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Mammutprozess gegen Drogenhändler aus Gangelt

35 Verhandlungstage geplant : Mammutprozess gegen Drogenhändler aus Gangelt

Ein Drogenhändler aus Gangelt steht seit Montag in Aachen vor Gericht. Es zeichnet sich ein Mammutprozess mit 35 Verhandlungstagen ab. Die Liste der Vorwürfe ist lang.

Das fing ja gut an. Der Angeklagte kam am Montag mit mehr als zwei Stunden Verspätung zu seiner Verhandlung vor der 8. Großen Strafkammer des Aachener Landgerichts. Doch das kann das Gericht dem 32-Jährigen Houssein F. am Ende nicht anlasten, denn der wegen Drogenhandels und Drogenanbaus in großem Stil Angeklagte sitzt in Düsseldorf in U-Haft – und war einfach vergessen worden.

Die Anklage gegen den Mann aus Gangelt wiegt schwer. Bei einem in der Wartezeit geführten Rechtsgespräch zwischen der Staatsanwaltschaft, der Verteidigung und den Berufsrichtern der Kammer unter Vorsitz von Richter Markus Vogt wurde über eine beträchtliche Straferwartung gesprochen, die „im zweistelligen Bereich“ liege, so der Vorsitzende, eine Straferwartung also von mehr als zehn Jahren Haft. Dazu komme die Möglichkeit der Sicherungsverwahrung, beschrieb Vogt die Beratungen, dazu der Hinweis, dass nur ein Geständnis zu einer Strafmilderung führen könne.

Was Houssein F. in der Region zwischen Gangelt, Kohlscheid, Kreuzau und Euskirchen an Drogenanbau und -handel als hervorstechendes Mitglied einer Drogenbande organisiert haben soll, ist schon eine Nummer, auch für die ansonsten drogengewöhnte Grenzregion. Denn es geht am Ende um mehr als hundert Kilo Cannabis und Amphetamine sowie um vier Marihuana-Plantagen, von denen sich zwei in Kohlscheid, eine in Euskirchen und eine weitere im ostbelgischen Büllingen befunden haben sollen.

Was die Lage für F. drastisch verschlimmern könnte, ist in der von Ankläger Michael Jung vorgetragenen Anklageschrift – Houssein F. wird sich am nächsten Verhandlungstag am 17. Dezember zu seiner Person einlassen – erst weit am Ende beschrieben. Innerhalb der Tatzeit, hier insbesondere zwischen Ende 2019 und Ende 2020, habe F. immer wieder Gewalt gegenüber seinen in anderen Verfahren angeklagten Mittätern walten lassen – und zwar immer dann, wenn diese nicht so spurten, wie F. sich das vorstellte.

So lautet der Strafvorwurf der Staatsanwaltschaft nicht alleine auf bandenmäßigen Drogenhandel in rund 40 Fällen, hinzu kommt der Tatvorwurf der gefährlichen Körperverletzung, der räuberischen Erpressung sowie illegaler Waffenbesitz.

F. hatte sich im August 2020 eine Pistole, einen Colt 45, zugelegt. Damit bedrohte F. seine Kumpels mit der Waffe, habe diese sogar mit einem Hammer geschlagen, auch eine Eisenstange kam im Keller zum Einsatz. Faustschläge ins Gesicht waren anscheinend gleichfalls an der Tagesordnung.

Das Geschäft der Bande spaltete sich in zwei Abteilungen. Das eine war der Ankauf von Drogen im grenznahen Bereich der Niederlande, zumeist Marihuana und Amphetamine, die man üblicherweise zu zwei Lagerstätten im Raum Düren, darunter ein Depot in Kreuzau, brachte. Insgesamt war in der Anklage von mehr als 40 Kilogramm Marihuana die Rede. Von hier aus habe man die dortige Szene und ebenfalls Kunden in Städten wie Stolberg und Eschweiler versorgt.

Über den inzwischen „geknackten“ Verschlüsselungsdienst Encrochat habe F. gleichermaßen Ware angeboten, im April 2020 versuchte er einem Kunden über die Plattform die enorme Menge von 160 Kilo der Cannabissorte „Amnesia“ zu verkaufen. Der Kunde soll am Ende vier Kilo erstanden haben.

Das zweite Standbein waren Plantagen. Zwei habe man 2020 in Herzogenrath-Kohlscheid angelegt, eine Ernte konnte eingefahren werden, die andere wurde kurz vor der Reife von der Polizei kassiert. In einer Plantage in Euskirchen war F. dafür zuständig, die dort quasi als „Gärtner“ arbeitenden vietnamesischen Kräfte zu beaufsichtigen, hier hatte man an die 4000 Pflanzen zu betreuen.

Auch diese Plantage flog auf, genauso wie am Ende in Belgien, wo rund 600 Setzlinge kurz vor der Aussaat von den Behörden kassiert wurden. Die „Gärtner“ aus Euskirchen sind bereits in einem Verfahren in Aachen verurteilt worden, andere Komplizen stehen vor Gericht oder werden noch angeklagt.