„Habe an meine Kleine gedacht“: Nachbar stoppt außer Kontrolle geratenen Lastwagen

„Habe an meine Kleine gedacht“ : Nachbar stoppt außer Kontrolle geratenen Lastwagen

Ein 38-Tonner walzt durch eine Siedlung, pflügt Vorgärten um, schiebt ein Auto gegen den Baum. Der Fahrer hat offensichtlich keine Kontrolle mehr. Da handelt ein Anwohner – eine lebensgefährliche Aktion.

Stephan Koenig hat im entscheidenden Moment keine Sekunde daran gedacht, wie gefährlich das ist. Er hat nur diesen Lastwagen gesehen, der eine Runde nach der anderen durch die Siedlung walzte und dabei Vorgärten der Nachbarn verwüstete - mit einem Fahrer am Steuer, der offensichtlich keine Kontrolle mehr hatte. Und er dachte an seine Tochter und die anderen Kinder, die gleich von der Schule kommen müssten, erzählt er am Dienstag, dem Tag danach.

Unaufgeregt schildert Koenig, wie er diesen 38-Tonner gestoppt hat. Mit seiner Geschichte wolle er sich nicht aufspielen, sagte er dem „Soester Anzeiger“. Er wolle deutlich machen, dass es in Problemsituationen besser ist zu handeln, als Handy-Videos zu drehen.

Der Fahrer konnte nach einem „internistischen Notfall“, wie die Polizei mitteilte, den schweren Lastwagen nicht mehr auf der Straße halten. Koenig rannte, um auf den Lkw zu springen und die gefährliche Situation zu entschärfen.

Stephan Koenig (rechts, mit einem Journalisten) sprang auf seinen Motorroller, um den Lastwagen zu stoppen – eine lebensgefährliche Aktion. Foto: dpa/Michael Dülberg

Der Lastwagen hatte in der Siedlung eine zerstörerische Runde nach der anderen gedreht, wie die Polizei mitteilte - insgesamt zehn bis zwölf Mal. Koenig schildert, wie er in seiner Garage geschraubt hatte, ins Haus ging und sich für die Nachtschicht umzog. Dann sah er durchs Fenster den 38-Tonner, der eigentlich nicht durch die Siedlung fahren durfte. Minuten später: Wieder der Lastwagen. „Da habe ich schon die Nachbarinnen schreien hören, weil der durch die Vorgärten gefahren ist. Das hat geknackt und geknirscht.“

„Ich habe gedacht, dass meine Kleine zehn Minuten später von der Schule kommt, und der Lkw im Kreis fährt, und der Fahrer nicht weiß, was er tut“, erzählt er und dachte auch an die anderen Schulkinder, die immer den Weg nehmen. Ihm war klar, dass da etwas nicht stimmte, und er versuchen musste, den Lkw aufzuhalten - ansonsten würde etwas Schlimmes passieren, befürchtete er.

Auf seiner Irrfahrt durch die Siedlung rammte der Lastwagen auch dieses abgestellte Auto – und fuhr weiter. Foto: dpa/Michael Dülberg

Nach einem vergeblichen Sprint hinter dem langsam fahrenden Laster, lief er zurück zu seiner Garage, schnappte sich seinen Roller, fuhr zuerst hinterher, dann dem Laster entgegen. Der Laster kam, schob einen Kleinwagen gegen einen Baum, fuhr weiter. „Das Fenster war runter, der Mann war ansprechbar, die Nachbarinnen haben geschrien, er soll anhalten“, schildert Koenig die Dramatik. Er gab Gas, überholte den Laster, „habe den Roller an die Hauswand geschmissen“, erzählt er.

Koenig kennt sich als Mechatroniker bei einem Unternehmen, das Wohnmobile baut, mit großen Fahrzeugen aus: Wenn er es schaffen würde, zwischen Lkw und Auflieger zu kommen, könnte er das Notbremssystem auslösen. Schnell musste er sein. „Da musste der Moppel schon rennen“, sagt der 100-Kilo-Mann am Tag danach nicht ohne Selbstironie. Als der Lkw abbog, rannte er los, sprang hoch und zog sich an der Leiter des Führerhauses hoch. Nassgeschwitzt löste er die Notbremsung für den Anhänger aus.

Rettungskräfte kümmerten sich um den Fahrer. Die Einsatzkräfte sprachen von einem internistischen Notfall bei dem Mann. Foto: dpa/Michael Dülberg

Im Fahrerhaus zog er den Zündschlüssel ab. „Der Fahrer wollte weiterfahren, hat immer gesagt: Hausnummer, Hausnummer. Da war mir klar, dass er einen schweren körperlichen Schaden hat“, erzählt Koenig. Der 54-jährige Lkw-Fahrer wurde mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht. Wie es ihm geht, konnte die Polizei am Dienstag nicht sagen.

Es war eine riskante Aktion. „Wenn man bei dieser Aktion zwischen Führerhaus und Auflieger abrutscht und wird überrollt, dann muss man auch mit dem Tod rechnen“, sagt Polizeisprecher Holger Rehbock und ist froh, dass nichts passiert ist.

An diesem Garten sind noch die Spuren des Vorfalls zu sehen. Foto: dpa/Michael Dülberg
(dpa)
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