Bilanz des DLRG: Mehr Sonne, mehr Gäste, mehr Unfälle

Bilanz des DLRG : Mehr Sonne, mehr Gäste, mehr Unfälle

Es passierte irgendwann Anfang April, Jürgen Karl nahm ein paar Schritte Anlauf und sprang in den Rursee. Der hatte vielleicht 17 Grad. Aber Rettungsschwimmer wie Jürgen Karl können von Hause aus keine Warmschwimmer sein.

Mit dem Sprung eröffnete Karl die Freibadsaison — es ist ein altes Ritual. Als er ins Wasser eintauchte, konnte er nicht ahnen, was die Saison bringt.

Erst Soldat, nun Rettungsschwimmer: Jürgen Karl. Foto: Christoph Pauli

Fünf Monate später sitzt er an einem sonnigen Sonntag im Naturschwimmbad Einruhr. Karl, 58 Jahre alt, ziemlich durchtrainiert, gehört zur Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Seine Aachener Ortsgruppe betreut mit acht weiteren im DLRG-Bezirk Aachen in der Freiluftsaison an jedem Wochenende und in den kompletten Sommerferien die Bäder am Rursee in Woffelsbach, Eschauel, am Eiserbachsee, und wenn sie gerufen werden auch das Naturerlebnisbad in Einruhr, das von einem gemeinnützigen Verein betrieben wird.

Bis zu 30 Rettungsschwimmerinnen und Rettungsschwimmer sind dann im Einsatz, übernehmen auch den Wasserrettungsdienst. Es war aus Sicht der DLRG eine extreme Saison, sagt Karl beim Fazit fast am Ende des Sommers, der so robust daher kam. Mehr Sonne bedeutet auch mehr Badegäste, bedeutet auch mehr Unvernunft.

Im Rursee ist ein 25-jähriger Inder ums Leben gekommen, ein Landsmann von ihm wurde knapp vor dem Ertrinken in Einruhr bewahrt, ein anderer in letzter Sekunde im Rursee gerettet, weil er einen Schwächeanfall hatte. Bei solchen Einsätzen geht es buchstäblich um Leben und Tod. Das ist nicht der Alltag, im Einsatztagebuch stehen meist Kleinigkeiten wie „Schnittwunde versorgt“, „gekentertes Boot aufgerichtet“ oder „Wespenstich verarztet.“

Die Arbeit in den Freibädern ist einfacher, sagt Karl. „Wir treffen fast nur auf pflegeleichte, nette Gäste.“ Autoritätsprobleme sind sehr selten. Im Zweifel können die ehrenamtlichen Schwimmmeister auch von ihrem Hausrecht Gebrauch machen, wenn der Übermut zu groß wird. Übergriffe wie an anderen Orten in NRW, wo die Aufseher sogar verprügelt wurden, gibt es nicht, sagt Karl.

Schwieriger wird die Aufgabe bei den Patrouillen am Rursee, wo offiziell das Baden verboten ist. Die DLRG-Leute haben keine Befugnisse, sie können nur auf Gefahren hinweisen, wenn wieder jemand an den Klippen steht, um ins nicht allzu tiefe Wasser zu springen. „Wir sind keine Ordnungsbehörde.“ Und nicht selten, so Karl, haben die Menschen reichlich Atü auf dem Kessel, Alkohol enthemmt im und am Wasser. „Wer lässt sich schon gerne in dieser Spaßgesellschaft etwas sagen?“, sagt der pensionierte Berufssoldat. Die Faust in der Tasche gehört zum Alltag.

In den Freibädern, auch das ist ein Trend, ist auch in der kleinsten Badehose noch Platz für ein Handy. Väter und Müttern daddeln fröhlich am Minicomputer, bis die Panik ausbricht. „Wo ist denn mein Sohn?“ Karl und seine Leute beobachten einen zunehmenden Leichtsinn vieler Eltern. „Kinder können auch in einer Pfütze ertrinken.“ Wenn er einen Wunsch für die kommende Badesaison hätte, wäre das ein Handyverbot. „Ich weiß, dass es so nicht kommen wird“, sagt er.

Während der Saison hat der Dachverband ein paar Statistiken veröffentlich, wonach mehr als die Hälfte der Grundschüler nicht richtig schwimmen kann. Fast jede vierte Schule hat keinen Zugang zu einem Schwimmbad, ohnehin schließen immer mehr Bäder. Im vergangenen Jahr ertranken bundesweit mindestens 14 Kinder im Grund- und Vorschulalter. Auch jeder zweite Erwachsene, so hat es Forsa ermittelt, ist Nichtschwimmer oder schlechter Schwimmer.

Karl betreut auch das Kinderschwimmen in der Brander Halle. Er sieht die Versäumnisse bei den Eltern, die dem Nachwuchs solche Grundfertigkeiten nicht beibringen. „Sie gehen nicht mehr mit ihnen schwimmen.“ Das gilt auch für viele Flüchtlinge, sagt Karl. „Sie kennen die Gefahren des Wassers häufig nicht, gehen deswegen ein Risiko ein.“

Die gemeinnützige DLRG wird nicht von der berühmten öffentlichen Hand gefördert, bedauert Karl. Der Verein lebt von den Beiträgen seiner Mitglieder und von Spenden. Große Sprünge sind da nicht drin. Wartung und Betrieb der Boote kosten jährlich schon 40.000 Euro, sagt der stellvertretende Vorsitzende des DLRG Bezirks Aachen. Eine Unterwasserdrohne zum Beispiel oder eine kleine Staffel von Rettungstauchern lassen sich jedenfalls so nicht finanzieren. Karl mag den ehrenamtlichen Job, auch wenn er sehr zeitintensiv geworden ist. „Wir haben alle einen Hilfs-Tick“, sagt er.

Am 15. November endet dann die Badesaison der DLRG, vermutlich werden Jürgen Karl und seine Mitstreiter sich dann mit einem Sprung ins eiskalte Wasser für ein paar Monate vom Rursee verabschieden.

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