Köln: Michael Hirz hat den Namen Phoenix geprägt

Köln: Michael Hirz hat den Namen Phoenix geprägt

ARD und ZDF haben einen gemeinsamen Dokumentationssender: Phoenix. Michael Hirz (62) ist seit 2008 Programmgeschäftsführer für die ARD bei Phoenix. Ihn traf Franz-Josef Antwerpes zum Interview.

Herr Hirz, wie ist der Sender Phoenix zu seinem Namen gekommen?

Da klingt griechische Mythologie an: Den Namen Phoenix für den Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF hat Michael Hirz geprägt. Er ist Programmgeschäftsführer der ARD und seit 2008 dabei. Foto: Phoenix

Hirz: Der damalige Intendant des WDR, Fritz Pleitgen, wollte gemeinsam mit dem ZDF einen Ereignis- und Dokumentationskanal europäischen Zuschnitts. Auf der Suche nach einem Namen für eine Europa-Sendung hatte ich Phoenix vorgeschlagen. In der griechischen Mythologie ist Phoenix ein Sohn der Göttin Europa. Pleitgen fand den Namen gut, wollte ihn aber für den neuen Sender und nicht für die Europasendung.

Hätte man ihn nicht auch ZARD nennen können als Abkürzung von ZDF und ARD? Irgendwie ist er doch ein zartes Pflänzchen im TV-Garten.

Hirz: Eine gute Idee, aber sie kommt zu spät. Das zarte Pflänzchen von einst ist inzwischen eine robuste Pflanze im Fernsehgarten, eine echte Marke.

In Ihrem Programmauftrag steht etwas von „überparteilich“ und „ausgewogen“ und von „Vielfalt“. Sind Sie nicht ein bisschen zu ausgewogen?

Hirz: Wir sind zu Neutralität verpflichtet, bringen aber möglichst alle Facetten eines Themas und tragen so zur politischen Meinungs- und Willensbildung bei. Damit bieten wir eine wichtige Orientierungshilfe in der digitalen Nachrichtenflut. Zu unserem Markenkern gehört es, durch Teilhabe das Publikum zu Zeitzeugen zu machen. Das ist Geschichte und Politik in Echtzeit.

Aber bei den Diskussionen vermitteln Sie doch Meinungen und Nachrichten, indem Sie Personen über aktuelle Ereignisse diskutieren lassen.

Hirz: Dabei lassen wir keine eigene Haltung erkennen, das ist nicht unsere Aufgabe. Ich halte es mit Hanns Joachim Friedrichs: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten. Unsere Gesprächssendungen ergänzen und vertiefen ein Thema und leisten damit einen wichtigen Beitrag. Wir verknüpfen sie zudem erfolgreich immer häufiger mit aktuellen Themen.

Ich vermisse in Diskussionen häufig richtig heftige Kontroversen. Vielleicht sind Sie auch unschuldig daran, weil in der Politik sich immer mehr Leute breit machen, die keine direkten Angriffsflächen mehr bieten.

Hirz: Es ist sicher richtig, dass es heute vermutlich weniger Politiker mit Ecken und Kanten gibt als früher. In unserer Mediengesellschaft wird häufig nur noch in Hauptsätzen gesprochen. Einfache und oft einstudierte Botschaften, die komplexen Themen kaum gerecht werden. Wir steuern dagegen, indem wir Diskussionen und damit differenzierten Gedanken viel Raum geben.

Ich bin da nicht ganz Ihrer Meinung. Es wird heute häufig nur noch moderiert. Die Kanzlerin moderiert, Herr Gabriel moderiert, aber da gibt es auch noch Leute wie Gysi, die zuspitzen können und differenzieren, mal unabhängig von manchen absonderlichen Schlussfolgerungen.

Hirz: Das ist Ihre Einschätzung. Mag sein, dass die Zeit der Alphatiere in der Politik vorbei ist. Man kann eine Partei aber auch nicht an einzelnen Vertretern und ihrer Beredsamkeit festmachen. Schauen Sie sich bei uns einen Parteitag an und Sie werden auch Politiker aus der zweiten und dritten Reihe erleben und können sich so ein umfassendes und vielleicht auch zutreffenderes Bild machen.

Wenn Sie aus dem Bundestag live übertragen, schalten die Leute dann ab oder kommen da besonders viele zusammen?

Hirz: Die Bundestagsübertragungen sind ein Herzstück unserer Berichterstattung. Das Interesse an diesen Debatten ist nach wie vor sehr groß. Im vergangenen Jahr schalteten sich 21 Millionen Zuschauer zumindest für eine kurze Zeit in die Übertragungen ein. Im Schnitt waren es 60 000. Bei Themen, die viele Leute interessieren und die von grundsätzlicher Bedeutung sind, ist die Akzeptanz natürlich am höchsten. Wir sind aber bei jeder Bundestagsdebatte dabei, denn da werden die wesentlichen politischen Entscheidungen getroffen. Ich würde mir wünschen, dass im Bundestag wie im englischen Parlament mit Rede und Gegenrede ein Thema behandelt wird. Das wäre noch spannender.

Wie viele Zuschauer haben Sie und wie hoch ist Ihr Programmanteil von allen hiesigen Kanälen?

Hirz: Wir haben täglich etwa vier Millionen Zuschauer im Schnitt, dies entspricht einem Marktanteil von 1,1 Prozent. Im sogenannten Infosegment liegen wir seit nunmehr vier Jahren an der Spitze.

Wer sind Ihre Zuschauer?

Hirz: Das sind überwiegend Leute, die sozial besonders aktiv sind, auch einen höheren Bildungsstand haben. Man könnte auch sagen, Menschen, die das Land besonders bewegen.

Was war Ihre erfolgreichste Sendung?

Hirz: Besonders erfolgreich waren unsere Übertragungen der Schlichtungskommission zu Stuttgart 21, ein Beleg dafür, wie groß das Interesse an Informationen aus erster Hand ist. Ich glaube, dass in unserer Gesellschaft ein tiefes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und auch gegenüber den Medien wächst. Deshalb bleibt Fernsehen in Echtzeit wichtig.

Welches Format wird am meisten gesehen?

Hirz: Bei den Gesprächsformaten liegt der „Internationale Frühschoppen“ vorne. Aktuelle Themen, von internationaler Runde diskutiert, das weitet den Blick und fördert Einsichten und Verständnis.

Was würden Sie im Programm sofort oder auf Sicht ändern?

Hirz: Man könnte noch intensiver auf wichtige Ereignisse eingehen, aber dafür fehlen uns die finanziellen Mittel. Unser Etat für Ereignisse ist nur für ungefähr 40 Wochen ausgelegt. Der Rest muss durch Dokumentationen und Reportagen abgedeckt werden.

Sie hatten Ärger mit Ihrem Plan, die Gebärdendolmetscher abzuschaffen. Was steckte dahinter?

Hirz: Wir wollten die Untertitelung einführen und damit unser Angebot für Gehörlose und Hörgeschädigte ausweiten. Als kleiner Sender kann Phoenix aber nicht beides leisten, Gebärde und Untertitelung. Das wäre finanziell nicht machbar. Im Gespräch mit den Verbänden haben wir erfahren, dass die Gebärdensprache für viele Gehörlose von elementarer Bedeutung ist. Deshalb haben wir es bei der Gebärde für „Tagesschau“ und „Heute Journal“ belassen.

Noch zu Ihrer Vita. Sie waren zunächst beim „Kölner Stadt- Anzeiger“, dann beim WDR. Da steht zu lesen, Sie hätten verschiedene TV-Formate entwickelt. Welche?

Hirz: Das war unter anderem eine Europa-Sendung, von der ich eingangs sprach und die ursprünglich den Titel Phoenix tragen sollte. Die hieß dann aber „Frizz — Geschichten aus Europa“. Europa war dem Publikum damals schwer zu vermitteln. Das ist anders geworden. Die Kommission und das Europaparlament haben mehr Macht, und es wird auch viel mehr berichtet. Ein weiteres Format hieß „1000 Hertz“, eine Pro- und Kontra-Sendung. Bei Phoenix ist es die Sendung „Augstein und Blome“, ein Wochenrückblick mit Jakob Augstein und Nikolaus Blome.

Ich habe noch eine weitere Frage an Sie. Was halten Sie von dem Gutachten des wissenschaftlichen Beirats beim Finanzminister, der die Öffentlich-Rechtlichen zu Spartensendern umwandeln will? Danach soll man den Sender Phoenix mit einem Abonnement bezahlen.

Hirz: Ich will mich nicht zu einem Gutachten äußern, für das es keinen Auftrag gab. Außerdem sind für Rundfunk die Länder zuständig.

Ich werde demnächst „unzuständigkeitshalber“ die Auflösung dieses Beirats fordern. Vorher danke ich Ihnen für das Gespräch.

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