Aachen: Mit Laptop und Schlafsack gehts nachts in den Dom

Aachen: Mit Laptop und Schlafsack gehts nachts in den Dom

Wäre der Aachener Domwächter ein Heiliger, dann hätte er als Attribut einen Schlüsselbund und eine große Taschenlampe. Wie der Apostel Jakobus die Muschel oder der heilige Martin den geteilten Mantel. Kennzeichen für ein ganzes Leben - oder zumindest einen Ausschnitt davon.

Unerschrocken sollte der Wächter sein, keine Angst im Dunkel großer Räume haben, allein sein können, weniger schlafbedürftig als der Normalbürger. In Aachen muss er zwingend der Studentenverbindung „Franconia” angehören, denn diese stellt das Team der Domwächter. Um dort Mitglied zu sein, ist zwingende Vorbedingung: männlich und katholisch. Ein bisschen elitär also, die nächtliche Domwache in der Hohen Domkirche zu Aachen. Aber hat das Weltkulturerbe Nr. 1 nicht Anspruch auf Elite?

Wir dürfen zu Gast sein in diesem exklusiven Zirkel und die Domwächter begleiten, und teilnehmen an ein wenig Abenteuer mitten in Aachen. Der Dom ist dunkel um diese Zeit. Lediglich eine Notbeleuchtung gibt Orientierung. Und es ist still. Die quietschenden Sohlen auf dem Fußboden sind das einzige Geräusch. Nur von draußen dringen Geräusche in die heiligen Hallen, singende Heimkehrer auf dem Münsterplatz, ein fernes Martinshorn, selten das Bellen eines Hundes, der spät noch ausgeführt wird. „Und wenn eine Frau mit Stöckelschuhen draußen entlang läuft, meint man, sie geht durch die Chorhalle”, erinnert sich Christian Müller, 23. In den ersten Nächten jenseits der Routine ist er dann aufgestanden und hat sicherheitshalber nachgesehen.

Die massive Holztür im Domkreuzgang erscheint undurchdringlich. Zumal in Augenhöhe unübersehbar ein Schild bittet, diese Tür immer abgeschlossen zu halten. Burkhard Ruland rüttelt an dieser Tür, um sicherzustellen, dass der Aufforderung auch Folge geleistet wurde. Doch diese öffnet sich geräuschlos. Ein überraschtes „Oh” entfährt dem 27jährigen Studenten im Halbdunkel. Das darf nicht sein! Aber dafür ist Ruland da - um während der Nacht bei insgesamt sechs Rundgängen für die Sicherheit des Aachener Doms zu sorgen. Aus rund einem Dutzend greift er den richtigen Schlüssel und verschließt die Tür. Im Weitergehen ruckelt er sicherheitshalber nochmals an der Klinke. Verschlossen!

Seit über 50 Jahren halten Mitglieder der Studentenverbindung „Franconia” Nacht für Nacht Wache im Aachener Dom. Manch einer, auch der vielen Ehemaligen, bezeichnet den Aachener Dom liebevoll als „Wohnzimmer”. Mit einem gewissen Recht, denn schließlich „bewohnen” sie den Dom zwischen 22 Uhr in der Nacht bis in den Morgen gegen 7 Uhr, schlafen in einem Nebenraum, lernen oder schauen einen Film. Der Dom ist ihnen vertraut, weil die Gruppe klein ist. Sieben Studenten, das macht in der Statistik eine Nacht pro Woche. Eine Ehre, und doch kein Ehrenamt. Jeder hat einen Arbeitsvertrag und wird mit Lohnsteuerkarte bezahlt. 55 Euro pro Nacht ist dem Domkapitel dieser treue Dienst wert.

Chor, Vorhalle mit Wolfstür, Nikolauskapelle und die Beichtstühle, der Kreuzgang mit Nebenräumen - der erste Gang durch den halbdunklen Dom dauert rund 30 Minuten, beim ersten Weg sogar etwas länger. Denn das Rütteln an diversen Toren, das Auf- und Zuschließen von Zwischentüren nimmt Zeit in Anspruch. Und vor den Gnadenbildern im Oktogon und in der Nikolauskapelle räumen die Domwächter die abgebrannten Opferlichter weg. Kein offenes Feuer im Dom! Allerdings mit einer Ausnahme: Im Vorraum der Bischofsgruft brennen die Kerzen vor den Marmortafeln, die an die verstorbenen Aachener Bischöfe erinnern - auch während der Nacht. Auf dem Steinfußboden kann kein Schaden entstehen, selbst wenn einmal eine Kerze umstürzen sollte.

Die Beichtstühle in der Nikolauskapelle sind heute abgeschlossen, seit sich vor einiger Zeit dort ein Obdachloser eingerichtet hatte in der Hoffnung auf ein warmes Plätzchen für die Nacht. Keine Chance inzwischen für ungebetene Gäste hier und anderswo im Dom, sieht man einmal von den Mäusen in der Sakristei ab, denen unbeabsichtigt Kirchenasyl gewährt wird.

An vier Stationen muss der Mechanismus einer altertümlichen Uhr bedient werden, die die nächtliche Pflichterfüllung fälschungssicher dokumentiert. Quasi das Protokoll einer jeden Nacht. Der Gedanke kommt auf, dass trotz modernen Sicherungseinrichtungen das Vertrauen in die Aufmerksamkeit von Menschen abseits jeder technischen Lösung am Ende auch die Versicherungsprämien senkt.

Also könnten durchaus auch wirtschaftliche Gesichtspunkte eine Rolle beim Engagement der Studenten spielen. Tatsächlich ist es aber so, dass beispielsweise ein Wasserrohrbruch durch die technischen Sensoren erst bemerkt würde, wenn der Schaden schon immens groß ist. „Leider zahlen wir keine geringere Versicherungsprämie, nur weil sich aufmerksame Menschen im Dom befinden”, erklärt Dieter Gahn, Leiter der Domverwaltung.

Die Domwächter sind während ihrer Schicht frei in der Gestaltung ihrer Zeit, lediglich der Rahmen ist vorgegeben: sechs Rundgänge im Laufe der Nacht, wenigstens im Abstand einer Stunde. Manche erledigen die ersten fünf in der Zeit bis gegen zwei Uhr, um dann eine Mütze Schlaf zu nehmen - spartanisch auf dem Heizungsschacht in der kleinen Sakristei auf einer Isomatte mit Schlafsack -, ehe sie am Morgen gegen sieben Uhr vom Küster abgelöst werden.

Die Zeit zwischen ihren Gängen überbrücken sie mit einem Buch oder ihrem Laptop, lernen für das Studium oder nutzen das Spätprogramm des Fernsehens. Oder setzen sich gelegentlich auch still ins Oktogon, um zur Ruhe zu kommen, zu meditieren, zu beten, die Gedanken schweifen zu lassen. „Aber das Tollste ist, wenn frühmorgens im Sommer die Sonne aufgeht und die ganze Farbenpracht der bunten Fenster im Chor erstrahlt.”

Was kann schon passieren? Vom Wasserrohrbruch war schon die Rede. Als zwischen Katschhof und Dom noch Bäume standen, hat der Sturm einen schweren Ast in das Fenster der Nikolauskapelle geblasen. Da ist es hilfreich, wenn schnell Küster Norbert Grzeschik alarmiert werden kann, der mit seinen Helfern noch während der Nacht Schlimmeres verhindert.

Und den Schreck kann man sich vorstellen, als ausgerechnet in der „Jungfernnacht” eines Domwächters das Blaulicht der Feuerwehren auf Münsterplatz und Katschhof die Szene zuckend beleuchtete, ehe sich dann herausstellte, dass es blinder Alarm war. Tücke der Technik? Anders als die modernen Sensoren vermag der Mensch eben auch zu riechen, kann Unregelmäßigkeit schnell entdecken, kann Zusammenhänge herstellen und eine mögliche Gefahr einschätzen. Es macht schon Sinn, einen vermeintlichen Anachronismus zu pflegen.

Von Langeweile keine Spur. „Aber ist es nicht gruselig, durch den menschenleeren und dunklen Dom zu wandeln?” Die altgedienten Domwächter verneinen aus Überzeugung. Auch wenn eingeräumt wird, dass mancher neue „Franke” nach einigen Schichten das ehrenvolle Amt wieder aufgibt, weil er es „mental nicht auf die Reihe” bringt.

Eine Ehre ist es dennoch, dem Team der Domwache anzugehören, die Studentenverbindung führt eine Warteliste. Und wenn in der Nikolauskapelle der verstorbene langjährige Dompropst Hans Müllejans im offenen Sarg aufgebahrt ist, dann fühlt sich beispielsweise Burkhard Ruland besonders ausgezeichnet, wenn er während der Nacht ganz persönlich von dem liebgewonnenen Toten Abschied nehmen kann.

Ein wölfisches „Uuuaaaah!”

Gruselig war es da eher, als Paul Zembmzyzki, 23, eines Nachts im Vorraum der Bischofsgruft stand. Er meinte zunächst, von unten werde gegen die schwere Bronzeplatte geschlagen. Bis er feststellte, dass das Bendfeuerwerk seine knallenden Böller bis in den Dom sandte.

Eher entspannend ist es dann, wenn der Domwächter auf der Innenseite der Wolfstür den Erzählungen draußen um den Teufel und seinen Daumen im rechten Löwenkopf zuhört. Wenn dann die Touristen selbst diesen Daumen erfühlen, dann kann es vorkommen, dass ihnen von Innen ein wölfisches „Uuuaaaaah!” entgegenschallt, als hätten sie Satan höchstpersönlich berührt. Bedauerlich für die Domwächter nur, dass sie die erschrockenen Gesichter der Besuchergruppe dann nicht sehen können.

Und ein besonderes Erlebnis ist es für den, der an Silvester Dienst hat. Denn dann geht es mit einigen der Domgeistlichen, einer Flasche Sekt und ein paar Gläsern auf den Turm. Das ist dann ein Logenplatz für das Feuerwerk in der Stadt und entschädigt für manch unbequeme Nacht in der Sakristei.

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