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Pflegenotstand in NRW: „Man muss für Pflege ein Herz haben“

Pflegenotstand in NRW : „Man muss für Pflege ein Herz haben“

Immer mehr Pflegedienste und Pflegeheime werden in NRW gegründet. Denn die Zahl der pflegebedürftigen Menschen steigt. Der Pflege-Bedarf ist riesig. Doch bei Pflegekräften herrscht ein eklatanter Mangel.

Seit sechs Uhr morgens flitzt Elisabeth Potrek in einem kleinen gelben Auto von Haus zu Haus in Essen. Die Pflegefachkraft holt alte Menschen aus dem Bett, macht Frühstück, wickelt Kompressionsverbände, wäscht und duscht die Senioren, frisiert Haare, verteilt Medikamente - und sie hat immer ein offenes Ohr. Um kurz vor zwölf ist Potrek ganz besonders stolz: Sie schafft es, einen gebrechlichen 82 Jahre alten spanischen Rentner von seinem Sessel direkt ins Bad zu führen - ohne Rollstuhl. „Das ist ein schöner Tag, wenn das klappt“, sagt die 62 Jahre alte ehemalige Verkäuferin.

Potrek ist mit ganzem Herzen Altenpflegerin. Sie liebt ihre Arbeit trotz aller Belastungen so sehr, dass sie sogar noch ein, zwei Jahre über das Rentenalter hinaus pflegen möchte. Ihr Arbeitgeber, die Familien- und Krankenpflege e.V. Essen ist mit rund 130 Mitarbeitern der älteste ambulante Pflegedienst in der Ruhrgebietsstadt.

„Meine Touren sind voll“, sagt „Schwester Elisabeth“, wie Potrek hier genannt wird. „Es werden immer mehr Menschen.“ Zwölf Patienten versorgt sie an diesem langen Vormittag, im Schnitt hat sie eine halbe Stunde pro Person - und wirkt nicht eine Minute gestresst.

Immer mehr alte Menschen brauchen Pflege. Laut Pflegestatistik lag die Zahl der Pflegebedürftigen in NRW Ende 2017 bei fast 770.000. Studien zufolge werden es im Jahr 2035 mehr als 900.000 Menschen sein. Zwar steigt auch die Zahl der ambulanten Dienste und Pflegeheime. Doch dem rasanten Anstieg der Pflegebedürftigen steht inzwischen ein eklatanter Mangel an Pflegekräften gegenüber.

Laut einem Report der Landesregierung fehlen in NRW in der Altenpflege rund 4270 Vollzeitfachkräfte. Da die meisten Pflegekräfte Teilzeit arbeiten, ist der Bedarf noch weit höher. Wegen der Personalnot müssen in über 40 Prozent der ambulanten Dienste Patientenanfragen laut Bericht der Landesregierung abgelehnt werden.

„Man merkt, dass die Not der Angehörigen massiv steigt“, sagt Anika Kranold, die Leiterin der Essener Familien- und Krankenpflege. „Es kommen täglich Anrufe, die ich nicht bedienen kann. Der Markt an Pflegekräften ist leer.“

Mittelfristig würden in ganz Deutschland rund 100.000 neue Pflegekräfte gebraucht, sagt der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands NRW, Christian Woltering. Denn auch bei den Beschäftigten im Pflegebereich stehe ein Generationswechsel an. „Wir brauchen eine Imageverbesserung der Altenpflege.“ Der Job gelte immer noch als schlecht bezahlt mit schlechten Arbeitsbedingungen.

„Krankenpfleger werden immer noch deutlich besser bezahlt als Altenpfleger“, sagt Woltering. „Auch unter Karrieregesichtspunkten muss die Altenpflege attraktiver werden.“ Die Einstiegsgehälter in der Pflege beginnen für Fachkräfte laut Dienstleistungsgewerkschaft Verdi bei etwa 2600 Euro. Das Gehalt kann bis etwa 3500 Euro steigen.

Der Verdienst sei nicht der einzige Bereich, in dem Verbesserungen notwendig seien, heißt es im Landesgesundheitsministerium. „Auch die Arbeitszufriedenheit muss gestärkt werden.“ Dazu gehörten verlässliche Dienstpläne und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

In NRW ist die Zahl der Auszubildenden laut Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V. (bpa) in den vergangenen sieben Jahren um fast 100 Prozent von 10.000 auf fast 20.000 gestiegen. Nun fehlen aber auch Lehrkräfte an Pflegeschulen. Als Konsequenz würden künftig auch Bachelorabsolventen als hauptamtliche Lehrkräfte zugelassen, hatte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) angekündigt.

Skeptisch sehen Verbände das neue Gesetz, wonach die Ausbildung von Alten- und Krankenpflegern ab 2020 in den ersten beiden Jahren vereinheitlicht werden soll, bevor sich die Azubis für eine Richtung entscheiden. „Wir befürchten, dass der Beruf des Altenpflegers unterzugehen droht, weil die Krankenpflege immer noch attraktiver ist für junge Menschen“, sagt Woltering.

Für Pflegeheime wird auch die vorgeschriebene Fachkraftquote von 50 Prozent zum Problem. Einige Heime müssen Aufnahmestopps verhängen, obwohl sie freie Betten haben, aber nicht ausreichend examinierte Pflegekräfte. „Der Druck, Fachkräfte finden zu müssen und dazu auch bei anderen Pflegeeinrichtungen abzuwerben, ist in der stationären Pflege besonders hoch“, sagt bpa-Landesgeschäftsführer Norbert Grote.

Zwar müsse der Zugang zum Pflegeberuf erweitert werden, „aber die Zugangsvoraussetzungen herabzusetzen, kann nicht die Lösung sein“, sagt Heidemarie Rotschopf, Pflegereferentin der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. „Dieser Beruf ist sehr anspruchsvoll. Nicht nur Herz, sondern auch Wissen ist nötig. Man braucht Menschen, die gut gebildet sind.“

Kranold sagt: „Zur Pflege muss man geboren sein. Man kann die Theorie zwar lernen. Aber man muss ein Herz dafür haben.“ Die Pflege von Menschen bis zum Tod ist belastend. Kürzlich seien zwei ihrer Patienten binnen einer Woche gestorben, sagt Schwester Elisabeth. „Ich begleite die Menschen auf dem letzten Weg. Da versuche ich alles so schön wie möglich zu machen.“

(dpa)