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Kita-Qualität kaum verbessert: „Mehr als Aufbewahren oft nicht drin“

Kita-Qualität kaum verbessert : „Mehr als Aufbewahren oft nicht drin“

Wenig Erzieherinnen, große Gruppen: In vielen NRW-Kitas hat sich trotz Platzausbaus bei der Personalausstattung wenig getan. Experten glauben, dass so der Bildungsauftrag auf der Strecke bleibt. Der Familienminister dagegen sieht sich auf Kurs bei der Kita-Qualität.

Zu große Gruppen, weiterhin schlechte Personalschlüssel: Eine Mehrheit der kleinen Kinder in Nordrhein-Westfalen besucht eine Kita, in der die Bedingungen Experten zufolge nicht kindgerecht sind. Das ist die Schlussfolgerung der Bertelsmann-Stiftung aus Daten, die sie am Dienstag mit dem „Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme“ vorgelegt hat. Seit zwölf Jahren wertet die Stiftung darin statistische Daten zu Gradmessern der Kita-Qualität aus – und die verbessert sich allenfalls im „Schneckentempo“, wie das Deutsche Kinderhilfswerk kritisierte.

Zum Stichtag der Erhebung in 2019 besuchten demnach 78 Prozent der Kinder in NRW eine Einrichtung mit zu wenig Fachpersonal. So kümmert sich rein rechnerisch in Kindergartengruppen eine Erzieherin um 8,6 Kinder – ein Kind weniger als noch sechs Jahre zuvor. In den Krippengruppen kommt eine Fachkraft auf 3,7 Kinder, eine minimale Verschlechterung (2013: 1:3,6). Die Experten empfehlen Personalschlüssel von 1:3 in Krippen und 1:7,5 bei den Älteren.

Unter solchen Rahmenbedingungen sehen die Experten den Bildungsauftrag gefährdet. Im Vergleich der Bundesländer heißt das: Rechnerisch muss eine Fachkraft in Nordrhein-Westfalen 1,7 Kindergartenkinder mehr betreuen als in Baden-Württemberg, dem Land mit der günstigsten Personalausstattung bundesweit.

Außerdem sind in Nordrhein-Westfalen aus Sicht der Bertelsmann-Stiftung die Gruppen mit im Durchschnitt 23 Kindern pro Kindergartengruppe größer als in fast allen Ländern – mit ungünstigen Folgen für Lautstärke und Arbeitsbelastung. Nur Niedersachsen weist bei diesem punkt schlechtere Werte aus. Bei den Kleineren steht NRW mit zehn Krippenkindern pro Gruppe allerdings vergleichsweise gut da.

Auch innerhalb Nordrhein-Westfalens hängt die Kita-Qualität vom Wohnort ab: So ist in Duisburg eine Fachkraft rechnerisch für drei Kindergartenkinder mehr zuständig als im Kreis Euskirchen, wo der Personalschlüssel mit 1 zu 7 sogar vergleichsweise gut ist. Im Krippenbereich gibt es dagegen ein deutlich geringeres regionales Gefälle bei der Personalausstattung.

NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) sieht trotz der Kritik von Verbänden, Gewerkschaften und Experten dennoch auf dem richtigen Weg. „Wir stellen der frühkindlichen Bildung endlich die Mittel für das Personal zur Verfügung, die sie braucht, um allen Kindern bestmögliche Chancen auf gute Bildung zu ermöglichen“, sagte er und verwies auf eine Milliarde Euro zusätzliche Mittel für die frühkindliche Bildung. Gleichzeitig forderte er den Bund auf, die Länder nicht allein zu lassen und die Mittel, die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) für das Gute-Kita-Gesetz zunächst bis 2022 zugesagt habe, zu verstetigen.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in NRW wies auf den Mangel an Fachkräften hin: „Es ist schon fünf nach zwölf, wenn es um die Gewinnung von Fachleuten geht“, kritisierte Stefan Behlau, VBE-Landesvorsitzender. Um den Beruf attraktiver zu gestalten, brauche es bessere Rahmenbedingungen und eine angemessene Vergütung. Auch GEW und Paritätischer Wohlfahrtsverband machen sich für eine bessere Bezahlung von Erzieherinnen stark.

Wie Personalmangel wirkt, unterstreicht eine Studie, die die Stiftung flankierend zu den Daten des Ländermonitorings gemeinsam mit der Fernuniversität in Hagen veröffentlicht hat. Dafür wurden Gruppengespräche mit insgesamt 128 Kita-Mitarbeitern ausgewertet. „Dramatisch“, nennt die Leiterin des Lehrgebiets für empirische Bildungsforschung an der Fernuni, Julia Schütz, die Ergebnisse.

„Viele Erzieherinnen schildern einen Spagat zwischen dem eigenen Anspruch und mangelnden Zeitressourcen. Wahnsinnig engagierte Fachkräfte treffen auf eine Situation, in der sie gar nicht professionell agieren können“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin. Laut werden im Stress oder unangebrachtes Schimpfen – von solchen Reaktionen berichteten überlastete Erzieherinnen. Über Regionen und Träger nannten sie ähnliche Probleme: unbesetzte Stellen; zu viele Tätigkeiten außerhalb der Gruppe, etwa in der Elternarbeit oder gar als Hausmeister-Ersatz; Gruppengrößen, bei denen sie gerade mal ihrer Aufsichtspflicht gerecht werden, aber wenig mehr. „Wie soll man Bildung ermöglichen, wenn man alleine 20 Kinder beaufsichtigen muss“, sagt Schütz. Sie ist sich sicher: „Mehr als Aufbewahren ist dann oft nicht drin.“

(dpa)