Müllabfuhr: Rückwärtsgang nur als Ausnahme

Müllabfuhr : Rückwärtsgang nur noch als Ausnahme

  Der letzte schreckliche Unfall dieser Art ereignete sich Anfang des Jahres in Verl: Ein 88-Jähriger wurde von einem zurücksetzenden Müllfahrzeug erfasst. Für ihn kam jede Hilfe zu spät, der Senior starb am Unglücksort.

Vor zwei Jahren veröffentlichte die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) deswegen ein neues Präventionsmedium und erinnerte die Kommunen noch einmal an diese arbeitsschutztechnischen Verpflichtungen. Die neue Branchenregel „Abfallsammlung“ gibt den Entsorgern Hilfestellungen, wie sie die Abfallsammlung sicher organisieren können, um Unfallgefahren für die Mitarbeiter und auch für die Anwohner zu reduzieren. In den letzten Jahren hatte es bundesweit immer wieder Tote bei der Müllentleerung gegeben, auch in Nordrhein-Westfalen – meistens waren es unbeteiligte Anwohner wie der 88-Jährige in Westfalen, die ums Leben kamen.

Schon immer bestand deshalb für alle Abfallsammelbetriebe die Verpflichtung, solche Gefährdungen möglichst zu vermeiden, sagt Klaus Grundmann, der Sachgebietsleiter „Abfallwirtschaft“ der zuständigen Unfallkasse NRW. Die Versicherer begleitet nur die kommunalen Betreiber, die Vorgaben sind allerdings für alle Entsorgungsunternehmen verbindlich.

Der Müll-Unternehmer muss mit einer Gefährdungsbeurteilung permanent ermitteln, ob seine Arbeitsschutzmaßnahmen ausreichen und die Abfallsammlung sicher umgesetzt werden kann.

Welche konkreten Arbeitsschutzmaßnahmen erforderlich sind, ist oft abhängig von der Breite und dem Verlauf der Straßen, wie hoch dort das Verkehrsaufkommen ist und auch von der Größe der eingesetzten Müllfahrzeuge. Längst gibt es auch technische Möglichkeiten, die bis zu 26 Tonnen schweren Müllfahrzeuge zum Beispiel mit Assistenzsystemen auszustatten, die das Fahrzeug bei Gefahr selbsttätig abbremsen, wenn die Sensoren eine Person hinter dem Fahrzeug registrieren. Andere Möglichkeiten sind der Einsatz von kleineren Müllfahrzeugen oder auch die Verlegung von Bereitstellungsplätzen der Sammelbehälter.

Mit maximal neun Stundenkilometer darf so ein rückwärtsfahrender Müllauto unterwegs sein, ein Trittbrettfahrer ist verboten, stattdessen ein Einweiser Pflicht. Länger als 150 Meter soll die Fahrstrecke nicht sein. „Bei der Abfallsammlung müssen von den Beschäftigten tagtäglich hunderte Mülltonnen geleert werden. Das ist ein Knochenjob, und mancher Einweiser hat dann auch schon lieber die Abfallbehälter passend hingestellt, um schnell fertig zu werden und hat nicht mehr so auf das rückwärtsfahrende Müllfahrzeug geachtet, wie es eigentlich erforderlich gewesen wäre“, sagt Grundmann, der Experte von der Unfallkasse. „Hier hat es allerdings ein Umdenken gegeben, die Sensibilisierung der Mitarbeiter für die Gefahren bei der Abfallsammlung hat bei den Betrieben oberste Priorität.“ Generell lautet die Botschaft der Branchenregelung unverändert: „Minimiert die Rückwärtsfahrten.“

Die Kommunen können die Vorgaben natürlich nicht in die Tonne hauen, sondern müssen sie umsetzen. Etwa 40 von ihnen haben  das Ahlener Institut Infa mit einer  entsprechenden Gefahrenanalyse beauftragt.

Die Stadt Aachen zum Beispiel ist seit einem Jahr dabei, eine Art Gefahrenkataster zu erstellen, sagt Sprecherin Elisa Bresser. Das Verfahren, das von einer Agentur begleitet wird, ist durchaus aufwändig. Erfasst werden die Strecken, die bislang rückwärts von den Tonnenentleerern angefahren werden. Wie breit ist die Straße und der parallele Gehweg? Wie lang ist die Strecke? Gehört eine Kindertagesstätte oder ein Krankenhaus zu den Anliegern? Was liegt für ein Untergrund vor? Gibt es Sichteinschränkungen? Die Daten werden in einer App gesammelt.

Ein paar hundert solcher Stellen müssen allein im Aachener Stadtgebiet bewertet werden. „Das Ziel ist es, den Rückwärtsverkehr möglichst zu minimieren“, sagt Bresser. Ein völliges Verbot zeichnet sich nicht ab, dafür befinden sich zu viele Sackgassen im Stadtgebiet. Wie weit entfernt vom Haus ein möglicher Sammelpunkt für die Müllbehälter liegen darf, regelt die Abfallsatzung. Und die sieht einen langen Fußweg nicht vor. Die Strecke müsse „zumutbar“ sein, steht in der Rechtsprechung.

Beim Dürener Servicebetrieb ist die Vorgabe schon länger ein Thema, sagt Frank Nürnberg, der Leiter der Abfallbeseitigung. Auch diese Kommune listet die Häuser auf, die derzeit rückwärts angefahren werden. Manchmal könne man kleinere Fahrzeuge mit entsprechend kleinerem Wendekreis einsetzen, sagt der Fachmann. Dann sind mehr – bei kleineren Fassungsvermögen der Müllautos – mehr Fahrten notwendig. Auch in Düren will man die Zahl der Rückwartsfahrten „so weit wie möglich“ einschränken, sagt Nürnberg