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Aachen: Multimedia auf dem Handy ist noch kein Spaß

Aachen : Multimedia auf dem Handy ist noch kein Spaß

Die futuristische Kunststoff-Raute erinnert eher an einen steinzeitlichen Faustkeil als an eines jener rar gesäten Handys, die das Tor zum gelobten Land mobiler Multimedia aufstoßen sollen.

Das Nokia 7600 ist eines der beiden Funktelefone auf dem Markt, die eine mit viel Vorschuss-Lorbeeren bedachte Technologie beherrschen: UMTS (Universal Mobile Telecommunication System).

Seit wenigen Monaten ist das neue, schnellere Mobilfunk-Netz der Dritten Generation im Praxis-Einsatz - per Multimedia-Karte fürs Notebook oder mit einem speziellen Handy. Inzwischen bieten alle vier großen Mobilfunker die neue Technologie an. Wir hatten die Möglichkeit, mit einem Nokia 7600 im T-Mobile-Netz die Stärken und Schwächen der neuen Handy-Welt zu testen.

Drin. Das Symbol aus einer übereinander stehenden „3” und dem „G” (Kürzel für Dritte Generation) oben links im Handy-Display zeigt an, dass sich das Gerät ins UMTS-Netz eingebucht hat.

Halbes DSL-Tempo

Je nach Anzahl der Bälkchen ist nun eine Datenübertragung von bis zu 384 Kilobit möglich. Das ist in etwa halbes DSL-Tempo. Findet das Handy kein UMTS-Signal, dann taucht an derselben Stelle das „normale” Antennen-Symbol auf. Das Gerät sendet über das herkömmliche Handy-Netz und „surft” mit GPRS und einer Geschwindigkeit von „nur” bis zu 53,6 Kilobit. Die Übergabe der Netze funktioniert reibungslos. Verliert das Gerät sein UMTS-Netz, übernimmt die GPRS-Verbindung, ohne dass der Datenfluss unterbrochen wird.

Insgesamt gesehen ist die Versorgung mit UMTS-Netz im Stadtgebiet Aachen in Ordnung. Wo Bebauung ist, da findet die Nokia-Raute in der Regel auch eine Highspeed-Verbindung. Besonders gut ist die Versorgung etwa im Aachener Silicon Valley, dem Gewerbegebiet Pascalstraße, wo viele Technologie-Firmen ihren Sitz haben - potenzielle Kundschaft für schnelle Datendienste. Hier klettern die „3G-Balken” gar bis aufs Maximum. Der frisch aufgenommene Video-Mini-Clip ist hier binnen Sekunden abgeschickt. Das überzeugt, auch wenn diese bewegten Bilder bislang nur so groß wie eine Briefmarke und von mittelprächtiger Qualität sind.

Gehts dagegen durch den Aachener Wald, über die Autobahn oder aber in Grenznähe Richtung niederländisches Vaals, muss der Handy-Surfer mit dem langsameren GPRS Vorlieb nehmen. Da zieht sich der Abruf des T-Mobile-Portals „T-Zones” dahin. Spaßfaktor: Fehlanzeige.

Zeit für einen mittäglichen Stopp in der Aachener City. Bei strahlendem Sonnenschein bietet sich im Eiscafé am Hof die Gelegenheit zum Powertest der futuristischen Flunder. Mit dem Navigationsknopf gehts mitten hinein ins Herz der „T-Zones”. Nokias UMTS-Juwel macht einem das Leben dabei nicht gerade leicht. Die Daumen-Druckpunkte für die Orientierung im Menü liegen so dicht beieinander, dass sie erst mit einiger Übung wirklich fehlerfrei beherrschbar werden.

Musik und Video

Multimedia, das sind vor allem Klänge und Bilder, und da das UMTS-Handy sowohl mit einem Musik-Player als auch mit einer bescheidenen Videokamera-Funktion ausgerüstet sind, lohnt sich der Blick in die „T-Zones”: Dort wartet die „Mobile Jukebox” mit einer überschaubaren Anzahl von MP3-Downloads auf zahlungskräftige Musik-Fans, die bereit sind, 1,49 Euro für einen „echten” Hit als Klingelton zu berappen.

Als Walkman-Ersatz taugt das Handy allerdings wenig. Die Songs werden bereits nach 90 Sekunden ausgeblendet, um die Datenmenge nicht zu groß werden zu lassen. Beim Test gelingt weder der Download noch das kostenlose Probehören: „Dateiformat nicht unterstützt”, meldet stattdessen das Handy.

Auch in der Königsklasse - den bewegten Bildern - ist vom Komfort mobilen Multimedias noch wenig zu spüren. So erweist sich der Versuch, den 2,49 teuren Tor-Ticker mit Video-Sequenzen vom EM-Kick Deutschland - Niederlande zu abonnieren, als reich an Hindernissen.

Beim ersten Versuch bockt das Nokia 7600: „Gateway reagiert nicht”. Erst der zweite Anlauf ist erfolgreich, wenn auch von der Nutzerfreundlichkeit her ein Offenbarungseid: „Um diesen Service zu bestellen, schreiben Sie bitte eine SMS an 2004 mit dem Text Video8”, erfährt der verblüffte Nutzer. Technik, die entgeistert.

Als Torsten Frings am Abend seinen Freistoß direkt in die Maschen des Oranje-Gehäuses zirkelt, steigt die Spannung: Wenige Minuten später piept das Gerät. Zwei Daumendrücke später flimmert die Sequenz mit Kommentar übers Handy-Display. Zuerst in der Totalen, da erkennt man nicht mal den Ball. Dann in Nahaufnahme, die ist OK. Insgesamt bleibt aber der Eindruck, dass die Displays künftiger UMTS-Generationen größer und mit besserer Darstellung ausgestattet sein müssen.

Die Beispiele verdeutlichen das Grundproblem des UMTS-Starts: Die Dienste sind (noch) nicht für die schnellen Handys konzipiert, sondern für das verbreitetere GPRS. Die Datenpakete müssen kompakt bleiben, sonst ist bei den meisten dieser Nutzer während des Downloads locker der Kaffee durchgelaufen.

Kinderkrankheiten

Die Mobilfunk-Anbieter sollten deshalb dazu übergehen, für UMTS einen eigenen Bereich auf ihren Handy-Portalen einzurichten, so dass der Nutzer wählen kann, ob er die schlanke schnelle oder die üppige langsamere Version von Sound- oder Video-Dateien bevorzugt.

Fazit der Rundreise in der Zukunft des Handys: Aller Anfang ist schwer. Die Netzabdeckung ist in Ordnung und wird in den Ballungsräumen sukzessive ausgebaut. Bei den Diensten hakt es noch: Kinderkrankheiten eines Systems, das schon jetzt eine Ahnung davon vermittelt, wie attraktiv wirkliches mobiles Multimedia einmal sein könnte, wenn die Schwächen erst Technologie-Geschichte sind.

Ach ja, telefonieren kann man mit dem Faustkeil übrigens auch, und zwar in etwas besserer Qualität, aber das ist für so einen Boliden doch fast schon zu profan.