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Aachen: Missbrauch in Gangelt: Vater droht die Sicherungsverwahrung

Aachen : Missbrauch in Gangelt: Vater droht die Sicherungsverwahrung

Die Sprache in der Gerichtsberichterstattung ist eine vorsichtige, der Konjunktiv ist ein ständiger Begleiter. Jedes Verfahren beginnt mit der Unschuldsvermutung. Aber kann man noch von Tatverdächtigen sprechen, wenn die Bilder sie eindeutig als Täter entlarven? Müssen die Vorwürfe noch in Frage gestellt werden, wenn sie durch die grausamen Videos längst belegt werden?

Angeklagt vor der 5. Strafkammer des Aachener Landgerichts sind zwei Männer wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen, Vergewaltigung, vorsätzlicher Körperverletzung und wegen des Besitzes kinderpornografischer Schriften. Der 39-jährige Niederländer Patrick B. und der 31-Jährige Marc R. sind weitgehend geständig.

Widersprüchlich sind die Schilderungen nur in der Frage, wer wen angestiftet hat. Der Niederländer soll seinen kleinen Sohn in seinem Haus in Gangelt fortgesetzt missbraucht haben, animiert vom Komplizen, der über einen Videokanal aus Dänemark zugeschaltet war. So steht es in der Anklage. 15 Fälle sind aufgelistet, darunter ein direktes Treffen der Männer, bei dem der kleine Sohn übel misshandelt worden sein soll.

Patrick B. ist zudem angeklagt, weil er sich zwischen den Jahren 2007 bis 2009 auch noch an seiner Nichte vergriffen haben soll. Im Laufe des Verfahrens ist die Anklage nach weiteren Datenfunden noch ausgedehnt worden. Das Martyrium für den kleinen Sohn begann demnach schon im Alter von vier Monaten — so ist es auf neu aufgetauchten Bildern und Videos belegt.

Das Urteil in dem Verfahren ist für den 18. April vorgesehen, und man muss nicht den Konjunktiv bemühen, um festzuhalten, dass die Männer eine hohe Haftstrafe erwarten wird. Offen bleibt die Frage, ob sie zu einer anschließenden Sicherungsverwahrung verurteilt werden. Das Gericht will die Antwort mit Hilfe von Gutachtern finden. Ist Patrick B. krankhaft seelisch gestört, ist er vermindert schuldfähig?

„Psychisch labile und dependente Persönlichkeit“

Der vom Gericht eingesetzte Psychologe machte weder kognitive oder sprachliche Defizite noch Intelligenzeinschränkungen beim Angeklagten aus. Allerdings: „Er besitzt eine psychisch labile und dependente Persönlichkeit.“ Der Forensiker lernte Patrick B. als „gehemmten, introvertierten Menschen“ kennen, der Stress und Konflikten ausweiche. Der Experte machte eine eingeschränkte Fähigkeit bei Patrick B. aus, soziale Kontakte zu gestalten oder sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen.

Im Widerspruch zu den Untersuchungsergebnissen stehen die Videos und Bilder, die den Angeklagten beim Missbrauch seines Sohnes zeigen. „Da wirkt er konzentriert und überhaupt nicht unsicher, sondern ungehemmt, ohne Gefühlsregungen für seinen weinenden Sohn.“ Eine Erklärung dafür hat auch der Experte nicht. „Das sind zwei Seiten einer Persönlichkeit: Hier die ausgeprägten Hemmungen, da der fortgesetzte Machtmissbrauch ohne jede Empathie.“

Auch eine Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie hatte sich stundenlang mit dem Pädophilen und der Frage seiner Prognose beschäftigt. Auch sie sieht in dem ehemaligen Tanzlehrer einen Einzelgänger, der von klein an oft gehänselt wurde. Eine verminderte Schuldfähigkeit oder verminderte Steuerungsfähigkeit macht sie nicht aus. Sie erkenne auch nicht, dass Patrick B. — wie von ihm beschrieben — abhängig von den Kontakten des Mitangeklagten war. Dagegen spreche auch der alleinige Missbrauch an Nichte und Sohn zu einem ganz frühen Zeitpunkt.

Sie diagnostizierte bei Patrick B. eine polymorphe Sexualität. Der 39-Jährige sei an Babys beiderlei Geschlechts ebenso wie an Frauen und Männern interessiert, habe eine Neigung zu sexuellen Experimenten, teilweise mit sadistischen Zügen. Die Vorliebe für pädosexuelle Handlungen habe auch die langjährige Beziehung zu seiner Partnerin überdauert. Erst vor ein paar Wochen fand sich im seinem Keller ein alter Rechner, auf dem er schon 2010/11 tausende pornografische Bilder und Videos gespeichert hatte.

„Starke Tendenz zum Verdrängen“

Ein großes Unrechtbewusstsein für den fortgesetzten Missbrauch hatte die Psychiaterin nicht ausgemacht, vielmehr eine „starke Tendenz zum Verdrängen und zum Verzerren“. Die Fachärztin sieht bei der „hohen Deliktfrequenz“ eine ungünstige Prognose mit hoher Rückfallgefahr. Zwar wollte sie den Erfolg einer langfristig angelegten Sexualtherapie nicht ausschließen, „aber er ist als gefährlich für die Allgemeinheit einzuschätzen“, schlussfolgert sie.

Damit rückt die Sicherungsverwahrung für den nicht vorbestraften Niederländer näher. Am nächsten Verhandlungstag (20. März) wird eine weitere Psychiaterin ihr Gutachten über Marc R. vortragen.

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