Germanwings-Absturz: Lufthansa empört Hinterbliebene mit einem Schreiben

Germanwings-Absturz : Lufthansa empört Hinterbliebene mit einem Schreiben

Die 150 Opfer des Absturzes 2015 hätten keine Todesangst gehabt, heißt es in einem Schriftsatz der Lufthansa. Ein Anwalt der Hinterbliebenen kämpft dagegen an und setzt sich für mehr Schmerzensgeld ein.

Am 24. März 2015 steuerte Andreas Lubitz Germanwings-Flug 4U9525 in die französischen Alpen. 150 Menschen starben. Was an Bord genau passiert ist, weiß niemand. Wie die Passagiere den Absturz erlebt haben, ist unklar. Hatten sie in der Kabine Todesangst? Nein, betont jetzt die Lufthansa. Das geht aus einem Schriftsatz hervor, den das Unternehmen am 4. April an das Landgericht Essen geschickt hat. Der Berliner Anwalt Elmar Giemulla hat das Schreiben nun mit einer eigenen Stellungnahme an seine Mandanten weitergeleitet.

„In dem Schriftsatz spricht die Lufthansa von einem ,unauffälligen Flugverlauf‘. Das ist angesichts eines Sinkfluges, der dreimal schneller war als gewöhnlich, eine Zumutung“, sagt Elmar Giemulla. Der Berliner Anwalt vertritt 200 Angehörige von 40 Opfern des Germanwings-Absturzes: „Die Passagiere konnten zehn Minuten lang die nahenden Alpen sehen, sie hörten, wie der Kapitän an die Cockpittür gehämmert hat.“

Giemulla klagt vor dem Landgericht Essen auf mehr Schmerzensgeld für seine Mandanten. 25.000 Euro hat die Lufthansa bereits pro Opfer gezahlt. Giemulla setzt sich für eine Zahlung von 50.000 Euro ein. „Die Lufthansa stützt sich in ihrem Schreiben auf den Abschlussbericht der französischen Untersuchungsbehörde BEA. Das ist jedoch ein rein technischer Bericht. Wie die Passagiere den Absturz höchstwahrscheinlich erlebt haben, wurde darin nicht untersucht.“

Dies soll ab Herbst vor dem Essener Landgericht geschehen. „Ich habe im Zuge meiner Stellungnahme auf den Lufthansa-Schriftsatz einen Fall in Australien recherchiert: Dort kam es zu einem vergleichbar schnellen Sinkflug, weil das Flugzeug in ein Luftloch gesackt war. Der Pilot sprach nach der Landung von einem Ritt durch die Hölle. Passagiere seien durch die Kabine geschleudert worden“, sagt Giemulla.

Auch auf Anfrage unserer Redaktion verweist die Lufthansa auf den BEA-Bericht: „Den Angehörigen der Opfer wurden die Untersuchungsergebnisse bei Informationsveranstaltungen der BEA in Paris und Köln transparent gemacht. Bei diesen Treffen wurden sowohl die Einschätzungen über den Flugverlauf als auch die Information über die Situation an Bord thematisiert.“

Zunächst nichts mitbekommen

Die BEA hatte ihren Abschlussbericht im März 2016 präsentiert. Angehörige berichteten danach von Aussagen, die für sie „beruhigend“ gewirkt hätten. So sei der Autopilot nach den Erkenntnissen so eingestellt gewesen, „dass die Passagiere das als normalen Sinkflug empfinden mussten“. Möglicherweise hat der überwiegende Teil der Flugpassagiere also nicht oder zunächst nicht mitbekommen, welches Drama sich im vordersten Teil des Airbus A320 abspielte.

Ein weiteres Indiz dafür wird von Verwandten genannt: „Das fünfmalige, heftige Klopfen an die Cockpittür kam nicht von der Bordaxt.“ Es sei also denkbar, dass die Geräusche in den Sitzreihen gar nicht oder nicht sehr laut zu hören waren. Zudem habe der Kapitän auch nicht in Richtung des Copiloten geschrien, berichteten Betroffene aus den Gesprächen mit der BEA. Wie heftig das Klopfen an der Cockpittür tatsächlich war, steht nicht in dem Bericht.

Elmar Giemulla geht weiterhin davon aus, dass die Passagiere den tödlichen Sinkflug sehr wohl als solchen mitbekommen haben. „Ich vermute, dass die Lufthansa versucht, den Angehörigen nicht zu viel Kummer zu bereiten und deshalb so tut, als sei der Absturz von den Passagieren kaum wahrgenommen worden“, sagt Giemulla, „doch das ist grotesk. Und es hat letzten Endes natürlich das Ziel, nicht mehr Schmerzensgeld zahlen zu müssen“.

Giemulla wirft der Lufthansa in seiner Klage vor dem Landgericht Essen vor, nicht verhindert zu haben, dass Andreas Lubitz trotz zahlreicher Indizien für eine psychische Erkrankung Verantwortung bekommen habe. Lubitz hatte den Absturz gezielt herbeigeführt.

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