Aachen: Magersucht: Wenn die Waage zum größten Feind wird

Aachen: Magersucht: Wenn die Waage zum größten Feind wird

Als Lisa bei einer Körpergröße von 1,66 Metern noch 46 Kilo wog, entschied sie sich, in eine Spezialklinik zu gehen. Lisa ist 17 Jahre alt und magersüchtig. Inzwischen hat sie zwar ein normales Gewicht, weiß aber noch ganz genau, wie viele Kalorien in welcher Mahlzeit stecken.

Von ihrer Krankheit möchte sie erzählen, weil sie findet, dass Magersucht und andere psychische Erkrankungen noch immer ein Tabuthema sind. „Hat jemand ein gebrochenes Bein versteht das jeder. Hat er eine psychische Erkrankung fehlt oft das Verständnis“, sagt Lisa. Gerade Magersucht würde oft nur als der Schrei nach Aufmerksamkeit oder Modekrankheit abgestempelt. Deshalb müsse die Krankheit in der Gesellschaft präsenter werden und Betroffene und Angehörige im Idealfall Warnsignale erkennen.

Wie fing deine Krankheit an?

Lisa: Zu Hause war es immer irgendwie schwierig. Als ich noch klein war, hat sich mein Vater das Leben genommen. Ich wusste lange Zeit aber gar nicht, woran er gestorben war. 2013 hatte ich dann Pfeiffer‘sches Drüsenfieber und war sechs Wochen lang krank. Ich habe viel in der Schule verpasst und lernte danach wie verrückt. Ich kann mich noch an den einen Tag erinnern, an dem ich in Deutsch die Klassenarbeit des ersten Halbjahres nachschreiben sollte. Alle anderen haben eine normale Klassenarbeit geschrieben. Meine Lehrerin hatte die Aufgabenblätter für alle anderen dabei, mein Aufgabenblatt hatte sie zu Hause vergessen. Das hat mich fertig gemacht, ich habe nur noch geweint und wusste nicht mal richtig warum. Danach habe ich mich zu Hause in meinem Zimmer eingeschlossen und gar nichts mehr gemacht. Irgendwann habe ich eine App zum Kalorienzählen auf mein Handy geladen. Ich wollte einfach mal probieren, auf 50 Kilo zu kommen. Kurze Zeit später habe ich nur noch eine Tomate am Tag gegessen, dann nur noch eine Tasse Brühe getrunken und innerhalb von zwei Wochen sieben Kilo abgenommen.

Du bist irgendwann in eine Klinik gekommen. Fiel Dir dieser Schritt schwer?

Lisa: Erstmal nicht. Erst, als ich meine Sachen packen musste und dort in der Aufnahme stand. Wenn man an Freiheit gewöhnt ist, ist so eine Klinik erstmal beängstigend. Sechs Wochen musste ich dort bleiben und ein bestimmtes Gewicht wieder erreichen und halten. Am Anfang habe ich mich gegen einfach alles dort gewehrt, Essen einfach weggelassen oder versteckt. Irgendwann wurde mir klar, dass ich zunehmen muss, um aus der Klinik rauszukommen. Ich dachte, ich fresse mich einfach so voll, dass sie mich entlassen.

Warum hast Du Dich damals so gegen Hilfe gesperrt?

Lisa: Das weiß ich nicht so genau. Ich denke, es hatte viel mit Kontrolle zu tun. Bei einem zweiten Klinikaufenthalt habe ich dann einfach gar nichts mehr gegessen, es war mir einfach egal. Mein Körper ging daran kaputt und ich fühlte mich einfach nur hilflos. Dann habe ich einer Magensonde zugestimmt. Den Schlauch habe ich allerdings schnell wieder rausgezogen, weil ich mir dachte: Ich lasse die nicht über mich entscheiden. Dann bekam ich die Sonde irgendwann gegen meinen Willen. Man wird sie erst los, wenn man drei Tage lang normal isst. Das habe ich dann irgendwann gemacht. Sobald ich die Sonde los war, habe ich mein Essen einfach wieder versteckt. Irgendwann hat ein Richter erlaubt, dass man mich fixiert und mir die Sonde setzt, wenn ich mich weiter dagegen wehre. Also begann ich das Spiel von vorn: Sonde, drei Tage essen, Essen verstecken, Sonde.

Dann hast Du Dich doch entschlossen, wieder zu essen. Was war passiert?

Lisa: Irgendwann haben sie mich aufgegeben. Die Klinikchefin sagte zu mir, dass sie mir die Sonde entfernt, wenn ich sterben will. Dann würde sie mich in ein Hospiz verlegen lassen. Das erschien mir erstmal absurd, innerlich habe ich darüber gelacht. Ich dachte mir: Das zieht sie nicht durch. Dann durfte mich aber meine Mutter nicht mehr anrufen, ich hatte keine Therapiestunden mehr, und es wurde nicht mehr darauf geachtet, ob ich esse oder nicht. Plötzlich konnte ich keinen Widerstand mehr leisten. Dann kam meine Mutter doch zu Besuch. Zum ersten Mal haben wir über meinen Vater gesprochen und dass er Depressionen hatte und sich deshalb das Leben genommen hatte. Ab da habe ich wieder gegessen. Denn ich wollte besser sein als er. Das Essen fiel mir damals extrem schwer.

Wie ist es jetzt mit dem Essen?

Lisa: Eine Zeit lang konnte ich nicht mal Früchtetee trinken — der hat vier Kalorien. Pfefferminztee dagegen nur zwei. Ich habe immer gezählt. Heute esse ich zwar, aber das Kaloriendenken geht nie weg. Wenn ich esse, dann muss es etwas sein, was sich für mich lohnt. Früher habe ich mich vor Leuten geekelt, die ich essen gesehen habe, weil ich genau wusste, wie viel Kalorien sie da zu sich nehmen. Es gibt auch heute für mich noch Dinge, bei denen ich denke, ich kann sie nicht essen, weil ich an dem Tag schon so viel gegessen habe.

Jetzt lebst Du in einer betreuten Wohngruppe…

Lisa: Es stand schnell fest, dass ich nicht nach Hause zurück konnte. Meine Mutter liegt mir sehr am Herzen, aber ich musste mich auch immer um sie kümmern. Das ging nicht mehr. Die Wohngruppe war die einzige Möglichkeit.

Wie sieht das WG-Leben aus?

Lisa: Wir sind neun Mädchen in der WG. Montags und donnerstags wird gewogen. Ich werde nur noch ab und zu gewogen, habe aber extreme Angst davor, die genaue Zahl auf der Waage zu sehen, weil ich befürchte, dass ich zugenommen haben könnte. Wenn ich mich dann doch wiege, habe ich aber meistens eher abgenommen — ich habe einfach gar kein Gefühl für meinen Körper. Ich glaube, ich sehe mich selbst anders, als andere. Dieses typische Zerrbild, was man zeigt von dem Mädchen vor dem Spiegel, das anders aussieht, als das, was man im Spiegel sieht, ist aber Quatsch. Man halluziniert ja nicht. Man schaut bis zu welcher Höhe man seinen Oberschenkel noch mit den Händen umfassen kann oder wie sich die Handgelenke anfühlen.

Was geht heute in Dir vor?

Lisa: Auch heute gibt es Phasen, in denen ich abnehmen will, aber auf der anderen Seite ist die Essstörung etwas, das für mich auch schon hinter mir liegt. Ich denke immer, dass es irgendwas gibt, das all das in mir ausgelöst hat und ich will es unbedingt finden. Ich will leben und gesund sein. Aber manchmal denke ich, ich schaffe das nicht. Dann wird mir wieder klar, dass ich meine Ziele unbedingt erreichen will. Es fällt mir schwer, für mich einzustehen, gleichzeitig will ich die Erwartungen an mich selbst erfüllen. Die Ambivalenz ist riesig — in mir ist ein ständiger Kampf zwischen Vernunft und Krankheit.

Name geändert