem Eingang. Gemeinsam singen sie unter anderem: „Und irgendwann, irgendwann einmal, wird die KAL wieder legal.“

Vermieter sind oft völlig ahnungslos

Das Anmieten von Grillplätzen, Schützen- und Bürgerhäusern oder anderer Räumlichkeiten aus jenen Kreisen findet meist ähnlich statt – und regelmäßig schöpfen Vermieter keinen Verdacht, fühlen sich später getäuscht. Unverfänglich wirkende Interessierte geben vor, lediglich Familien- oder private Feiern mit Freunden etwa aus einem Sportverein zu planen. Da die oft ehrenamtlich engagierten Vermieter am Tag selbst nur selten nachschauen, was dann geschieht, können rechtsextreme Treffen und bisweilen sogar Rechtsrock-Konzerte oft ungestört stattfinden.

Die Polizei Aachen sagte unserer Zeitung auf Anfrage, ihr seien die Pläne aus rechtsextremen Kreisen für die „Malle-Party“ bisher nicht bekannt gewesen.

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