Übach-Palenberg: Mein Hund, der Freund und Lebensretter

Übach-Palenberg: Mein Hund, der Freund und Lebensretter

Christian Heiner kümmert sich ziemlich rührend um seine Golden Retriever-Hündin, und ehrlich gesagt hat sie das auch verdient. Christian füttert sie, gibt ihr Wasser und geht mit ihr nach draußen.

Angel, so heißt die Hündin, weicht nicht von Christians Seite. Wann immer Christian sich bückt oder hinkniet, leckt der Hund als Liebesbeweis durch sein Gesicht. Doch zwischen Christian Heiner und Angel besteht mehr als die ganz normale innige Beziehung zwischen Hund und Hundebesitzer. Wenn es drauf ankommt, rettet „Angel” das Leben ihres Halters.

Einer unter 1000

Christian Heiner, 18 Jahre alt, leidet am Lennox-Gastaut-Syndrom, das ist eine sehr seltene und sehr schwer behandelbare Form der Epilepsie. Diese Krankheit ist so selten, dass sie noch gar nicht richtig erforscht ist. Und es gibt auch keine speziellen Medikamente, sagt Christians Mutter Irene Heiner, 44. „Christian nimmt 21 Tabletten täglich. Aber er ist immer noch nicht komplett anfallfrei.”

Wenn Christian Heiner heute einen epileptischen Anfall bekommt, dann weiß seine Familie längst Bescheid. „Der Hund nimmt das schon wahr, bevor es losgeht”, sagt Irene Heiner. Christians Mimik, Gestik und Geruch verändern sich vor dem Anfall. Das sind für den Hund Zeichen, dass er Alarm geben muss. Schon eineinhalb Stunden vor dem Anfall bringt Angel der Mutter einen sogenannten Hilfe-Dummie. „Dann wissen wir, dass etwas kommt”, sagt Irene Heiner. Wenn der Anfall beginnt, bellt der Hund laut los.

Für Familie Heiner ist Angel ein wahrer Segen. „Das ist eine riesige Erleichterung für uns. Früher habe ich immer mit Christian in einem Bett geschlafen, da die Anfälle meistens im Schlaf kamen”, sagt Irene Heiner. Nun liegt die Golden Retriever-Hündin an Christians Seite. „Jetzt kann ich nachts wieder schlafen. Früher habe ich immer versucht, ein Auge offen zu halten. Jetzt schläft jeder wieder in seinem eigenen Bett”, Irene Heiner.

Dieses Verhalten hat der Hund lange eingeübt. Doch es eignet sich längst nicht jeder Hund zum Anfallwarnhund. 24 Stunden nach der Geburt hat der Roetgener Hundeerzieher Erik Kersting den damaligen Welpen mit einem speziellen Test ausgewählt. Unter 1000 Golden Retriever-Welpen ist es normalerweise gerade einmal einer, der sich zum Anfallwarnhund eignet. Und nach der Auswahl ging die Arbeit los.

Der Welpe kam umgehend zu Christian Heiner und seiner Familie. Das ist bei sogenannten Service-Hunden ungewöhnlich. Blindenhunde kommen etwa erst nach ihrer Ausbildung permanent zu ihrem Halter. „Der Anfallwarnhund muss sofort zu seinem neuen Besitzer. Es muss eine unglaublich intensive Bindung aufgebaut werden. Der Hund muss schon als Welpe merken, wie sich der Kranke bei einem Anfall verändert”, sagt Kersting.

Kersting sah sich gleichzeitig „haufenweise Videos” von Christian Heiner an. „Wir müssen uns erst mal mit der Krankheit beschäftigen”, sagt er. Dann werden Anfälle im Training nachgespielt, sodass die Hündin weiß, wann sie zu reagieren hat. Nach zwei Jahren ist Angels Ausbildung in Kerstings Hundezentrum „Canis familiaris” nun beendet. In Deutschland gibt es erst zwei Anfallwarnhunde. Beide wurden von Kersting ausgebildet.

In dieser Zeit hat Christian Heiner auch eine starke emotionale Bindung zu Angel entwickelt. Durch seine epileptischen Anfälle ist Christian geistig Behindert. Er sei mental auf dem Stand eines Acht- bis Zehnjährigen, sagt seine Mutter. „Früher hat Christian mit niemandem gesprochen. Seit Angel hier ist, hat er sich total gewandelt”, sagt Irene Heiner. „Wenn er die Leute ein bisschen kennt, redet er nun auch mit ihnen.”

Christian Heiner sagt: „Angel ist mein bester Freund.” Hinter diesem einfachen Satz steckt wohl deutlich mehr, als es auf den ersten Blick scheint.

Auch die Ärzte sind verblüfft, was der Hund für Christian leistet. „Angel schafft es sogar, Christian wieder aus dem Anfall herauszuholen”, sagt Irene Heiner, einfach durch Ablecken seines Gesichts. Die zur Hilfe gerufenen Notärzte hatten so etwas noch nie zuvor erlebt. Die starken Notfallmedikamente konnten sie wieder einpacken.

Und seit der Hund in der Familie ist, brauchte Christian Heiner nicht mehr ins Krankenhaus. „Vorher war er andauernd im Krankenhaus”, sagt Irene Heiner. Und trotzdem: Deutsche Krankenkassen kommen nicht für den Hund auf. Die 25.000 Euro teure Ausbildung wurde deswegen vom Jülicher Verein „Hunde helfen leben” durch Spenden finanziert.

Eine schwer behandelbare Form der Epilepsie

Das Lennox-Gastaut-Syndrom ist eine schwer behandelbare Epilepsie, die mit häufigen Anfällen und verschiedenen Anfallsformen einhergeht. Wie viele Patienten betroffen sind, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich haben bis zu fünf Prozent aller Menschen eine Form von Epilepsie.

Typisch für das Lennox-Gastaut-Syndrom ist, dass es oft mehrere Anfälle pro Tag gibt. Häufig treten die Anfälle nachts auf. Dies ist besonders dann gefährlich, wenn der Kranke dabei erbricht. Dabei droht die Gefahr, an Erbrochenen zu ersticken.

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