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Nach dem Hochwasser

Nacht ohne schweren Regen : NRW von neuer Unwetterkatastrophe verschont geblieben

Mit Sorge hatten viele auf die Hochwassergebiete in NRW und Rheinland-Pfalz geschaut: Für die Nacht waren neue Unwetter befürchtet worden. Doch die Menschen konnten zunächst aufatmen.

Große Erleichterung in Nordrhein-Westfalen: Alle vom Jahrhundert-Unwetter vor rund zehn Tagen heimgesuchten Regionen sind trotz vereinzelter Starkregenfälle von einer weiteren Katastrophe verschont geblieben. „Dem Lagezentrum sind keine herausragenden Unwettereinsätze bekannt“, bilanzierte eine Sprecherin des nordrhein-westfälischen Innenministeriums am Sonntag.

Auch aus den meisten Feuerwehren, Polizeileitstellen sowie Kreisverwaltungen wurde gemeldet: „keine besonderen Einsätze“. Wolfgang Andres, Sprecher des zuvor besonders stark betroffenen Kreises Euskirchen, sagte, jetzt könnten viele aufatmen, die sich wegen der erneuten Gewitter- und Starkregen-Prognosen Sorgen gemacht hätten.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hatte am Samstagnachmittag eine amtliche Warnung vor starkem Gewitter mit Sturmböen um 70 Stundenkilometer, Starkregen und Hagel herausgegeben. Bereits hochwassergeschädigte Kommunen wie etwa Leichlingen rüsteten sich daher bereits für neuen Starkregen.

Nachdem es am Samstagabend nur punktuell starke Gewitter und Niederschläge im Münsterland und in nördlichen Teilen des Ruhrgebiets gegeben hatte, mussten dort lediglich vereinzelt Feuerwehren wegen Wasser in Kellern ausrücken.

In Rheinland-Pfalz war den Menschen aus Sorge vor neuen Unwettern am Samstag das Angebot gemacht worden, in einer Notunterkunft unterzukommen. Wer wollte, konnte aus den gefährdeten Gebieten mit einem Shuttlebus in die Unterkunft nach Leimersdorf gebracht werden. Doch die Wetterlage blieb dort „entspannter als es die Modelle vermuten ließen“, wie die DWD-Sprecherin sagte.

Am Sonntagvormittag gab es für NRW keine amtlichen Gewitterwarnungen mehr vom DWD. Ab Mittag könne es zwar örtlich noch Gewitter geben, hieß es im Warnlagebericht. Sehr wahrscheinlich sei „aber nur eng begrenzt“ mit bis zu 30 Litern Starkregen pro Quadratmeter in kurzer Zeit sowie Sturmböen um 65 Kilometer pro Stunde zu rechnen. Auch Montagmittag könne es punktuell wieder zu ähnlichen Entwicklungen kommen.

Weiter große Hilfsbereitschaft

Unterdessen reißt die Hilfsbereitschaft nicht ab – neben Geldspenden wollen viele Menschen auch selbst in den betroffenen Orten anpacken. Am Samstag waren es so viele, dass die Polizei in Koblenz und der Krisenstab an Helferinnen und Helfer appellierten, sich nicht mehr auf den Weg ins Katastrophengebiet zu machen. Sämtliche Zufahrtsstraßen seien völlig überlastet, hieß es.

Überall wurden während des gesamten Wochenendes die Aufräumarbeiten unter Einsatz zahlreicher tatkräftiger Helfer fortgesetzt. Der Rhein-Erft-Kreis appellierte an die Bürger, bei den Aufräumarbeiten Handschuhe zu tragen. „In Schlamm und Schmutzwasser können sich Krankheitskeime befinden“, hieß es in einer Mitteilung.

In Erftstadt-Blessem, wo der Starkregen in der vergangenen Woche einen tiefen Schlund in die Erde gespült hatte, darf weiterhin niemand bis auf 100 Meter an die Abbruchkante heran. Die Sicherung der Ortschaft und der angrenzenden Kiesgrube mache aber Fortschritte, berichtete Landrat Frank Rock (CDU) am Sonntag nach einer Sitzung des Krisenstabs.

Unmittelbar nachdem ein provisorischer Damm zwischen der Erft und der Kiesgrube fertiggestellt worden sei, hätten bereits Erdarbeiten für ein langfristiges Damm-Bauwerk begonnen, nachdem der alte weggespült worden war. „Der Einsatz der Bundeswehr-Hubschrauber ist damit beendet“, teilte Rock mit. „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden die Böschungen der Kiesgrube zum Damm der Erft als stabil eingeschätzt. Weitere Prüfungen – insbesondere der Abbruchkante zur Ortschaft Blessem – laufen.“

Mitte der kommenden Woche werde mit einer neuen Einschätzung der Experten gerechnet. „Ich hoffe sehr, dass auch den Menschen innerhalb der 100-Meter-Sicherheitszone in den nächsten Tagen ermöglicht werden kann, ihre Häuser und Wohnungen zumindest kurzzeitig zu betreten“, sagte der Landrat. „Hieran arbeiten alle Beteiligten unter Hochdruck.“

Schwere Gewitter im Süden

Schwere Gewitter gab es in der Nacht zu Sonntag im Süden Deutschlands, dort regnete es, vor allem südlich der Donau, teils auch heftig. Und auch am Sonntag könnte es wieder kräftig gewittern, sagte eine DWD-Sprecherin. „Die Luft ist sehr feucht und warm, da kann es brodeln.“ Die Aussichten seien aber für einen Sommertag bislang normal, Unwetterwarnungen gab es zunächst nicht.

In Stuttgart führten die Regenfälle am Samstagabend zu Überschwemmungen in der Innenstadt. In mehreren Gemeinden im Kreis Heilbronn knickten nach Angaben der Polizei in der Nacht zum Sonntag Bäume um, Keller liefen voll und Straßen wurden überflutet.

Nach mehreren Spendenaktionen für die Flutopfer in den vergangenen Tagen gab es am Samstagabend außerdem wieder eine Benefizsendung: Bei „Deutschland hilft – Die Sat.1-Spendengala“ kamen 31.155.430 Euro Spendengelder zusammen. Mehr als 50 Prominente saßen den Angaben zufolge als Sammler für Spenden am Telefon, darunter Hella von Sinnen, Verona Pooth, Samuel Koch, Alex Peter, Matthias Opdenhövel und Mickie Krause.

THW berichtet von Beschimpfungen

Unterdessen sind Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW) bei ihrem Einsatz in westdeutschen Flutgebieten mitunter unfreundlich empfangen worden. „Das geht dann soweit, dass unsere Helferinnen und Helfer beschimpft werden“, sagte die Vize-Präsidentin des THW, Sabine Lackner, am Samstag im RTL/ntv-„Frühstart“. „Wenn sie mit Einsatzfahrzeugen unterwegs sind, werden sie mit Müll beschmissen“, fügte Lackner hinzu. Hinter den Angriffen seien vor allem Querdenker oder Menschen aus der Prepper-Szene, die sich als Betroffene der Flutkatastrophe ausgäben, sowie einige frustrierte Flutopfer.

Die Polizei Koblenz zeigte sich bestürzt über die Berichte. „Sollte die Polizei von einem solchen Vorfall Kenntnis erhalten, werden wir sofort und mit aller Entschiedenheit dagegen vorgehen“, schrieb sie am Samstag auf Twitter. Derzeit könne die Polizei in Koblenz die Schilderungen aber „in keiner Weise“ bestätigen. „Wir selbst haben erst aus den Medien von diesem angeblichen Vorfall erfahren und dies sofort beim THW und unseren Polizeikräften überprüft“, so die Polizei.

Auch der Polizei in Nordrhein-Westfalen sei kein Vorfall in diese Richtung bekannt, sagte ein Sprecher der Landesleitstelle am Samstag. „Uns liegen dazu keine Informationen vor.“

(dpa)