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Warum Selbstvorsorge so wichtig ist: Männer, tastet eure Hoden ab!

Warum Selbstvorsorge so wichtig ist : Männer, tastet eure Hoden ab!

Männer sind Vorsorgemuffel. Dabei ist die frühzeitige Entdeckung zum Beispiel bei Hodenkrebs sehr wichtig. Professor Matthias Saar von der Uniklinik RWTH Aachen erklärt, warum die Diagnose keine Panik auslösen muss und was bei der Selbstvorsorge zu beachten ist.

Im November lassen sich Männer – egal ob Prominente oder Normalsterbliche – auf der ganzen Welt einen Schnurrbart stehen. Anlass ist der Movember (eine Kopplung aus dem französischen Wort für Schnurrbart, moustache, und dem Monat November). Seit 2003 sammelt die australische Movember-Stiftung Spendengelder und setzt sich für die männliche Gesundheit ein. Sie wollen Bewusstsein schaffen für die psychische Gesundheit von Männern, aber auch für die Vorsorge und die Enttabuisierung von Prostata- und Hodenkrebs. Letzterer wurde in diesem Jahr so häufig wie selten in den hiesigen Medien behandelt, weil insgesamt vier Fußball-Bundesligaprofis die Diagnose Hodenkrebs erreichte.

Drei der vier Spieler stehen bereits wieder auf dem Platz. Nur Sebastien Haller noch nicht. Der Dortmunder Sommerneuzugang ist aber auf dem Weg der Besserung. Das zeigt zunächst die gute Nachricht im Zusammenhang mit dieser Krebsart: „Hodentumore sind extrem gut heilbar. Das heißt, sie haben eine Heilungschance von mehr als 95 Prozent – so etwas haben sie bei keinem anderen Tumor“, sagt Professor Matthias Saar, Klinikdirektor und Facharzt für Urologie an der Uniklinik Aachen. Dass nun bei relativ vielen Fußballern ein Hodentumor gefunden wurde, hängt nicht etwa mit dem Beruf zusammen, „das ist eher ein Zufall“, sagt Saar. Vielmehr ist Hodenkrebs mit einem Anteil von 1,6 Prozent und mit 4000 jährlichen Befunden – im Vergleich zu Prostatakrebs mit über 60.000 Diagnosen – eine seltene Krebsart. Aber dennoch ist sie für Professor Saar und die Urologen medizinisch sehr relevant, da in der Altersgruppe der 25- bis 45-Jährigen der Hodentumor mit einem Anteil von 20 bis 30 Prozent die häufigste Tumorneuerkrankung ist. Fußballer fallen nicht nur in diese Alterskohorte, sie werden von ihren Vereinen auch deutlich genauer und häufiger untersucht als der Durchschnittsmann.

Hodentumore sind Keimzelltumore, die in den namensgebenden Keimzellen im Hoden entstehen und für die Bildung der Spermien zuständig sind. Dabei unterscheiden die Fachleute zwischen Seminomen und Nichtseminomen. Seminome bestehen aus nur einem Krebszellentyp, Nichtseminome aus mehreren verschiedenen. „Diese Misch-Tumore sind im Prinzip auch die, die eher eine schlechtere Prognose für die Patienten ergeben“, sagt Professor Saar. Die reinen Tumore, also die Seminome, seien fast immer heilbar, auch wenn der Krebs beispielsweise schon in die Lunge gestreut hat. „Das können Sie noch extrem gut behandeln und haben auch immer noch einen heilenden Ansatz, was Sie ganz selten sonst bei Tumoren haben“, sagt Saar.

 Prof. Matthias Saar ist Klinikdirektor in der Uniklinik RWTH Aachen.
Prof. Matthias Saar ist Klinikdirektor in der Uniklinik RWTH Aachen. Foto: Uniklinik RWTH Aachen

Um den Tumor aber behandeln zu können, muss er erst mal entdeckt werden – am besten durch Vorsorgeuntersuchungen. Dabei geht es gar nicht darum, „dass sich jeder 25-Jährige jetzt einen Urologen suchen muss“, sagt Saar. Vielmehr geht es bei der Selbstvorsorge darum, dass jeder junge Mann zwischen 14 und 45 Jahren einmal im Monat seine Hoden abtastet. Dabei sollte Mann darauf achten, „dass es keine Verhärtungen, keine Schwellung und kein Schweregefühl im Hoden gibt. Wenn das dann schon zu einer kleinen Pflaume anwächst, dann weiß man auch, dass das nicht mit rechten Dingen zugehen kann“, sagt der Facharzt für Urologie. Eine Beschreibung der Selbstuntersuchung der Hoden, auch anhand von Grafiken, gibt es auf der Webseite Hodencheck. „Das Wichtigste ist kurz gesagt, dass man den Hoden in seiner gesamten Fläche mit den Händen abfährt – am besten von einer Richtung in die andere“, erklärt Saar.

Je früher Hodenkrebs und auch andere Tumore entdeckt werden, desto besser sind die Heilungschancen. Denn nicht bei jeder Hodenkrebs-Diagnose reicht die „einfache“ Entfernung des befallenen Hodens. Daher arbeiten die Ärzte mit einer Art Stufen-Konzept, wie es Professor Saar beschreibt. Hat der Patient etwas Auffälliges getastet, wird er von den Ärzten näher untersucht. Bei einer Ultraschall-Untersuchung kann festgestellt werden, ob es einen Hodentumor gibt. „Ab dann läuft die Uhr“, sagt Saar. Fast immer wird der befallene Hoden bei der Operation entfernt. Hodenerhaltende Maßnahmen gibt es zwar, die werden „aber nur bei Patienten, die keinen zweiten Hoden mehr haben, angewendet“, so Saar. „Da muss ein übergeordneter Grund vorliegen, um überhaupt so einen Hoden dann noch zu erhalten.“ Die Optik zähle nicht dazu.

In der Operation kann auch noch eine Gewebeprobe entnommen werden, um zu schauen, ob der Tumor bösartig ist. „Meistens reicht es aber, wenn man den Hoden klinisch freilegt und anschaut“, so Saar. Nach der OP werde dann untersucht, ob sich sogenannte Metastasen gebildet haben, also ob der Krebs zum Beispiel in die Lunge oder die Lymphknoten gestreut hat. Ist das nicht der Fall, reicht die Entfernung des befallenen Hodens. Haben sich allerdings Metastasen gebildet, ist eine Chemotherapie nötig. Diese kann häufiger vermieden werden, wenn der Krebs durch die Selbstvorsorge und -untersuchung früh entdeckt wird.

„Wir sagen zwar, die Hodentumore sind alle heilbar, aber wenn ein Patient drei Zyklen einer Chemotherapie bekommen hat, dann hat das natürlich Nachwirkungen für sein späteres Leben. Je toxischer die Therapie wird, je mehr sie umfasst, umso mehr hat sie Einfluss auf den Patienten. Es geht nicht nur um Heilbarkeit, sondern auch um spätere Lebensqualität“, verdeutlicht Saar.

Stimmt denn nun das Klischee der männlichen Vorsorgemuffel und gibt es eine Scham, über Veränderungen an seinen Hoden zu reden? Es gebe durchaus Männer, die erst spät, also mit einem „ausgewachsenen“ Tumor, in die Klinik kommen, so Saar. „Aber das sind dann auch Patienten, die wirklich in klinischer Schieflage sind, weil sie sich ja irgendwann dazu entschieden haben, deswegen nicht zum Arzt zu gehen. Die kommen dann in der Regel, wenn der Körper voller Tumore ist.“ Neben diesen Extremfällen glaubt der Urologe auch an eine Scham, die einen Schritt früher einsetzt. „Und zwar bei dem Punkt, an dem Patienten eine Veränderung auffällt.“ Der Mediziner hält es für wichtig, darüber aufzuklären, dass spätestens jetzt ein Urologe aufgesucht werden sollte. Aufgrund der sehr guten Heilungschancen bestehe aus Sicht der Ärzte auch kein Grund zur Panik, sollte es zur Diagnose Hodenkrebs kommen.

Aktionen wie der Movember oder auch der offene Umgang der Fußballprofis mit der Diagnose schlagen Brücken zu den Betroffenen und geben ihnen das Gefühl, nicht allein zu sein. Um den Krebs dann im nächsten Schritt am besten behandeln zu können, ist die frühe Selbstvorsorge wichtig. „Denn je früher ich den Tumor finde, umso unwahrscheinlicher sind Metastasen. Das wäre das beste Ergebnis für den Patienten. Dann wird der Hoden operiert und gut ist“, bilanziert Saar.