Eschweiler: „Miss Universe“: Zwischen Make-up und Makroökonomie

Eschweiler : „Miss Universe“: Zwischen Make-up und Makroökonomie

Immer wieder fährt sich Johanna Acs mit ihren schlanken Fingern durch die Frisur. Wie sie ihre langen braunen Haare tragen möchte, scheint ihr selbst nicht klar zu sein. Innerhalb weniger Sekunden streicht sie sich eine Strähne hinter die Ohren, holt sie wieder hervor und ordnet sie neu.

Sie wirft einen Blick in die Spiegel, die in der ehemaligen Scheune hängen, in der sie mit ihrer Familie lebt, sie überprüft, ob die Frisur noch sitzt. Man könnte jetzt denken, dass Johanna mit nichts anderem befasst ist als mit sich selbst, doch die Erklärung ist wesentlich profaner. Sie sagt: „Ich habe Segelohren.“

Vor ein paar Tagen ist die 24 Jahre alte Studentin aus Eschweiler zur „Miss Universe Germany“ gewählt worden, sie wird im Januar für Deutschland an der Wahl zur „Miss Universe“ auf den Philippinen teilnehmen. Rund eine Milliarde Menschen werden die Veranstaltung verfolgen, an der Teilnehmerinnen aus 90 Ländern gegeneinander antreten. Als Johanna begann, an Miss-Wahlen teilzunehmen, hat sie davon nicht einmal geträumt: „In der Schule war ich immer ganz ruhig und schüchtern“, sagt Johanna, die Teilnahme an Miss-Wahlen sei so etwas wie der Weg zu mehr Selbstbewusstsein gewesen.

Dabei besteht kein Zweifel daran, dass Johanna eine auffallend hübsche junge Frau ist, das kann damals in der Schule nicht viel anders gewesen sein. „Sie war immer natürlich, ungeschminkt und hatte gemütliche Klamotten an“, erinnert sich eine ehemalige Klassenkameradin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Wenn man sie heute fotografiert, hebt sie verschmitzt eine Augenbraue hoch, formt ihre Lippen zum Kussmund und posiert als große Verführerin. Zu ihrer Schönheit ist mittlerweile auch eine Ausstrahlung gekommen, über die nur Menschen verfügen, die selbstbewusst sind, unabhängig davon, ob sie schön sind oder nicht. Sobald die Fotos gemacht sind, entspannen sich Augen, Nase und Mund und ein natürliches Lächeln kehrt auf ihr Gesicht zurück. Sehr professionell.

Dabei bedient auch Johanna das typische Bild einer Schönheitskönigin. Über dem rustikalen Holzbalken in ihrem Zimmer hängen etliche Scherpen vergangener Miss-Wahlen, Schuhe, Kleider und Make-up würden ausreichen, um alle Teilnehmerinnen der „Miss Universe“-Wahl auszustatten. Und nicht nur in ihrer Freizeit setzt sie sich mit Schönheit und Outfits auseinander. An der Fachhochschule Niederrhein studiert sie Textil- und Bekleidungsmanagement. „Viele denken, dass die Teilnehmerinnen von Miss-Wahlen alle Dummchen sind“, sagt Johanna, „aber das ist nicht so. Alle, die ich kenne, studieren auch.“

Als „naives Dummchen“ kann man Johanna nicht beschreiben, auch dafür finden sich Belege in ihrem Zimmer. Zwischen Modezeitschriften und dem Portugiesisch-Wörterbuch findet man den Titel „Makroökonomie“, in ihrer Bachelor-Arbeit hat sie sich mit dem Thema „Ausbeutung in der Modeindustrie“ beschäftigt. Weltoffenheit und soziales Engagement haben auch die Jury des deutschen „Miss Universe“-Wettbewerbs beeindruckt, wie es in der Presseerklärung heißt.

„Als ,Miss Universe Germany‘ zählt nicht nur das Aussehen. Im Gegensatz zu reinen Schönheitswettbewerben werden Frauen gesucht, die sich sozial engagieren und eine Vorbildfunktion für junge Mädchen haben“, ist darin zu lesen.

Johanna mag diese Philosophie. „Bei diesen Wettbewerben geht es um Persönlichkeit und nicht darum, welche Klamotten man anzieht“, sagt sie. Besonders eitel sei sie nicht. Schönheit sei schließlich vergänglich, sagt sie und lacht. Im Fall von Johanna ist Schönheit nicht nur vergänglich, sie hat ein konkretes Verfallsdatum: den 21. Februar 2018. Dann wird sie 26 Jahre alt und darf nicht weiter an Miss-Wahlen teilnehmen. Doch schon nach der Teilnahme an der Wahl zur „Miss Universe“ will sie High Heels und Krone an den Nagel hängen.

In einem gestreiften Kleidchen sitzt Johanna am Küchentisch und greift immer wieder in die Schüssel mit den Kartoffelchips vor ihr. Während ihre Mutter Violetta das Abendessen zubereitet, unterhält sie sich mit ihrer Schwester Franziska über dies und jenes. Als die Rede auf ihre Segelohren kommt, ruft die Mutter vom Herd herüber: „Du bist wie Dumbo.“

„Mama“, ruft Johanna, rollt ein wenig entrüstet mit den Augen und beginnt dann doch, herzlich zu lachen.