Aachen: Mehr als eine halbe Million Unterschriften gegen Tihange übergeben

Aachen: Mehr als eine halbe Million Unterschriften gegen Tihange übergeben

Am Freitagmorgen schieben Monika Laaks und Léo Tubbax Hunderttausende Zettel ins Gebäude der Atomaufsicht, die sie über drei Jahre gesammelt haben und die nun in kleinen Kartons stecken. Sie glauben selbst nicht so richtig daran, dass es zum Abschalten der Meiler führen wird, aber sie wollen nichts unversucht lassen. 506.003 Unterschriften haben Laaks, Tubbax und die anderen gesammelt, in Belgien, Holland und Deutschland.

506.003 Mal Nein zu Tihange 2 und Doel 3. Diese Listen bekommt der neue Leiter der belgischen Atomaufsicht Fanc, Frank Hardeman. Das habe schon Eindruck hinterlassen, sagt Tubbax, Anti-Atom-Aktivist der ersten Stunde in Belgien und Sprecher der belgischen „Stop Tihange“-Initiative. Hardeman hat natürlich trotzdem nicht entschieden, die beiden Meiler unverzüglich abzuschalten. Das Gespräch sei aber gut gewesen, sagt Tubbax und lächelt.

Gutes Gespräch mit Fanc-Chef

Monika Laaks gehört zur Aachener Initiative „3 Rosen“. Man habe nicht ernsthaft geglaubt, dass die Fanc die Riss-Meiler abschalten würde, sagt sie. Wichtig sei aber die Aufmerksamkeit. Laaks ist am Morgen mit Mitstreitern von Aachen nach Brüssel gefahren. Mit im Gepäck natürlich ein „Stop-Tihange-Schirm“. Sie hat jedes einzelne Blatt der Petition in der Hand gehabt. Die Listen sind fein säuberlich sortiert und durchgezählt. Besonders stolz sind Laaks, ihr Mann Robert Borsch-Laaks und Herbert Gilles auf die mehr als 100000 Papierunterschriften. Die anderen wurden online abgegeben.

Am Brüsseler Bahnhof treffen die Aachener auf „Stop Tihange“-Vertreter aus den Niederlanden und Belgien. Gemeinsam ziehen sie zum Sitz der Fanc. Vor dem Gebäude halten sie eine Mahnwache ab. Direkt hinter ihnen steht ausgerechnet ein Engie-Wagen. Engie-Electrabel betreibt die AKW Tihange und Doel. Das Auto erhält „Geschenke“ — wie es die Aktivisten bezeichnen — in Form von großen „Stop Tihange“-Magneten. Ein Lachen können sie sich nicht verkneifen.

Dann wird es ernst: Um zehn Uhr empfängt der neue Fanc-Chef Hardeman eine Delegation der Kritiker unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Anders als Vorgänger Jan Bens hat Hardeman keine Vergangenheit bei Engie. Die Hoffnung der Aktivisten ist deshalb groß, sich mehr Gehör zu verschaffen als bislang. Eine Stunde lang tauschen beide Seiten Argumente aus. Am Ende bleibt jeder bei seiner Position. „Ich bin etwas ernüchtert, dass die Fanc bei ihrer Einschätzung bleibt“, sagt Tubbax, als er unter Applaus eines Mistreiters das Gebäude verlässt. Zwar bewerten er und Borsch-Laaks das Gespräch grundsätzlich positiv. „Dass ein Behördenchef uns so zugehört hat, ist toll“, sagt Borsch-Laaks. „Aber es gibt keine Annäherung bei den technischen Fragen.“

Sind die Meiler nun sicher oder nicht? Die Diskussion bleibt. Zwar hat sich die deutsche Reaktorsicherheitskommission Anfang der Woche weitgehend der Ansicht der Fanc in Bezug auf die Risse angeschlossen. Tenor des Berichts: Die Meiler können trotz der Risse sicher betrieben werden. Die RSK fordert nur noch eine experimentelle Materialberechnung.

Das überzeugt die Kritiker nicht. Wegen des RSK-Berichts erhalten sie Gegenwind. In den vergangenen Tagen sind sie viel beschimpft worden, sagt Laaks. Dass sie Lügner seien, dass sie Panik machen würden, heißt es in Mails. „Ja, warum übergeben wir überhaupt noch unsere Petition“, fragt ein Mitstreiter ironisch. Laaks missfallen die Aussagen des RSK-Chefs Rudolf Wieland, der kritische Experten wie Wolfgang Renneberg im Gespräch mit unserer Zeitung in ihren Augen diskreditiert hat.

Auch Renneberg selbst fühlt sich in ein falsches Licht gerückt und ärgert sich, dass ihm „Panikmache und Inkompetenz vorgeworfen“ werde. Er will aber nicht nachtreten. Etwas zu seiner Beziehung zu Wieland möchte Renneberg dann aber doch sagen: In seiner Funktion als Leiter der Atomaufsicht in Hessen war der TÜV Nord als Gutachter beauftragt.

Als fachlicher Leiter der Atomaufsicht im Bundesumweltministerium kenne er Wieland in seiner Funktion in der Reaktorsicherheitskommission, in die er ihn berufen habe. „Bis vor kurzem war Wieland Vorsitzender der Geschäftsführung des TÜV-Nord und lange zuständig für den kerntechnischen Bereich. Der TÜV Nord macht einen Teil seines Umsatzes im Kernenergiegeschäft als Gutachter“, sagt Renneberg, will das aber nicht als Vorwurf der Nicht-Neutralität an Wieland verstanden wissen.

Überhaupt gehe es Renneberg, der in Aachen das Gutachten über die Auswirkungen eines Gau in Tihange vorgestellt hat, um inhaltliche Fragen. „Mit den Positionen der Inrag hat sich Herr Wieland nicht auseinandergesetzt“, kritisiert er. Der unabhängigen Experten-Gruppe Inrag (International Nuclear Risk Assessment Group) gehört auch der Ex-Chef der amerikanischen Atomaufsicht, Gregory Jaczko, an.

Er hatte im unserer Zeitung gesagt, dass er Tihange 2 nicht ans Netz gelassen hätte. Die Inrag vertritt die Position, dass die Reaktordruckbehälter schon in den 70ern nicht genehmigungsfähig gewesen seien. Die Inrag und andere bemängeln, dass Dokumente über den Zustand der Schmiederinge verschwunden sind. Die von der RSK geforderte Berechnung sehen Kritiker als nicht unerheblich für den Sicherheitsnachweis an, der jetzt nicht erbracht sei.

So sehen das auch die Aktivisten in Brüssel. Sie haben bei der Fanc einen Runden Tisch gefordert mit den Inrag-Wissenschaftlern. Fanc-Sprecher Sylvain Jonckheere macht wenig Hoffnung darauf. Man habe sich schon mit kritischen Experten ausgetauscht. „Wir bleiben bei unserer Einschätzung, dass die Meiler sicher betrieben werden können.“

Die Aktivisten wollen weiter kämpfen. „Ich gebe die Hoffnung nicht auf“, sagt Tubbax. Die überregionalen Initiativen planen neue Aktionen. Der Kampf gegen Tihange ist noch nicht gewonnen, aber die Vertreter der „3 Rosen“ haben eine Wette gegen einen Nachbarn gewonnen. Niemals bekämen sie eine halbe Million Unterschriften zusammen, hatte der gesagt, und muss den „Rosen“ nun einen Kasten Bier spendieren.