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Glosse zur Impftermin-Vergabe: Macht der Graumelierte Witze?

Glosse zur Impftermin-Vergabe : Macht der Graumelierte Witze?

Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Wer die Berichterstattung über die Vergabe der Impftermine verfolgt hat, musste schnell den Eindruck bekommen, dass die digitale Zukunft des Landes und die Fähigkeit der Verantwortlichen, moderne Systeme für moderne Menschen zu generieren, coronabedingt ein vorzeitiges Ende genommen haben.

Dabei ist alles eine Frage der Vorbereitung, der Planung, der Bereitstellung von Sicherheitsalternativen und vor allem – der Ruhe! Und aus diesem Grunde bin ich am Samstag geplant, bereit, alternativ und sicher vorgegangen.

Also eigentlich begann ja alles schon Freitagnacht. Laptop, zwei Handys, iPad und Festnetztelefon (mit gespeicherter und mehrfach getesteter Hotlinenummer der Kassenärztlichen Vereinigung) wurden an das Stromnetz angeschlossen, um sich Samstagmorgen energiegeladen den Herausforderungen der Pandemie zu stellen.

Praktischerweise konnte ich dann die ganze Nacht vor Aufregung nicht schlafen, so dass ich mich pünktlich zwei Stunden, bevor das Impfportal (angeblich) öffnete, an die digitalen Endgeräte begeben konnte. Es hat – in diesen unruhigen Zeiten besonders wichtig – etwas ausgesprochen kontemplatives, vom Sonnenaufgang begleitet am Schreibtisch sitzend auf Bildschirme und Telefone zu starren.

Natürlich waren dann ab acht Uhr alle Wege ins Impfzentrum bereitet: Der Telefonanschluss der KV meldete von Beginn an ein angenehm das Ohr schmeichelndes Besetztzeichen, das in seiner Monotonie und faszinierenden Unendlichkeit Balsam für die Seele ist. Passend dazu schaute mich mit Start der Terminvergabe ein freundlicher Mensch auf dem Laptop an, graumeliert, faltig, kerngesund aussehend. Sicher geimpft.

Der teilte freundlich mit, dass aufgrund der hohen Nachfrage auf die Buchungsportale derzeit keine Buchung möglich ist. Kein Problem, in der Ruhe liegt die Kraft. Angesichts eines leichten Pochens in der Schläfengegend habe ich dann sicherheitshalber das Blutdruckmessgerät neben den Laptop gelegt.

Das System ist für solche Fälle vorbereitet und blendet dann nach mehrfacher Fehlermeldung im Browserfenster den Begriff „corona-impfung.nrw/geduld“ ein. Okay, wird gemacht. Das Pochen in der Schläfe wird ein wenig intensiver. Was durch ständig wechselnde Hinweise wie „corona-impfung.nrw/error“, „Aufgrund der starken Nachfrage “ oder „Leider keine Terminvergabe möglich“ noch getriggert wird. Also zwischenzeitlich einmal zur Beruhigung der Nerven das Besetztzeichen der KV-Hotline anhören und dann die nächsten Versuche starten.

Auf dem Handy, dem Ipad und dem Laptop wechseln sich die Fehlermeldungen und Systemabstürze durch sekündliches Neuladen der Homepage in einem fröhlichen Potpourri ab. Man braucht eben Konstanten im Leben, um die Pandemie zu meistern. So lasse ich mich selbstverständlich auch nicht durch die Tatsache aus der Ruhe bringen, dass plötzlich Hinweise wie „Termine werden geladen“ erscheinen.

Denn selbstverständlich endet das mehrfache Laden im Einpacken aller Hoffnungen: „Leider keine Terminvergabe möglich“. Der Blutdruck bleibt hoch. Der unter Umständen in guter Absicht artikulierte Hinweis der viel beschworen besseren Hälfte, ich solle mich nicht aufregen, verleiht dem Beziehungsstatus einen zwischenzeitlichen „Error“ – die Schläfen pochen im Takt des Besetztzeichens an der Hotline. Erst einmal Blutdruck messen.

Verstehen Sie die ganze Aufregung? Natürlich nicht. Ist alles normal. Und letztlich kein Problem. Nach durchwachter Nacht ohne jegliche Nahrungsaufnahme vor dem Rechner zu sitzen, Klingeltöne zu hören und graumelierten Männern in ihr verdammtes Grinsen zu starren, ist doch eine der ganz leichten Herausforderungen im Leben.

Ein Impftermin wurde dann urplötzlich wie von Geisterhand zugewiesen. Exakt acht Stunden, zehn Minuten und 35 Sekunden nach Start der Terminvergabe. Wie durch einen Schleier habe ich das wahrgenommen. Ist es real? Macht der Graumelierte Witze? Wenn der nächste Woche am Impfzentrum auftaucht, kann ich für nichts garantieren

Übrigens: In Norwegen zum Beispiel teilen die Kommunen ihren Bürgern die Impftermine per SMS, Telefon oder Brief mit. Selbstverständlich kann man dann noch Alternativtermine absprechen. Wie bescheuert ist das denn?