Aachen: Missbrauch in Gangelt: Ein Antrag nahe an der Höchststrafe

Aachen : Missbrauch in Gangelt: Ein Antrag nahe an der Höchststrafe

Am Freitagmorgen wird Patrick B. von seiner Frau geschieden. Der Niederländer wird dann wohl auch sein Sorgerecht für das einzig gemeinsame Kind verlieren, seine Noch-Frau wird er für viele Jahre, vielleicht nie mehr sehen. Erst im Laufe eines Ermittlungsverfahren hatte sie erfahren, wie sich der 39-Jährige am gemeinsamen Sohn vergangen haben soll.

Patrick B. und Marc R. sind vor der 5. Strafkammer des Aachener Landgerichts angeklagt wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen, Vergewaltigung, vorsätzlicher Körperverletzung und wegen des Besitzes von kinderpornographischer Schriften.

Beide Männer sind in dem Verfahren weitgehend geständig. Der Niederländer soll seinen kleinen Sohn in seinem Haus in Gangelt fortgesetzt missbraucht haben, animiert vom Komplizen, der über einen Videokanal aus Dänemark zugeschaltet war. So steht es in der Anklage, die im Laufe des Verfahrens für Patrick B. noch einmal deutlich erweitert wurde. Das Verfahren hätte daraufhin für drei Wochen unterbrochen werden können. Der Angeklagte hat darauf verzichtet. „Ich will das hier schnell hinter mich bringen.“

Der Prozess biegt auf die Zielgerade ein, am Montag wurden die Plädoyers gehalten. Weite Teile der Beweisaufnahme fanden nicht-öffentlich statt, und so wurden auch die Anträge von Staatsanwalt und Pflichtverteidigern hinter verschlossenen Türen gehalten.

Angeklagt wegen 33 Taten

Patrick B. wird den Gerichtssaal als verurteilter Mann verlassen. Die Höchststrafe für die ihm zu Last gelegten Vergehen liegt bei 15 Jahren. Staatsanwältin Deborah Hartmann bleibt nur knapp darunter, sie hält ihn 33 Taten — darunter besonders schwerer sexueller Missbrauch und besonders schwere Vergewaltigung — vor und fordert eine Haftstrafe von 14 Jahren und sechs Monaten, so ein Gerichtsprecher. Für Marc R. beantragt sie eine Haftstrafe von 13 Jahren wegen schweren sexuellen Missbrauchs und wegen der Beihilfe bei vielen Übergriffen von Patrick B. Geht es nach der Staatsanwältin, wird auch die anschließende Sicherungsverwahrung verhängt, mit der die Allgemeinheit vor gefährlichen Straftätern geschützt werden soll.

Eine solche Strafe würde unbefristet ausgesprochen. In jedem Jahr müsste neu geprüft werden, ob weiterhin die Gefahr besteht, dass Marc R. oder Patrick B. außerhalb des Vollzugs rückfällig werden.

Die Nebenklägerin Sabine Appel, die das inzwischen knapp vierjährige Opfer vertritt, schloss sich den Ausführungen der Staatsanwältin an. Sie hatte kein Verständnis für den Niederländer, „der die Verhandlung nur selbstmitleidig und jammernd verfolgt, bei seinen Taten aber sehr selbstsicher auftritt und sein Kind wie ein Objekt behandelt“.

Das Besondere und für alle Beteiligten schwer zu Ertragene an diesem Verfahren war, dass die Taten auf Video und Bildern festgehalten wurden. Die Angeklagten selbst haben ihren Missbrauch aufgenommen, Tauschmaterial für das Darknet, in dem sie sich seit Jahren tummelten. Der Kontakt mit anderen Pädophilen wurde ihnen dann auch zum Verhängnis, so dass sie im letzten Sommer verhaftet wurden. Die Filme wurden im Gerichtssaal unter Ausschluss der Öffentlichkeit gezeigt, sie sind so eindeutig und kompromittierend, dass am Ende des Verfahrens die Verteidiger der Angeklagten wie Theo Depenau die Kammer nur um „ein schuld- und tatangemessenes Urteil“ bitten können. Der Anwalt von Patrick B. schilderte seinen Mandanten als „therapiebereit“, bittet darum, dass er irgendwann noch einmal eine Chance bekomme.

Entschuldigung an die Familie

Der Anwalt von Marc R., Jürgen D. Schüttler, beantragt eine Haftstrafe im einstelligen Bereich und keine Sicherheitsverwahrung für seinen Mandanten. Marc R. hat bereits fünf Jahre im Gefängnis verbracht, weil er sich an seinem leiblichen Sohn nach Auffassung des Berliner Landgerichts vergangen hat. Im Gegensatz zu seinem Mitangeklagten ergreift er am Ende der Plädoyers das Wort, bittet die (abwesende) Mutter und ihren missbrauchten Sohn um Entschuldigung. Im Hinblick auch auf sein weiteres Leben bittet er um ein faires Urteil. Das fällt am 20. April, um 10 Uhr — dann wieder öffentlich.

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