„Menschen 2018“: Sportreporterin Claudia Neumann kämpft mit Netz-Hetze

Gala „Menschen 2018“ : Sportreporterin Claudia Neumann kämpft mit Netz-Hetze

Als Claudia Neumann von einer wochenlangen Dienstreise nach Hause kam, fand sie überraschend viele Einladungen vor. Sie wurde zum Beispiel von der Kanzlerin  zum Festakt „100 Jahre Frauenwahlrecht“ eingeladen.

Das war alles nicht abzusehen, als die 54-Jährige ihre Dienstreise antrat. Denn sie flog nach Russland, um von dort bereits zum siebten Mal über eine Fußball-Weltmeisterschaft der Männer zu berichten. Als Frau! Was dann über die Sportreporterin hereinbrach, sprengte den Rahmen. Die deutsche Mannschaft schied vorzeitig bei dem Turnier aus, die „Nettikette“, eine Form von Rest-Anstand, verabschiedete sich schon vor dem Anpfiff. Kübelweise wurde Häme über die gebürtige Dürenerin ausgegossen.

Ihre Stimme verursache Ohrenkrebs, ihr Stil sei so schwungvoll wie die Tanzgruppe eines Schwarzwälder Seniorenheimes, sie solle doch lieber den Flur beim ZDF wischen – das waren noch die netteren Kommentare. Regelmäßig ging die Netz-Hetze beängstigend hemmungslos unter die Gürtellinie. Die ZDF-Reporterin war in die männlichste Männerdomäne überhaupt eingebrochen, als Fußball-Live-Kommentatorin.

Treiben der Internet-Trolle

Die „Einbrecherin“ hat in Russland von dem tumben Treiben der Internet-Trolle fast nichts mitbekommen. „Sonst bekommen meine männlichen Kollegen alles ab. Ich habe sie dieses Mal etwas entlastet“, war ihr Kommentar schon während der EM, zwei Jahre zuvor.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, sie musste sich auf die nächste Paarung vorbereiten, zwischendurch schaute ihr Chef Thomas Fuhrmann vorbei, machte ein paar Andeutungen, dass gerade in den Untiefen des Netzes die Stereotypen aus den 50er Jahren hervorgekramt wurden. Er beließ es dabei. „Mach weiter und lass Dich nicht beirren.“ Fuhrmann hatte es für dringend angezeigt gehalten, während des Turniers öffentlich um Mäßigung zu bitten. „Was ihr passiert, sprengt alle Grenzen. Hier wird offensichtlich etwas Grundsätzliches berührt: Eine Frau kommentiert ein Spiel der Männer. Manche drehen da im Netz völlig durch, das ist unterste Schublade.“ In zwei Fällen erstattete das ZDF Strafanzeigen wegen Beleidigung. Auch Kollegen wie Béla Réthy waren in diesen Tagen häufig die Blitzableiter der bevorzugt enttäuschten Zuschauer, aber die Kritik an ihnen war nie sexistisch, er wurde bevorzugt als Ahnungsloser beschrieben.

Vor ein paar Jahren hat ein Sportwissenschaftler einen Kommentartext von Claudia Neumann einmal eine Frau, einmal einen Mann vortragen lassen. Bei der Kommentatorin gab es Ablehnung, bei dem Kommentator viel Beifall im Auditorium. Als Claudia Neumann schließlich nach dem Urlaub ihr digitales Postfach öffnete, konnte sie anschaulich nachvollziehen, was da passiert war während der WM-Tage. Die Pöbeleien gegen sie hatten eine gesellschaftliche Relevanz bekommen. Was für ein Frauenbild haben wir eigentlich immer noch, wenn der Einsatz einer Fußballkommentatorin solche hemmungslose Wut entfachen kann? Wie weit ist der Gedanke an Gleichberechtigung? Wie beschädigen Soziale Medien den Dialog? „Mein WM-Einsatz an sich ist eher eine belanglose Geschichte“, sagt sie. Aber vielleicht erwachse aus der entfachten Debatte dann doch noch ein wichtiger Beitrag.

Am Ende des Turniers jedenfalls hat sie eine Popularität gewonnen, nach der sie nie gestrebt hatte. Plötzlich wird sie fast eher unfreiwillig von der Frauenbewegung vereinnahmt als Kronzeugin gegen die überkommenen Geschlechter-
stereotypen. Nicht nur die Kanzlerin lädt sie zum Festakt, sie wird regelmäßig befragt, wenn es um Gleichberechtigung geht. „Es war niemals meine Absicht, diese Rolle einzunehmen“, sagt sie. „Aber in meinem Alter nehme ich sie dann eben an, weil es auch um eine gesellschaftliche Verantwortung geht.“ Vermutlich ist der Fußball mit seiner weltweiten Aufmerksamkeit ein perfekter Beschleuniger für gesellschaftliche Veränderungen.

Nörgelnde Community

Sie verspürt keine Lust, die Opferrolle nach diesem Turnier anzunehmen. Der Fußball schaffe seine eigenen Reflexe, sagt sie. Dazu gehört wohl auch, Teil der nörgelnden Community zu sein, die sich im Internet bevorzugt anonym ausleben kann. Schwarmbildung ohne Intelligenz.

„Ich bin zwar keine Gesellschaftsforscherin, bin mir aber sicher, wenn man jeden direkt auf seine Kritik ansprechen würde, würde mindestens die Hälfte einknicken.“ Aber wie will man mit jemandem ernsthaft diskutieren, der während ihres Livekommentars vermutet, dass sie nicht mal ‘ne vernünftige Kartoffelsuppe kochen kann? Diese Form der Kommunikation und des falschen Demokratieverständnis, die es in den Sozialen Medien gibt, sei einfach nur grauenvoll, sagt sie. Aber oder gerade deswegen: Einknicken vor dem Mob wird sie nicht.

„Es geht ja nicht um mich“, sagt sie. Vielmehr geht es darum, „dass sich Frauen erdreisten, in exponierten Positionen im Fußball aufzutauchen“. Bei einer WM! Adrette Frauen, die am Spielfeldrand sich als Journalistinnen tarnen, um Fußballern ein paar belanglose Stichworte zuzulächeln, waren bis dahin noch ertragbar. Aber jetzt stellte der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk beim Hochamt der Sportart eine Frau auf für ein Millionenpublikum. Der Sender hatte sich vorbereitet, stockte sein Social-Media-Team auf. Es gab bereits Erfahrungen bei der letzten EM, auch da gab es den scheinbar so unvermeidbaren Shitstorm.

„Unsere Gesellschaft ist ja leicht ausrechenbar, deswegen waren wir nicht sonderlich überrascht“, sagt sie. „Frauen in der Sportberichterstattung läuft analog zur Entwicklung unserer Gesellschaft.“ Wer sich abseits der Norm bewegt, muss mit Gegenwind und Diskreditierung rechnen. Und das gelte in den Stadien ebenso für homosexuelle Spieler oder Profis mit Migrationshintergrund. „Man kann den Menschen nur immer wieder zurufen: Geht länger zur Schule, bildet euch weiter, erweitert euren Horizont, dann lernt man auch andere Haltungen zu tolerieren.“

Natürlich lieferte sie durchaus Anlass zur Kritik, einmal verortete sie den Japaner Yuya Osaka als Spieler von Mainz 05, obwohl er zum 1. FC Köln gehörte. Ein Fehler, wie er in diesen Turniertagen oft vorkam – hüben wie drüben, bei Männern wie bei Frauen. Livereporter stehen auf der Lichtung und bekommen entsprechend auch den Windzug ab – damit können sie umgehen. „Ich habe ein ziemlich dickes Fell“, sagt sie. Und nebenbei hat sie ein gesundes Selbstbewusstsein, „ich habe schon Ahnung von den Dingen, über die ich berichte.“ Eine Vorzugsbehandlung jedenfalls erwarte sie nicht. Sie lässt sich gerne an ihrer Analyse, an ihrem Stil, an ihrer Kompetenz bewerten. Seit 27 Jahren ist sie schon in der Branche unterwegs, bei Sat 1 fing die Karriere an, blieb in der Redaktion bis sie 1999 zum ZDF wechselte. Sie hat vom Tennis, von der Tour de France berichtet – die Reaktionen waren überschaubar, auch weil sie aus windgeschützten Nischen berichtete.

Das änderte sich, als sie für die Kommentierung von Fußballspielen aufgestellt wurde. Als Vorreiterin, weil der Mainzer Sender einen gewissen Nachholbedarf registrierte. „Live-Reporterin hat sich ergeben, es war nie mein großes Berufsziel“, sagt sie. „Ich mache das nicht wegen der Gesellschaft oder weil ich Vorbild sein will. Ich mache das, weil ich da unheimliche Lust darauf habe und nichts zu verlieren habe.“ Es hat sie nie auf diese grell ausgeleuchtete Bühne gedrängt, sagt sie. „Es in die Königsdisziplin geschafft zu haben, macht mich stolz, aber für mein Ego hätte ich das nicht gebraucht.“ Ihr ging es um den Inhalt, nicht die Verpackung, sie mag diese Sportart einfach, früher ist sie selbst dem Ball hinterhergelaufen.

Als erste Frau 2011 Kommentatorin bei einer Frauen-WM, als erste Frau bei einer Männer-EM, erste Frau bei einer WM, erste Frau, die den deutschen Supercup überträgt – sie hat es aufgegeben, sich gegen den Stempel zu wehren. Dass sie häufig als erste Frau überhaupt da ankommt, sei ja nicht ihr Verschulden. Vielmehr hat da ein Sender mit einem gesellschaftlichen Gleichberechtigungsauftrag mitbekommen, dass auch Frauen das Handwerk beherrschen. Gut möglich, dass bald auch die ARD bei einem der nächsten Championate nachzieht. Ein Länderspiel der Löw-Mannschaft zu kommentieren, steht gerade nicht auf der dringenden To-do-Liste. „Lasst mich einfach meinen Job machen und Spaß haben.“

Die Deutsche Nationalmannschaft muss die fachliche Qualifikation für das nächste Turnier, die EM 2020, noch nachweisen. Claudia Neumann ist da einen Schritt weiter, auch wenn die Reporter natürlich noch nicht feststehen. Dann kann sie wieder das machen, was sie am liebsten macht. Und vermutlich tobt sich der digitale Mob dann wieder aus. Sie wird damit leben müssen, vermutlich ebnet sie den Weg für Kommentatorinnen, die trotz aller Abschreckung ihrem Beispiel folgen. „In zehn, fünfzehn Jahren haben sich die Leute daran gewöhnt“, vermutet sie. Bis dahin wird sie noch dutzende Spiele kommentieren dürfen. Claudia Neumann wird an der Gala des Zeitungsverlags „Menschen 2018“ am 15. Januar teilnehmen.

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