Nannen Preis 2019: Erfolg in der Kategorie Investigation/Lokal

In eigener Sache : Ein besonderer Nannen Preis mit Siegern aus Aachen

Der Nannen Preis gilt als renommiertester Journalistenpreis des Landes und wurde traditionell mondän gefeiert. In diesem Jahr findet er seinen Weg zurück zu den Wurzeln. Und zwei unserer Redakteure dürfen sich freuen.

Der Nannen Preis 2019 war ein besonderer Nannen Preis. Für Stephan Mohne und Oliver Schmetz sowieso. Weil es relativ selten vorkommt, dass Redakteure einer Regionalzeitung mit dem wohl renommiertesten Journalistenpreis des Landes ausgezeichnet werden. Vor neun Jahren waren sie schon einmal nominiert, mussten sich aber Investigativjournalisten aus den großen Häusern geschlagen geben. Dass es diesmal anders kam, hat viel mit ihrer akribischen Detektivarbeit zu tun, mit der sie dubiose Beförderungen von Personalräten bei der Stadt Aachen und der Städteregion aufdeckten.

In einer Artikelserie konnten sie den Nachweis führen, dass Personalräten nach Gutsherrenart Gehaltssprünge zugestanden wurden, die weit oberhalb dessen liegen, was gesetzlich vorgesehen ist. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue, weil es um öffentliches Geld geht. Diese außerordentliche Leistung unserer Redakteure wurde von der prominent bestetzten Jury mit dem Gewinn in der Kategorie Investigation/Lokal belohnt.

Es war aber auch ein besonderer Nannen Preis, weil es der erste nach dem Fall Relotius war. Nicht nur, weil der „Spiegel“ in unmittelbarer Hamburger Nachbarschaft zu Gruner + Jahr und dem „Stern“ residiert, wo der Nannen Preis verliehen wird, und auch nicht nur, weil der derzeitige „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann Mitglied der Nannen-Jury ist, war der Fall Relotius am Samstag allgegenwärtig. Die ganze Branche versucht Lehren aus den Fälschungen und dem Vertrauensverlust zu ziehen, die der ehemalige „Spiegel“-Redakteur ausgelöst hat.

Die Antwort von Gruner + Jahr sowie des Nannen Preises: Zurück zu den Wurzeln. Keine abgehobenen Glamour-Preisverleihungen mehr in der Elbphilharmonie oder dem Schauspielhaus, sondern Flaschenbier und Kartoffelsalat in der Gruner-Jahr-Kantine. Dazu öffnet der Verlag seine Türen und legt erstmals seinen „Tag des Journalismus“ auf den Tag der Preisverleihung. Von 10 Uhr an wuseln Leser und Journalisten durch das Verlagshaus. Hören Vorträge über Fake News, Faktencheck und Fehlerkultur, lassen sich von Atze Schröder unterhalten oder lauschen dem Interview mit Till Schweiger. Das Haus ist voll, die Menschen sind interessiert.
Auch an den Leistungen der zwei Aachener Journalisten, die ihre Arbeit im Gespräch mit Yassin Musharbash („Zeit“) vorstellen. Wie ein Krimi lese sich ihre Artikelserie, deren volle Bandbreite sich erst nach und nach entfalte, sagt Musharbash. Schmetz und Mohne legen dar, wie komplex die Recherchearbeit war, und, dass es durchaus Gegenwehr der Protagonisten gegeben habe. Hier sei die Rückendeckung aus dem Haus sehr wichtig gewesen. Um eine solche Geschichte zu recherchieren, bedürfe es natürlich einer gewissen Hartnäckigkeit. „Sie ist aber vor allem sehr zeitaufwändig. Das kann man nicht mal eben nebenher machen“, sagte Schmetz, der gemeinsam mit Mohne ein Investigativ-Recherche-Team bei unserer Zeitung bildet.

Zu diesem Zeitpunkt war natürlich noch nicht klar, dass da Nannen-Preisträger sprechen, zwei Leser aus Celle waren aber ob der Präsentation überzeugt: „Wir wünschen viel Glück.“ Die Konkurrenz war wie nicht anders zu erwarten stark: Kollegen der „Berliner Zeitung“ sowie des „Tagesspiegel“ hatten zu dubiosen Investorentätigkeiten um den Checkpoint Charlie recherchiert, Redakteure der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hatten softwarebedingte Unregelmäßigkeiten bei den hessischen Landtagswahlen aufgedeckt.

Umso größer war der Jubel am Abend bei der kleinen Aachener Delegation als Moderatorin Marieta Slomka den notariell verschlossenen Umschlag öffnete und sagte: „Die Aachener Geschichte hat gewonnen.“ Mohne konnte es auch nach der Preisverleihung noch kaum glauben und erinnerte sich nach eigenen Angaben nur noch schemenhaft an die Worte, die er auf der Bühne sprach. Darum auch für ihn hier noch mal zum Nachlesen: „Wir brauchen einen starken und unabhängigen Regional- und Lokaljournalismus, weil nur er die Geschichten erzählen kann, die Unregelmäßigkeiten im unmittelbaren Umfeld aufdecken. Das muss unsere Zukunft sein.“

Der danach aufbrandende Applaus lässt sich wohl am besten damit erklären, dass Mohne die zentralen Punkte ansprach, die die verunsicherte Branche derzeit am stärksten beschäftigen: Brauchen wir nach Relotius eine Rückbesinnung auf den guten alten Journalismus, der sich weniger als Literaturform versteht, sondern sich stärker darauf konzentriert, nüchtern Missstände aufzudecken? Wie gelingt es uns, relevanten und glaubwürdigen Journalismus für die Leser zu machen?

Man könnte also hoffnungsvoll sagen, dass der Nannen Preis 2019 ein Schritt aus der Misere nach der Affäre Relotius war. Wenn man so will, mit ein klein wenig Hilfe aus Aachen.

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