Düsseldorf: Nach 18 Jahren „immer noch ein Gänsehautgefühl”

Düsseldorf: Nach 18 Jahren „immer noch ein Gänsehautgefühl”

Seit 18 Jahren verwandelt sich Engelbert Jäger am Vorabend des Martinstages in einen römischen Soldaten. Am späten Nachmittag schlüpft der 56-Jährige aus Kaarst (Rhein-Kreis Neuss), der im Alltag eine Fahrschule betreibt, in sein Kostüm mit dem charakteristischen roten Wollmantel.

Schließlich steigt er auf sein Pferd, um als Sankt Martin den großen Martinsumzug durch die Düsseldorfer Altstadt anzuführen. Jäger liebt vor allem die besondere Atmosphäre beim Umzug: „Ich hab dabei immer noch ein Gänsehautgefühl”, sagt er.

Im Düsseldorfer Zug durch die Altstadt, der auch in diesem Jahr wieder am Dienstag (10. November) stattfindet, reiten zwei Männer als Sankt Martin mit. Während der 56-Jährige den Heiligen als jungen römischen Soldaten mimt, gibt es noch einen Darsteller, der den älteren Sankt Martin als Bischof spielt. Das Nachspielen der legendären Mantelteilung bleibt demnach Jäger in seiner Rolle als junger Sankt Martin überlassen.

Der 80 Jahre alte Mantel, der das Jahr über im Kostümfundus der Stadt lagert, ist aus zwei Teilen zusammengeknöpft. Mit seinem Schwert durchtrennt Jäger dann bei der nachgestellten Szene die Knöpfe. „Ich hau da richtig rein”, sagt er schmunzelnd. Bisher seien die Knöpfe dann auch immer aufgegangen. Allerdings habe er schon ein wenig Angst, dass er in der Dunkelheit mit dem Schwert einmal auf der falschen Seite herumfuchtele, sagt er.

Daher werde die Zeremonie auch nach langen Jahren nicht langweilig. „Man weiß zum Beispiel auch nie, wie das Pferd auf die vielen Leute und das Scheinwerferlicht reagiert”, erklärt Jäger. Während des Umzugs reite er daher hoch konzentriert, mehrere Helfer achteten zudem darauf, dass die Kinder nicht zu nahe an die Tiere herankämen. In strömendem Regen habe er glücklicherweise noch nie den Mantel teilen müssen. Allerdings hänge die Zahl der Umzugsteilnehmer stark vom Wetter ab. Im vergangenen Jahr kamen nach Angaben von Jäger rund 3000 Kinder und Erwachsene.

Zu der ehrenamtlichen Aufgabe kam Jäger über seine Mitgliedschaft in der Gesellschaft Reiterkorps Wilhelm Marx, die in Düsseldorf seit Jahren den reitenden Sankt Martin stellt. „Als man mich angesprochen hat, ob ich nicht den Sankt Martin machen will, habe ich nicht lange überlegt”, erzählt Jäger. Besonders ans Herz gewachsen sei ihm in den vergangenen Jahren auch die Tradition, dass sich die Organisatoren des Umzuges am Nachmittag stets im Haus des ehemaligen Sankt-Martin-Darstellers zu „Kaffee und Mutzen” treffen und „über alte Zeiten reden”.

Es sei vor allem das öffentliche Gemeinschaftserlebnis, das den Martinsbrauch seit Jahrzehnten so beliebt mache, sagt Katrin Bauer vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster. Die Brauchtumsexpertin vermutet, dass in unserer schnelllebigen Zeit traditionelle Stichtage für die Menschen wieder eine größere Bedeutung gewinnen. Deshalb seien auch Martinsbräuche wie das Mitführen von Laternen oder das Martinsfeuer allen Unkenrufen zum Trotz unverändert beliebt.

Der Martinsbrauch sei vor allem im Rheinland und im südlichen Westfalen sehr verbreitet. „Im südlichen Rheinland macht jedes Dorf einen Martinsumzug”, berichtet Bauer. Wie viele Umzüge es landesweit gebe, sei daher schwer zu beziffern.

Die Legende des Heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teile, werde hingegen vor allem von den Schulen und Kindergärten gepflegt, hat Bauer beobachtet. Aber auch Jäger merkt als Sankt Martin immer wieder, dass die Legende über soziales Verhalten von den Kindern auch während des Zuges aufgenommen wird. „Sie fragen ihre Eltern zu dem Thema", erzählt er.

Noch viele Jahre möchte der 56-Jährige den Sankt Martin spielen. „Ich sag immer, ich mach das, bis ich vom Pferd falle oder der Mantel nicht mehr passt”, scherzt der 56-Jährige.

Einen Verbesserungsvorschlag hat er jedoch für den Düsseldorfer Umzug: „Ich würde mir wünschen, dass während der Zeremonie die Legende von Sankt Martin vom Rathausbalkon gelesen wird”, sagt t Jäger. „Die Leute warten oft so lange geduldig mit ihren Kindern und die Mantelteilung ist dann in drei Sekunden vorbei.” Da man diesen Part nicht in die Länge ziehen könnte, wäre das feierliche Vorlesen für die Besucher noch einmal ein zusätzliches Erlebnis, ist Jäger überzeugt.