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NRW sitzt an der Nähmaschine: Nachfrage nach selbstgenähten Stoffmasken ist groß

NRW sitzt an der Nähmaschine : Nachfrage nach selbstgenähten Stoffmasken ist groß

Das Coronavirus breitet sich weiter aus und die Nähmaschinen laufen heiß: Ein Schneider in Köln, eine Hobby-Näherin in Leichlingen und eine Freundinnengruppe in Düsseldorf - sie alle nähen im Kampf gegen Corona.

Im Schaufenster eines Kölner Änderungsschneiders hängen Blätter mit der Aufschrift „Atemmasken“ - der Preis beträgt 5 Euro. Hinter dem Schaufenster sitzt der 60-jährige Schneider Hasan Akin. Vor ihm aneinander gereiht die selbstgenähten Stoffmasken. Schlichte weiße Masken, Masken mit blauen und roten Sternen und solche mit Leoparden-Muster. Die Nachfrage sei sehr groß. 30 bis 40 Masken verkaufe er am Tag.

Im Monat März habe er nur wenige hundert Euro eingenommen. „Vier Gardinen, vier Hosen und eine Jacke habe ich umgenäht“, sagt Akin und zeigt hinter sich ins kleine Atelier. Dann kam ihm vor eineinhalb Wochen die Idee, Masken zu nähen: Um sich zu retten und zu helfen, wie er sagt. Sein Glück sei, dass sein Atelier früher ein Kiosk war. Er bedient seine Kunden über ein Ladenfenster mit genügend Abstand. Die Tür bleibt zu, um weitere Infektionen zu verhindern.

Zehn Minuten für eine Maske

Nach derzeitigem Stand infizierten sich weltweit über eine Millionen Menschen mit dem Coronavirus. Das geht aus aktuellen Zahlen der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität von Freitag hervor. Alleine in Deutschland sind derzeit etwa 84.000 Menschen nachweislich mit dem Virus infiziert, rund 18.600 davon in NRW, wie das Gesundheitsministerium am Freitag mitteilte. Die Millionenstadt Köln hatte am Freitag mit zunächst 1700 Infizierten die meisten Fälle im Land.

Also in der Stadt, in der Akins Atelier ist. Für die Anfertigung einer Maske brauche er zehn Minuten. Am Tag sitzt er acht Stunden an der Maschine. Die Nachbarn helfen, sie bringen Stoffe mit, und er schenkt ihnen dann eine Maske. Es müsse hochwertiger Baumwollstoff sein, der bei 90 Grad waschbar sei und der werde Akin zufolge knapp. Auch die Bänder, die man sich am Hinterkopf zubindet, sowie Gummibänder, die man hinter die Ohren schnallt – alles rare Ware.

Dieses Problem hat nicht nur Akin. Die Hobby-Näherin Silke Griepentrog aus Leichlingen fertigt ebenfalls Stoffmasken an. Stoffe seien zwar noch erhältlich, aber die notwendigen Gummibänder nicht mehr. Bisher habe sie in rund einer Woche schon 300 Masken genäht - für die Nachbarschaft und Krankenhäuser. Über Soziale Medien kämen täglich neue Wünsche. Geld verlange sie nicht. Bisher habe aber jeder eine kleine Spende hinterlassen, die Griepentrog für neues Material ausgebe. Auch wenn sie von „morgens bis nachts“ an der Maschine sitze, freue die 52 Jährige sich, dass sie mit ihrem Hobby helfen könne: „Ich nähe, was andere Helfer jetzt dringend benötigen.“

Schutz kontovers diskutiert

Der Schutz durch selbstgenähte Atemmasken wurde in den vergangenen Wochen kontrovers diskutiert. Das Robert Koch-Institut änderte am Donnerstagabend seine Einschätzung zu den Masken. Wenn Menschen - auch ohne Symptome - vorsorglich eine Maske tragen, könnte das das Risiko einer Übertragung von Viren auf andere mindern, hieß es auf der Internetseite der Bundesbehörde. Wissenschaftlich belegt sei das aber nicht. Zuvor hatte das RKI den Mundschutz nur Menschen mit akuten Atemwegserkrankungen empfohlen.

Der Virologe Christian Drosten sagte dem NDR, dass die Schutzeigenschaften aber stark von Material und Nutzung abhängen. Fest gewebte Stoffe sind besser geeignet als leicht gewebte. Hygienevorschriften und Abstandsregeln sollten trotzdem eingehalten werden. Drosten finde aber selbstgenähte Masken vor dem Hintergrund der Knappheit medizinischer Masken sinnvoll.

Viele Kliniken klagen über unzureichende Schutzausrüstung. Die Stiftung Kinderherz mit Sitz in Essen rief in einer Mitteilung unter anderem dazu auf, Stoffmasken für Kinder mit Herzfehlern zu nähen. Hülya Layik (50) und vier ihrer Freundinnen folgten dem Hilferuf und setzten sich an ihre Nähmaschinen: „Wie müssen alle zusammenhalten“ sagt Layik. Die Erzieherin versuche täglich nach Feierabend, mindestens zehn Masken zu nähen. Eine der Freundinnen aus der Gruppe sammle sie dann ein und fahre sie zur Klinik. Bisher haben sie hunderte Masken genäht: „Wir nähen so lange, bis der Bedarf gedeckt ist“, erklärt die dreifache Mutter.

Der Kölner Schneider Akin hat in seinem Repertoire auch bunte Masken, die explizit für Kinder oder sogar Babys gedacht sind. Darunter eine mit goldenem Dekor und eine mit einem Leopardenmuster. Von denen habe er bisher keine verkauft, aber viele an die Nachbarskinder verschenkt. Der Dauerbrenner bei Erwachsenen sei eine Maske mit blauen Sternen. Weiße Masken seien nicht so beliebt. Der 60-Jährige hat dafür eine Erklärung: „Da sieht man doch krank aus.“

(dpa)