Mutmaßlicher Mörder von Nicky Verstappen erstmals vor Gericht

Fall Nicky Verstappen : Angeklagter Jos B. beteuert seine Unschuld

Mehr als 20 Jahre nach dem gewaltsamen Tod des elfjährigen Nicky Verstappen in der Nähe der deutsch-niederländischen Grenze hat sich erstmals der mutmaßliche Täter öffentlich vor Gericht geäußert. Der 55 Jahre alte Jos B. beteuerte am Mittwoch in Maastricht seine Unschuld.

Er habe den Jungen nicht entführt, sexuell missbraucht und getötet, sagte der Niederländer. „Ich habe es nicht getan.“

Blut, das auf Nickys Unterkörper gefunden worden war, deute auf sexuellen Missbrauch kurz vor dem Tod des Elfjährigen hin. Daher sei ein natürlicher Tod des Jungen für das Gericht nicht plausibel. Die Spuren B.s auf dem Unterkörper würden zudem darauf hindeuten, dass Jos B. Nicky zeitweise festgehalten habe. Das Gericht geht davon aus, dass die Person, die den Elfjährigen missbraucht hat, auch für seinen Tod verantwortlich ist.

Bei dieser ersten formalen Sitzung ging es zunächst nur um den Stand der Ermittlungen. Das Hauptverfahren verzögert sich: Der mutmaßliche Täter soll zunächst psychi­atrisch untersucht werden, um festzustellen, inwieweit er zur Rechenschaft gezogen werden kann und wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass er zum Wiederholungstäter werden könnte. Eine zweite formale Sitzung wird es am 8. März geben.

Im Gerichtssaal wurde die Familie des Jungen erstmals mit dem mutmaßlichen Mörder direkt konfrontiert und viele für sie schmerzhafte Details des Falls angesprochen. Die Tageszeitung „De Limburger“ berichtet von emotionalen Szenen. Als Jos B. den Raum für eine Unterbrechung verließ, soll Nickys Mutter ihm zugerufen haben: „Schau mich an, B.!“

Trotz intensiver Ermittlungen gab es lange keine Spur von einem Täter. Jos B. wurde erst in diesem Sommer in Spanien festgenommen und dann in die Niederlande ausgeliefert. Die Ermittler waren ihm nach einem Massen-Gentest auf die Spur gekommen. Auf der Kleidung und der Leiche von Nicky waren 21 Spuren entdeckt worden, die alle mit der DNA des Angeklagten übereinstimmen sollen. Da Jos B. den Elfjährigen weder gekannt haben noch im Sommercamp gewesen sein soll, müssten diese Spuren erklärt werden, betonte der Staatsanwalt.

Die Ermittler waren Jos B. nach einem Massen-Gentest auf die Spur gekommen. Foto: dpa/Ralf Roeger

Sein Verteidiger Gerald Roethof bezweifelt derweil, dass die Beweise für eine Verurteilung ausreichen. Der sexuelle Missbrauch sei nicht bewiesen und auch die Todesursache nie zweifelsfrei festgestellt worden. „Wir wollen doch nicht, dass jemand fälschlicherweise verurteilt wird für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat.“

„Wenn die Zeit reif ist“

Der Angeklagte schwieg während der Sitzung weitgehend und wollte sich auch auf Drängen der Richter nicht dazu äußern, was er zur Tatzeit in der Brunssumerheide getan hatte und wie seine DNA auf den Körper des Jungen und dessen Unterhose gelangt sei. Er werde sich äußern, „wenn mir alles deutlich ist und die Zeit reif“, sagte er.

Was genau im August 1998 mit Nicky Verstappen passiert ist, ist noch immer nicht geklärt. Der elfjährige Nicky war im Naturpark Brunssumerheide im Südosten der Niederlande während eines Sommercamps verschwunden. Einen Tag später wurde seine Leiche gefunden, der niederländische Junge war sexuell missbraucht worden.

Am 11. August gegen Mitternacht, einige Stunden nach dem Fund der Leiche, wurde B. in Tatortnähe auf einem Fahrrad gesehen. Er wurde angehalten, als Zeuge befragt und als unverdächtig eingestuft.

Im Zuge der Ermittlungen wurde bekannt, dass B. bereits 1985 zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden war, weil er einen Zehn- und einen Elfjährigen unsittlich angefasst hatte. Ermittler fanden auf seinem Computer außerdem Kinderpornografie. Der mutmaßliche Mörder war jahrzehntelang Pfadfinder und betreute Kinder in Zeltlagern — bis er 2002 die Pfadfinder in Heerlen verlassen musste.

Der Fall hatte nicht nur in den Niederlanden, sondern auch im benachbarten Deutschland Bestürzung ausgelöst.