Stolberg: Mit dem Abschlusszeugnis zum Arbeitsamt

Stolberg: Mit dem Abschlusszeugnis zum Arbeitsamt

Der 31. Oktober war für Hans Bruckschen der glücklichste Tag in seiner beruflichen Laufbahn, gleichzeitig war es auch der schwärzeste. Der 28-Jährige aus Stolberg erhielt im Rahmen einer Feierstunde gemeinsam mit etwa 150 anderen Referendaren das Zeugnis für sein zweites Staatsexamen, er legte die Prüfung zum Lehrer der Sekundarstufe II in den Fächern Deutsch und Geschichte ab. Note: sehr gut.

Aber in den Schuldienst kommt Hans Bruckschen trotzdem nicht. Er wurde vielmehr, wie die meisten anderen Referendare an diesem Tag, mit Ausgabe des Zeugnisses in die Arbeitslosigkeit entlassen.

„Viele Lehrer wandern in andere Berufszweige ab“: Hans Bruckschen, 28 Jahre alt, arbeitssuchender Lehrer aus Stolberg.

76 Stellen für 1000 Bewerber

Da sie während der Anwärterzeit Beamte waren, bekommen die Referendare noch nicht einmal Hartz IV. Sie stehen mittellos auf der Straße, wissen nicht, wovon sie ihre Miete bezahlen sollen oder müssen, wenn sie noch keine 30 Jahre alt sind, wieder bei ihren Eltern unterkommen. Hans Bruckschen sagt: „Das ist eine regelrechte Katastrophe!“

Dabei hatten alle gedacht: Lehrer werden gebraucht! Überall fällt Unterricht aus, Klassen sollen kleiner werden, für die Betreuung von behinderten Schülern im Rahmen der Inklusion werden weitere Kräfte benötigt. Doch dem Land NRW fehlt das Geld.

Jörg Harm, Sprecher des Schulministeriums in NRW, verweist in diesem Zusammenhang auf die besondere Situation vor allem an Gymnasien. Da das Abitur hier inzwischen in der Regel schon nach zwölf statt nach 13 Jahren erworben werde, gebe es an Gymnasien derzeit einen Stellenüberhang. Um den Referendaren trotzdem einen Einstieg in die Lehrerlaufbahn zu ermöglichen, habe die Landesregierung im laufenden Jahr 1000 zusätzliche Stellen geschaffen.

Davon profitiert Hans Bruckschen allerdings nicht. „Der Etat für die Vertretungsstellen wurde um 50 Prozent gekürzt“, sagt Bruckschen. „Und die finanzielle Situation bleibt angespannt.“ Werden Lehrer krank, gibt es kaum noch Vertretungen. Lediglich wenn eine Lehrerin schwanger ist oder in Elternzeit geht, kann die Schule mit einer Ersatzkraft für eine befristete Zeit rechnen.

Ein großes Problem sei, dass die Ausbildung der Lehrer auf eineinhalb Jahre verkürzt wurde, sagt Bruckschen. Seit 2009 gibt es während des Lehramtsstudiums Praxissemester, in denen die Studenten beim Einsatz in der Schule testen können, ob der ausgewählte Beruf überhaupt etwas für sie ist, erklärt Ministeriumssprecher Harm. Im Gegenzug zu diesen Praxissemestern wurde die Referendariatszeit von 24 auf 18 Monate verkürzt. „So werden die neuen Lehrer mitten im Schuljahr mit ihrer Ausbildung fertig. Natürlich sind selbst die Vertretungsstellen an den Schulen bis dahin längst vergeben“, sagt Bruckschen.

Für das kommende Schuljahr sieht es ebenfalls nicht gut aus. 76 neue Stellen werden ab Februar an den Schulen landesweit ausgeschrieben — für die es mehr als 1000 Bewerber gibt. Und wer kein Mangelfach wie Mathematik, Physik oder Informatik unterrichten kann, braucht sich kaum Hoffnungen auf eine Einstellung zu machen. Die Bezirksregierung Köln will das so nicht bestätigen, gibt aber zu, dass „die Fächer Mathematik, Informatik, Physik, Latein, Kunst noch als einigermaßen aussichtsreich“ gelten.

„Wenn die Referendare während ihrer Ausbildung wenigstens nicht verbeamtet würden“, sagt Bruckschen. „Dann hätten sie nach der Ausbildung Anspruch auf Arbeitslosengeld“ — würden während des Referendariats allerdings Sozialabgaben zahlen müssen und hätten so ein niedrigeres Gehalt. Doch Bruckschen hat noch ein weiteres Manko ausgemacht: „In anderen Bundesländern gibt es für die Referendare vor der offiziellen Überreichung ihres Staatsexamens bereits ein vorläufiges Zeugnis. In Nordrhein-Westfalen leider nicht.“ Mit diesem vorläufigen Zeugnis hätten sich die Absolventen seines Jahrgangs in anderen Bundesländern auf eine Stelle bewerben können. Als es das offizielle Zeugnis gab, waren dort die Bewerbungsfristen längst abgelaufen.

Hans Bruckschen wird sich dennoch erneut auf eine Stelle als Deutschlehrer an einer Schule in NRW bewerben. Und wenn erneut nichts wird aus der Anstellung als Lehrer? „Viele Lehrer wandern in andere Berufszweige ab“, sagt Bruckschen. Ein Lehrer, der Naturwissenschaften studierte, könne vielleicht in einem entsprechenden Unternehmen aus der Branche eine Anstellung finden. „Aber für Sportler und Geisteswissenschaftler wird das ein Problem.“

Und die Alternative? Bruckschen nennt Bürotätigkeiten oder pädagogische Beratungen als mögliche Berufstätigkeiten außerhalb des Klassenzimmers. Aber am liebsten würde er eine Lehrerstelle antreten, und zwar dort, wo er auch sein Referendariat absolviert hat: am Gymnasium in Kreuzau.