LVR-Museum Bonn lockt ins faszinierende Mittelalter

LVR-Museum Bonn : Auf 32 Mitmach-Stationen ins faszinierende Mittelalter

Auf einem Holzpferd ein Turnier bestreiten oder mit mittelalterlichen Instrumenten eine Melodie komponieren, mit Schaumstoffelementen eine Burg bauen oder ein Kirchenfenster rekonstruieren, eine adlige Dame einkleiden oder ein Schwert schmieden.

Die Aktionsmöglichkeiten der Mitmachausstellung „Ritter und Burgen — Zeitreise ins Mittelalter“ sind so vielfältig, dass der Besucher gut einen ganzen Tag dabei zubringen könnte — ohne sicher zu sein, tatsächlich an jeder der Stationen alles ausprobiert zu haben.

Foto: Martin Thull

„Du bist zum Schmied geboren!“ verkündet das Display. An einer der 32 Mitmachstationen der Ausstellung hat der Besucher gerade ein Schwert geschmiedet. Virtuell natürlich und mit Hilfe modernster Technik sowie eigener Geschicklichkeit und Muskelkraft: Mit der linken Hand den Blasebalg zum Anfachen der Esse bedienen, dann in der Mitte des Displays den Schwertgriff in die linke Hand nehmen und mit der rechten den Hammer auf den Amboss schlagen. Dann erkaltet das Eisen wieder und das „Schwert“ muss zurück in die Glut. Schließlich, wenn die Handgriffe ausreichend oft wiederholt wurden, kommt das „Eisen“ zur Abkühlung ins Wasser. Und in der Folge erscheint auf dem Bildschirm dann das Lob. In der Vitrine nebenan liegt ein originales mittelalterliches Schwert, gefunden im Rhein bei Bonn.

Foto: Martin Thull

So verbinden sich immer wieder modernste Technik mit historischen Funden und Erkenntnissen. Sieben Menschen aus dem Mittelalter spielen die Hauptrolle in dieser einzigartigen Mitmachausstellung, die im Bonner Landesmuseum noch bis zum 25. August 2019 gezeigt wird. Ihre Lebenswelt ist wie ein Leitfaden zu den verschiedenen Bereichen: der Ritter und die Burgherrin, die Händlerin, der Spielmann und der Handwerker, schließlich der Mönch und der Bauer. An jeder der Stationen, untergebracht in einer Art Zelt, geht es darum, selbst etwas zu entdecken oder zu erforschen. So kann der Besucher auch überprüfen, ob Salbei bei Beschwerden des Halses nützt oder doch eher bei Magenschmerzen. Ob bei Zahnschmerzen Kamille das Mittel der Wahl ist und bei Lungenschmerzen Brombeere. Ist es richtig, leuchtet ein Licht auf und eine Information erscheint. Klassisches „Versuch und Irrtum“-Prinzip.

Dabei will die Ausstellung ausdrücklich nicht allzu didaktisch daherkommen. Es ist ein Erlebnis- und Abenteuerparcours. Man wolle Geschichte erfahrbar machen, so Museumsleiterin Gabriele Uelsberg. Und Lothar Altringer als Ausstellungsleiter ist sich sicher, dass die Ausstellung eher erheiternd denn belehrend ist. Es geht um das Leben im Mittelalter, wie es wirklich war. Eben: eine Ritterrüstung stemmen oder das virtuelle Kloster Altenberg erkunden, eine mittelalterliche Stadt mit ihren unterschiedlichen Bewohnern entdecken, einen höfischen Tanz lernen oder mittelalterliche Musik komponieren, die Mühen eines erfolgreichen Bauern kennenlernen oder die Geheimnisse der Kräutermedizin aufspüren, auf dem Markt ein Pferd kaufen oder auf einem raumgroßen Teppich den Weg der Kreuzzüge oder die Handelsstraßen der damaligen Zeit verfolgen.

Schnell wird deutlich, dass das Leben im Mittelalter nicht unbedingt so war, wie es historische Romane beschreiben oder es in Filmen und Fernsehserien dargestellt wird. Es war oft beschwerlich, abhängig von Wetterkapriolen oder Willkür der Herrscher. Heute gibt es Zeugnisse in unseren Städten und Landschaften: Burgen, Klöster und Kirchen, vielfach sind nur Ruinen erhalten. Im Museum wird die Frage gestellt: Wie lebten die Menschen wirklich vor 1000 Jahren? Was wissen die Wissenschaftler darüber? Was verraten uns die originalen Objekte aus dem Mittelalter?

Oder: Wie „modern“ nach heutigen Maßstäben war denn der Landwirt vor 1000 Jahren, der seine Felder nach der Dreifruchtfolge bewirtschaftete? Diese Anbauart soll die Bodenfruchtbarkeit nachhaltig erneuern und erhalten. Sie gilt auch heute noch als wichtiger Bestandteil des modernen Agrarmanagements in der konventionellen sowie in der ökologisch ausgerichteten Landwirtschaft. Oder virtuell ist es möglich, mittels Touchscreen als Bäcker ein Brot zu backen oder als Schuster einen Schuh herzustellen. Die Vielfalt der Experimente lässt nirgends Langeweile aufkommen.

Mit Bauteilen aus Schaumstoff können die Besucherinnen und Besucher innerhalb eines Grabens ihre eigene Burg bauen. Kegel und Zylinder, Würfel und Quader in unterschiedlichen Größen stehen zur Verfügung, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und wer ein Vorbild benötigt — gleich nebenan steht ein Modell der Bonner Godesburg, wissenschaftlich einwandfrei und maßstabgetreu nachgebaut. Und so nebenbei kann man dann erfahren, dass es auf der Burg einen eigenen Mäusejäger gab. Der allerdings wurde nach zwei Jahren wieder entlassen. Und ersetzt durch eine — Katze.

Gekleidet wie eine Edelfrau

Eine ausgetüftelte Technik erlaubt es, eine Edelfrau entsprechend dem Anlass anzuziehen. Ein Wink mit der Hand vor dem lebensgroßen Display reicht aus, und das Fräulein steht im armseligen Gewand einer Bauersfrau vor dem Besucher oder aber in edler Robe für einen festlichen Anlass. An einer anderen Station ist es möglich, mit Hilfe mittelalterlicher Instrumente wie einer Drehleier, einer Violine oder einer Flöte sowie einer männlichen oder weiblichen Gesangsstimme ein kleines Musikstück zu komponieren. Und mit Hilfe eines Synthesizers zu modernisieren. Der Clou: Wer will, kann das einminütige Stück an eine beliebige Mail-Adresse verschicken und künftig beispielsweise als Klingelton verwenden.

Wer immer schon einmal den Rittern beim Turnier nachfolgen wollte, der sollte zunächst die ausgestellte Ritterrüstung „stemmen“. Rund 30 Kilogramm wog die Bekleidung, die den Ritter zwar vor Pfeilen schützte, aber in seiner Bewegungsfähigkeit arg behinderte. Und wer sich den Helm überstülpt, stellt fest, dass der Ausschnitt der Welt durch den Sehschlitz sehr klein ist. So mental vorbereitet kann er sich auf einen — dem Pferderücken nachgebildeten — Holzklotz setzen und eine — elektronische — Lanze in die rechte Hand nehmen. Beginnt er zu wippen, muss er zunächst kleine Ziele auf einem großen Display treffen, ehe er dann auf Ritter Roland oder Ritter Lancelot trifft. „Besiegt“ er die, indem er sie virtuell aus dem Sattel hebt, dann wird er auch hier gelobt wie zuvor beim Schwertschmieden.

Es gibt auch ein „Studiolo“, ein Art kleines Studierzimmer, in dem eine Playmobil-Landschaft mit Burgen und Rittern aufgebaut ist. Malblätter laden dazu ein, Kirchenfenster oder mittelalterliche Personen bunt auszumalen, auf einer riesigen Tafel kann man sich mit bunten Kreiden malerisch austoben. Ein Bücherkarren lädt zur Lektüre ein. Ein paar Meter lässt sich ein Kirchenfenster wie ein großes Puzzle aus farbigen Teilen zusammenzusetzen.

Aber nicht nur der Geist wird angesprochen, sondern auch der Körper. Erste Schritte eines höfischen Tanzes mit Knicks und Drehung können geübt werden. Und da wird es am Ende doch ein wenig pädagogisch: Die beiden Tänzer erhalten eine, wenn auch durchaus liebenswürdige, Bewertung.

Nebenbei: Die Ausstellung richtet sich angeblich an Kinder und Jugendliche von etwa acht bis 14 Jahren. Aber niemand hindert erwachsene Begleiter oder kinder- und enkellose „Solisten“ daran, selbst Knöpfe zu drücken, ein Schwert zu schmieden oder ein gotisches Gewölbe aus Schaumstoff zu errichten. „Die Zeitreise ins Mittelalter“ im LVR-LandesMuseum Bonn spricht nicht nur alle Sinne an, sondern auch alle Altersgruppen.

Bei der Station des Bauern ist es möglich, sich mit den angebotenen Zutaten eine Mahlzeit zusammenzustellen. Der Mönch etwa darf kein Fleisch essen, obwohl es angeboten wird. Und wer als Beilage „Kartoffel“ wählt, gerät gleichsam in eine Sackgasse. Denn die gab es im Mittelalter noch nicht, jedenfalls nicht in Mitteleuropa.

Am Ende ergeben Linsen, verschiedene Gewürze, Eier, Essig und Zwiebeln einen „andalusischen Linseneintopf“ aus dem 13. Jahrhundert. Und per Email kann man sich einen Menüvorschlag aus dem Museum nach Hause schicken lassen. Hat man auch nicht alle Tage.

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