Aachen: Martin Richenhagen: Zwischen Landmaschinen und Dressursport

Aachen: Martin Richenhagen: Zwischen Landmaschinen und Dressursport

45 Autominuten nördlich von Atlanta, in einem Ort namens Alpharetta, gibt es einen alten Bauernhof, der zum Wochenendhaus mit Reitstall umgebaut worden ist. Wenn nicht gerade Reit-EM ist, dann macht sich Martin Richenhagen am Wochenende um 6 Uhr früh auf den Weg zu seinen Pferden.

Es gibt Fotos, die zeigen, wie er in Cordhose und Steppjacke neben dem 20 mal 60 Meter großen Dressurplatz steht und seine Frau Brigitte trainiert. Er kann ganz schön streng sein, das weiß er. „Mit Frau und Kindern ist man strenger als mit Fremden. Aber meine Frau weiß sich zu wehren.“

Wenn aber — wie an diesem Wochenende — in Aachen die Reit-EM läuft, dann ist dieser Martin Richenhagen mit gestreiftem Hemd, den roten Pullover locker auf den Schultern liegend, und einer hellbeigen Hose in einer Loge auf der Tribüne zu finden. Gebannt verfolgt er die Dressur. Er nennt sie seine Leidenschaft. Der deutsch-amerikanische Geschäftsmann zählt — von dieser Leidenschaft getrieben — zu ihren wichtigsten Förderern.

Richenhagen ist Chairman und CEO, also Vorstands- und Aufsichtsratschef des US-amerikanischen Agco-Konzerns mit Sitz in Duluth (Georgia) in einer Person. Der Landmaschinenhersteller, der mit seiner deutschen Traktorenmarke Fendt die Reit-EM ebenso wie die deutsche Equipe sponsert, hat 16.000 Mitarbeiter und fast zwei Dutzend Marken, neben Fendt auch so bekannte Namen wie Massey Ferguson und Valtra. Er ist weltweit die Nummer 2 hinter dem anderen US-Riesen John Deere, hat aber den Rivalen Case/New Holland überholt.

Theologielehrer in Frechen

Begonnen hat Martin Richenhagens Geschichte in Frechen. Dort hat er, geboren 1952 in Köln, nach dem Studium der Theologie, Philosophie und Romanistik in Bonn als Religionslehrer an einem Gymnasium gearbeitet. Auf einem Bauernhof hatte er Reiten gelernt, sein Traum war, einmal als Sankt Martin im Sattel zu sitzen. Es war dann Langeweile, wie er heute sagt, die ihn neben dem Lehrerdasein einen Reitstall leiten ließ. Einer der Sponsoren dort war Jürgen Thumann, ein Stahlunternehmer, der später Chef des Bundesverbands der deutschen Industrie BDI und auch der Reiterlichen Vereinigung FN werden sollte.

Thumann bot Richenhagen einen Job in seinem Unternehmen. Zehn Jahre arbeitete er für Hille & Müller Stahl in Düsseldorf, dann für den Aufzug- und Rolltreppenhersteller Schindler; 1998 wechselte er zum ostwestfälischen Landmaschinenhersteller Claas. Es ging immer weiter aufwärts. Ein Jahr war er dann Vorstand bei der Schweizer Fobro International, bevor er 2004 zur Agco nach Duluth nahe Atlanta in Georgia umsiedelte. 16 Kandidaten gab es damals für den Chefsessel, der Religionslehrer aus dem Rheinland war der einzige Nicht-Amerikaner — und wurde ausgewählt. Amerikaner lieben Geschichten wie seine. Sie klingen ein wenig nach amerikanischem Traum.

Seit elf Jahren steht Richenhagen also an der Spitze des US-Landmaschinenherstellers — die durchschnittliche Haltbarkeitsdauer eines CEO in den USA liegt bei etwa zweieinhalb Jahren. Richenhagen hat sehr viele erfolgreiche Jahre erlebt, bis 2013 hat er den Börsenwert seines Unternehmens verfünffacht, 10.000 Arbeitsplätze wurden geschaffen. Der Umsatz lag im Rekordjahr 2013 bei elf Milliarden US-Dollar, die Aktionäre freuten sich über ihre Dividende. Unter den Fortune 500, den 500 größten US-Konzernen, hat sich Agco etabliert. Als er anfing, war Richenhagen der einzige Deutsche an der Spitze eines Fortune-500-Konzerns.

Wie er das gemacht hat? Sein Credo lautet: „Ich sage, was ich denke, ich mache, was ich sage.“ Ist das nun eher ein amerikanischer oder eher ein deutscher Ansatz? „Es ist mein Ansatz“, sagt Richenhagen. Anfang Oktober erscheint sein Buch „Simply Management“.

Die Gold-Medaille

Er setzt auf „ernsthafte Delegation“, hat mit seinen Mitarbeitern die Ziele des Unternehmens besprochen, den Weg dahin aber nicht vorgeben wollen. Gut zuhören, das sei wichtig — im Sport, wie im Unternehmen. Es ginge darum, Menschen wie Tiere dazu zu bringen, freiwillig Leistung zu bringen. „Die jungen Leute können viel mehr leisten, als man glaubt, man muss ihnen nur vertrauen“, sagt er. Es sei wie bei der Ausbildung junger Pferde. Wenn sie nicht gefordert würden, dann würden sie nicht vorankommen. „Ein Pferd entwickelt sich nicht weiter, wenn es immer nur über zehn Zentimeter hohe Hindernisse springt.“ Richenhagen, der Reitlehrer.

Er hatte großen Erfolg: 2008 war er der Chef der deutschen Dressurequipe, die beim CHIO Aachen und dann auch die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Hongkong gewann — es sollte der letzte Erfolg einer deutschen Dressurequipe auf derart großer Bühne sein. Der Unternehmer hatte sich dafür Urlaub genommen.

Es war schon ungewöhnlich: Richenhagen war in erster Linie Richter bei internationalen Championaten. Normalerweise sind Richter und Reiter nicht die besten Freunde. Als Isabell Werth nach ihrem ersten EM-Ritt die Wertung sah, verstand sie im ersten Moment die Welt nicht mehr — und noch weniger die Richter. „Die Qualität der Richter ist immer ein Problem“, findet auch Richenhagen. Und so empfand er es damals in Hongkong als Auszeichnung, dass er der Chef der deutschen Reiter war.

„Er ist ein Pferdemann“

Einer, der 2008 in Hongkong dabei war, ist Jonny Hilberath, der nun Trainer bei der deutschen Dressurequipe ist. Hilberath sagt: „Martin Richenhagen ist ein Pferdemann und immer ein Gesprächspartner auf Augenhöhe.“

Der Dressursport hat es nicht leicht. Ihm fehlt die Rasanz des Springreitens, die Eindeutigkeit eines gerissenen Hindernisses. Wer sieht schon die kleinen Fehler in der Traversale? Richenhagen sieht sie, er hat den Sport so liebgewonnen, dass er ihn als Gönner mit der Agco-Marke Fendt maßgeblich finanziert. Der CHIO ist das größte Einzelsponsoring des Konzerns. Es gibt nur wenige wie ihn, vielleicht noch die Meggles. Für den Reitsport in Deutschland, die Dressur im Speziellen, ist der ehemalige Religionslehrer damit ein Segen. „Es ist gut, einen solchen Partner zu haben“, sagt Hilberath. Und Isabell Werth, eine seiner Gold-Reiterinnen 2008, betont: „Trotz seines beruflichen Erfolgs ist er immer Mensch geblieben.“

Im Sattel ist er selbst nur noch selten zu finden. „Meine Frau sagt, ich überschreite das zulässige Gesamtgewicht“, sagt er und lacht — der rheinische Humor, er ist mit ihm nach Georgia gezogen. Vor vier Jahren hat Richenhagen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Der Unternehmer versteht sich ohnehin als Weltbürger.

Richenhagens Pferde werden aber in Deutschland gezogen und von seinem Bruder Reinhard in Köln angeritten. Im Besitz ist auch ein Fohlen von jenem Totilas, der dem Dressursport in den letzten Jahren so viele Geschichten lieferte. „Es ist schon beeindruckend, die Pferde werden immer besser und schöner“, sagt Richenhagen. Er mahnt aber auch: „Je mehr Gang ein Pferd hat, umso schneller kann etwas passieren. Pferde müssen immer mit Maß trainiert werden.“ Sein Rat ist gefragt. Werth sagt: „Er ist ehrlich und direkt.“

Richenhagen hinterlässt bei denen, mit denen er spricht, den Eindruck, er sei einer dieser Männer, die Berge versetzen könnten — auch ohne Traktor. Stundenlang könnte er darüber sprechen, was wo in der Welt nicht gut läuft. Und daraus Forderungen formulieren. Also, was stört ihn in der alten Heimat? Er sagt: „Ich würde mir wünschen, dass die Politik nicht so großzügig Geschenke verteilen würde.“ Die Mütterrente sei so ein Geschenk.

Streitbare Positionen

Stattdessen fordert er: Steuersenkungen. Und eine kostengünstigere, unbürokratischere Regierung. Er steht zu seinen Positionen, ist auch bereit, sich unbeliebt zu machen. Als Unternehmer stritt er mit der IG Metall über längere Arbeitszeiten bei Fendt, als Sponsor mit der FN wegen einer Sperre Isabell Werths für unerlaubte Medikation. „Er ist ein Mann klarer Worte“, berichtet Werth. In einem Interview mit dem „Handelsblatt“ urteilte er über Angela Merkel: „Leider hat Frau Merkel auffällig wenig Ahnung von Wirtschaft.“

So ein Mann ist ein gerngesehener Gast in Talkshows: Er saß bei Sabine Christiansen, Maybritt Illner und Anne Will, ist gleichermaßen Experte für US-amerikanische wie deutsche Wirtschaftspolitik — und einer ihrer schärfsten Kritiker. „Amerika braucht dringend eine Steuerreform“, erklärt er. „Die Regierung in Washington ist extrem ineffizient. Ich mache immer den Witz: Amerika ist das reichste Entwicklungsland der Welt.“ Barack Obama habe „keine Ahnung von Wirtschaft“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Ob es mit der nächsten Wahl besser werde? Richenhagen mag das nicht sagen, wohl aber: „Ich bin mir sicher, dass Hillary Clinton nicht Präsidentin wird.“

Ausgerechnet der gerne und oft von ihm kritisierte Obama hat Richenhagen in seinen Beraterstab für Afrikafragen berufen. Es ist ein Thema, das nicht zuletzt Richenhagens geschäftliches Interesse geweckt hat: Afrika besitzt 60 Prozent der weltweiten Agrarreserven. Die Menschheit brauche diese Böden. Aber Afrika brauche gezielte Unterstützung, nicht bloß ein paar neue Traktoren. Agco hat in Sambia eine Modellfarm errichtet.

Richenhagens Wissen ist gefragt. Nächste Woche ist er wieder in Washington. Und dann warten am Wochenende wieder seine Pferde. „Mit denen wird mir im Ruhestand gewiss nicht langweilig.“ Als Sankt Martin wird er aber nicht unterwegs sein müssen. Diesen Traum hat er sich längst erfüllt — und führte einen Martinszug an. Seine Tochter, die längst studiert, besuchte damals den Kindergarten und sagt anschließend: Papa, Sankt Martin hatte die gleichen Stiefel an wie du.