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Roetgen: Nach der Schule direkt in die eigene Firma

Roetgen : Nach der Schule direkt in die eigene Firma

Ein junger Mann im dunklen Anzug öffnet die Tür. Er sieht aus wie ein Geschäftsmann - ist er auch. Und gleichzeitig Schüler.

Noch. Bis zur letzten Abiturprüfung morgen. „Dann kann ich mir endlich eine Auszeit von der Doppelbelastung nehmen und mich ganz meiner Firma widmen”, sagt Andreas von Oettingen aus Roetgen.

Während seine Mitschüler nachmittags Fußball spielen oder ins Freibad gehen, führt sein Weg direkt ins Büro. Das Arbeitspensum des 19-Jährigen ist enorm: Durchschnittlich zwölf Stunden täglich, sieben Tage die Woche.

Von acht bis 16 Uhr besucht er eine Privatschule und sitzt anschließend bis 23 Uhr oder länger am Rechner und erledigt Telefonate. Alle zwei Tage joggt der Unternehmer zum Ausgleich: „Ich muss schließlich auch auf meine Gesundheit achten.”

Seit 1996 beschäftigt sich von Oettingen mit dem Internet und den neuen Medien. „Meinen ersten Computer habe ich dann im Alter von 16 bekommen”, erzählt der Roetgener und fügt hinzu: „Davor war ich genauso wie alle anderen.”

Damals noch Internatsschüler in Königswinter bei Bonn, hat er viel Zeit mit seiner neuen Errungenschaft verbracht. „Ich fing an, mich über Fehler bei Word und anderen Programmen zu ärgern.” Lösungen hat der Jugendliche in Internetforen gesucht und gefunden: „Das Internet ist der beste Bildungsweg”, ist der junge Mann bis heute überzeugt.

Nach und nach hat von Oettingen sein Wissen erweitert und begonnen, selber kleine Sachen zu programmieren. Hinzu kamen zahlreiche Praktika, in denen er nicht nur viel dazugelernt, sondern hat auch bereits einiges von der Welt gesehen: Neben diversen Stationen in Deutschland hat der Roetgener auch mehrere Wochen in New York gearbeitet und „ausgiebig die Stadt genossen”.

2003 gründete der damals 18-Jährige seine Firma Oettingen Consulting. Bislang ist es ein Einmann-Unternehmen mit zahlreichen Kooperationen. Unternehmensziel ist die Entwicklung von Softwarelösungen, die kleinen und mittelständischen Unternehmen die kostengünstige Nutzung des Internet ermöglichen. Spezialgebiet: e-Learning.

Inzwischen hat Andreas von Oettingen eine Software entwickelt, die weit über die Grenzen Aachens hinaus Beachtung findet. „stradego” heißt die Plattform, die im Februar von der Europäischen Kommission beim e-Learning Award „eurela” ausgezeichnet wurde. Bei „stradego” handelt es sich um eine Internet basierte Lernsoftware, die von Oettingen im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg für das Projekt „kommun@l online” entwickelt hat.

Bei seinen Mitschülern stößt er mit seinen Vorlieben nicht auf übermäßiges Interesse: „Sie freuen sich für mich, wenn sie von Erfolgen hören, aber mehr auch nicht.” In der Familie ergeht es ihm ähnlich. Als Zweitjüngster von vier Geschwistern wird der „Profi” jedoch immer gerufen, „wenn irgendwas mit den Computern nicht klappt.” Dafür zeigt der junge Mann Verständnis: „Das ist das ja immer so, wenn man ein Spezialgebiet hat.”

Wie es bei Andreas von Oettingen mit dem schulischen Wissenstransfer aussieht, wird sich morgen herausstellen: Dann nämlich stehen die letzten mündlichen Abiturprüfungen für ihn an. Doch diesem Termin sieht der Schüler gelassen entgegen: „Die Note ist mir nicht so wichtig. Das wird irgendwas zwischen zwei und drei. Man muss halt Kompromisse machen.”

An Plänen für die Zukunft mangelt es ihm nicht. Da seine Firma so erfolgreich ist, ist eins klar: „Ich will expandieren.” Die entsprechenden Mitarbeiter hat er sich bereits ausgeguckt. Eventuell steht auch noch ein Urlaub mit Mitschülern an.

Langfristig plant der Computerspezialist ein Studium der Betriebswirtschaftslehre (BWL). Warum nicht Informatik? „Ich glaube nicht, dass ich da noch so viel lernen kann. Bei BWL handelt es sich um Kernbereiche, von denen ich noch keine Ahnung habe.”

Wenn man Andreas von Oettingen fragt, ob er sich nicht doch manchmal mehr Freizeit wünscht, dann sagt er: „Wissen Sie, das ist ja mein Glück: Die Arbeit ist mein Hobby.”