Macron beim Karlspreis 2018: Europa muss standhalten

Aachen : Macron: Europa muss standhalten

Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron hat die Europäer zu mehr Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit aufgerufen. Er warnte am Donnerstag in Aachen die Staaten der Europäischen Union davor, sich in der aktuell hoch angespannten internationalen Situation politischen Diktaten Anderer zu beugen.

„Wir dürfen nicht schwach sein!“, rief Macron mehrmals im Aachener Rathaus aus, wo ihm am Donnerstag der Internationale Karlspreis verliehen wurde.

Nach dem Ausstieg Washingtons aus der Atomvereinbarung mit dem Iran, aber auch mit Blick auf das vom US-Präsidenten gekündigte Weltklima-Abkommen und den anhaltenden Handelsstreit mit den USA gab Macron die europäische Antwort auf Donald Trump: „Wir werden bedroht von manchen, die mit uns Regeln geschrieben haben. Aber auch wenn Freunde über uns bestimmen wollen, werden wir das nicht einfach hinnehmen!“ Macron forderte mehr europäische Souveränität. „Wir müssen es ablehnen, dass andere für uns Entscheidungen treffen“, seien es Regierungen oder internationale Konzerne. „Wir haben uns einzubringen und nicht nachzugeben.“

Besorgte Kanzlerin

Die stark emotionale Rede des Präsidenten und dessen dramatische Appelle stießen auf mehrfachen demonstrativen Applaus und starke Resonanz. Ebenso deutlich wandte sich Macron gegen die Versuchung, „sich auf das eigene Territorium zurückzuziehen“. Ausdrücklich nannte er nicht nur den Brexit, sondern auch die jüngsten Wahlergebnisse in Italien und Ungarn Alarmsignale. „Überall ist wieder die Politik des Nationalismus zu hören.“ Das sei eine große Gefahr. „Wir dürfen uns nicht spalten lassen!“ Spaltungen seien tödlich. „Stacheldrahtzäune tauchen in Europa wieder auf — auch in den Köpfen“, sagte Macron.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel richtete den Blick auf die USA und sagte: „Die USA werden uns nicht mehr wie selbstverständlich schützen. Europa muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen.“ Im Streit um das Atomabkommen mit dem Iran müsse sich Deutschland mehr engagieren. Das gelte auch für den Syrien-Konflikt: „Es geht um Krieg und Frieden“, sagte die Kanzlerin. „Wir müssen uns stärker einbringen; wir können nicht einfach wegschauen.“

Während Merkel für Juni gemeinsame deutsch-französische Vorschläge für eine Bankenunion und die Zukunft der Wirtschafts- und Währungsunion ankündigte, erneuerte Macron seine Forderung nach einem eigenen Haushalt für die Eurozone und einem europäischen Finanzminister, um mehr Solidarität zu gewährleisten und Finanzkrisen besser vorzubeugen. Der neue Karlspreisträger warb dafür, sich von Tabus zu lösen, und kritisierte einen deutschen Fetischismus für Budget- und Handelsüberschüsse, „die auf Kosten anderer erzielt werden“.

Glücklicher Preisträger

„Ich fühle mich sehr geehrt, und ich bin überwältigt von dem warmen und freundlichen Empfang hier in Aachen, vor allem seitens der Bevölkerung“, sagte Macron nach der Feier unserer Zeitung. „Das ist wirklich etwas ganz Besonderes für mich. Diese Offenheit, diese Zuneigung haben mich sehr bewegt. Wir dürfen nicht müde werden, dieses europäische Gefühl zu transportieren und Europa überall sichtbar zu machen.“ Er wolle 2019 zum Karlspreis wieder nach Aachen kommen.

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