Aachen/Merzenich: Mordprozess gegen A4-Falschfahrer: Das Rätsel einer Tragödie

Aachen/Merzenich : Mordprozess gegen A4-Falschfahrer: Das Rätsel einer Tragödie

Als W. zum Zeugenstand geht, wirkt er noch gefasst, er lächelt sogar leicht, doch als Richter Roland Klösgen ihm die erste Frage stellt, bricht Zeuge W. zusammen. W., ein 48 Jahre alter Autor und Fotograf, muss sich minutenlang sammeln, bevor er überhaupt den ersten Satz herausbekommt, immer wieder schluchzt er und schlägt die Hände vors Gesicht.

Später wird er dem Gericht sagen, dass er die Erinnerung an diesen 20. Januar monatelang unterdrückt habe, dass er einfach nicht mehr an den Moment denken wollte, in dem er glaubte, sterben zu müssen. Und nun, da er als Zeuge über genau diesen Tag sprechen soll, ringt er mit der Fassung. Am Ende wird seine Aussage zu einer der größten und menschlichsten in der jüngeren Geschichte der Aachener Justiz.

Vor dem Landgericht Aachen hat der Mordprozess gegen den 47-jährigen Niederländer begonnen. Foto: Ralf Roeger

Seit Montag steht der 48 Jahre alte Niederländer Charles T. vor der Schwurgerichtskammer des Aachener Landgerichts, er ist der Verursacher des Geisterfahrerunfalls auf der A 4 bei Merzenich am 20. Januar, in dessen Folge zwei Menschen starben. Charles T., der sich an diesem Tag selbst töten wollte, überlebte schwer verletzt, die Folgen des Unfalls sind ihm bis heute anzumerken. Er kommt mit Rollator in den Gerichtssaal und kann nur langsam gehen, ein kleiner grauer Mann, der leise spricht und deutlich älter wirkt, als er ist.

Bild des Grauens: In den Unfall waren drei Autos und zwei Lastwagen verwickelt. Foto: Markus Gerres

Die Rekonstruktion

Die Aachener Staatsanwaltschaft hat Charles T. wegen zweifachen Mordes und sechsfachen versuchten Mordes angeklagt, ihm droht lebenslange Haft. Zwar unterstellen ihm die Ermittler nicht, diese Morde beabsichtigt zu haben, aber um wegen Mordes verurteilt zu werden, reicht es unter Umständen schon aus, den Tod eines Menschen billigend in Kauf genommen zu haben. Juristen sprechen von bedingtem Vorsatz. Die Frage, die natürlich im Mittelpunkt des Prozesses steht, ist diese: Warum wollte sich Charles T. töten? Und warum gerade als Geisterfahrer auf einer Autobahn?

Die Antwort lautet: Charles T. weiß es nicht, er ist sich selbst ein großes Rätsel.

T. berichtete am Montag von einer glücklichen Kindheit, lieben Eltern und Geschwistern, von einem Schwager, der ihm half, die Schule zu absolvieren und im Beruf seines Vaters, der Elektriker war, Fuß zu fassen. Er übernahm die Firma des Vaters, hatte zwei Angestellte, konnte gut von seiner Arbeit leben, war schuldenfrei, hatte Freunde, vergangenes Jahr heiratete er, am 2. August. Bis zum 7. Oktober 2016 lief sein Leben in geregelten Bahnen. Dann wachte er eines Morgens auf, fühlte sich schlecht und kam ins Krankenhaus, Verdacht auf Schlaganfall.

Die Ärzte fanden nichts, Charles T. wurde am 12. Oktober wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Ihm wurde ein Antidepressivum verschrieben, aber die Symptome wie Kopfschmerzen, Wortfindungs- und Wahrnehmungsstörungen blieben. Das Problem ist, dass Charles T. sich kaum mehr an diese Zeit erinnert. Von seiner Geburt bis Weihnachten 2016 kann er fragmentarisch Auskunft geben, dann ist da nur noch Leere, sagt er. Wo er den Jahreswechsel 2016/2017 verbracht hat, weiß er nicht mehr, auch an den Tag des Unfalls erinnert er sich nicht.

Richter Klösgen liest ihm den Abschiedsbrief vor, den die Polizei nach dem Unfall in seinem Auto fand, doch auch der bringt T. nicht weiter. Er schrieb davon, dass er aufgrund der gesundheitlichen Probleme nicht mehr der Alte und ihm das Leben dadurch unerträglich geworden sei. Er erwähnt in dem Brief noch dies und jenes, aber nichts davon, findet er heute, rechtfertige es, als Geisterfahrer in den rollenden Verkehr der A4 zu ziehen und sich selbst zu töten. T. weint, er wirkt verzweifelt.

Klösgen bringt es fertig, allein am ersten Prozesstag 15 Zeugen, Charles T. und einen Sachverständigen zu vernehmen, andere Richter brauchen dafür Monate. Mit Hilfe der Zeugen und eigener Berechnungen kann der Unfallsachverständige Werner Möhler folgenden Hergang des Unfall grob rekonstruieren:

Charles T. fährt am 20. Januar, einem Freitag, gegen 11.30 Uhr über die Abfahrt Merzenich falsch auf die A4 auf. In rund 100 Sekunden fährt er dreieinhalb Kilometer, bevor er auf die rechte Spur des Richtung Aachen rollenden Verkehrs zieht und auf den 26-Tonner des Zeugen Erik G. zufährt. G. weicht aus, erst nach links, dann nach rechts, Charles T. touchiert mit 120 bis 140 Kilometern pro Stunde nur seine hintere Stoßstange. T. fährt schnurgerade auf den 40-Tonner des Zeugen Manfred G. zu, aber auch er weicht T.s Ford aus. Der Ford prallt mit Wucht gegen den Tank des Lkw und weiter gegen eine Felge. Bis hierhin spielt sich alles auf der rechten Spur ab.

Von Manfred G.s 40-Tonner aus fliegt T.s Ford Richtung mittlere Spur und gegen die Motorhaube des VW Bullys des Zeugen W. Die Front des Bullys wird schwer beschädigt, die Windschutzscheibe zerbirst. Der Ford zerbricht in drei Teile: Der Motorblock fliegt über das Auto des dahinter fahrenden Zeugen R. hinweg, er hat riesiges Glück. Das Heck fliegt auf die Standspur und richtet auch keinen Schaden an. Die Front fliegt Richtung linke Spur und kollidiert dort mit dem Audi A3 von Heinz H. (76), der noch an der Unfallstelle stirbt. Seine Beifahrerin, Gertrud L. (59), stirbt am 8. Februar im Aachener Klinikum.

„Bleib‘ wach, bleib‘ wach“

W., der Bullyfahrer, schildert dem Gericht, wie er auf der mittleren Spur fahrend den Ford auf sich zufliegen sah und dachte, er müsse sterben. Seine Frau, die neben ihm saß, schrie, dann der Aufprall, dann die berstende Scheibe. Einen Sekundenbruchteil später die Kollision des A3 mit dem Wrack des Ford. W. sprang aus dem Auto, trug seine Frau aus dem Bully und setzte sie an die Leitplanke, der Verkehr war längst zum Erliegen gekommen. Er rannte zurück und zog Gertrud L. aus dem qualmenden A3.

Er lief zur Fahrerseite des A3 und wollte auch Heinz H. helfen, wischte ihm das Blut vom Gesicht und rief ihm zu: „Bleib‘ wach, bleib‘ wach.“ Aber allein bekam er H. nicht aus dem Auto gezogen, er lief zurück zu seiner Frau.

Charles T.s Anwalt sagte W., was er zuvor schon den Angehörigen der Opfer im Gericht gesagt hatte, dass es seinem Mandanten „unendlich leid tut“. Richter Klösgen wollte W. schon aus dem Zeugenstand entlassen, da bat er noch mal um das Wort. W. drehte sich zu T. und sagte: „Sie tun mir sehr leid, und es tut mir sehr leid, dass zwei Menschen gestorben sind. Aber ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihr Leben wiederfinden und erkennen, wie schön das Leben ist.“ Kaum jemand im Gerichtssaal, der angesichts derartiger menschlicher Größe keine Tränen in den Augen gehabt hätte.

Der Prozess wird am 29. September fortgesetzt.