Aachen: Ludwig Forum: Was Europa zusammenhält

Aachen: Ludwig Forum: Was Europa zusammenhält

Machen Sie mal die Probe aufs Exempel: Was ist das erste Wort, das Ihnen in den Sinn kommt, wenn Sie den Begriff Europa hören? Schulden? Krise? Bürokratie? Bankenrettung?

Ungefähr dort dürften viele bei diesem Assoziationsspielchen landen. Selbst wer an etwas Positives gedacht hat, würde wohl kaum abstreiten, dass Europa ein Imageproblem hat. Mindestens. Schuldenkrise, wachsende Euroskepsis und zunehmender Populismus beherrschen unseren Kontinent vor der Europawahl am 25. Mai. Eine wirkliche Besserung ist nicht in Sicht.

Sind gespannt auf den Abend im Ludwig Forum: Musikdramaturg Michael Dühn, Rotarier Klaus Zerres, Forumsdirektorin Brigitte Franzen und Historiker Max Kerner (von links). Foto: Michael Jaspers

Zumindest, wenn man einzig Politik und Ökonomie ins Auge fasst. Anders sieht es aus, wenn man den Blick weitet. Das soll am kommenden Donnerstag bei einer Veranstaltung im Aachener Ludwig Forum geschehen, die sich selbstbewusst „Cultural States of Europe“ nennt. Justiz und Politik sind im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Mehr Europa wagen“, die von den sechs Rotary-Clubs in der Region Aachen organisiert wird, bereits bearbeitet worden. Nun sollen Kultur und Werte in den Blick genommen werden.

Man könnte es die kulturelle Rückeroberung des Begriffs Europa nennen. Lange bevor es nämlich eine Idee von einer politischen und ökonomischen Union gab, hat sich nach Ansicht der Organisatoren der Kontinent als gemeinsamer Kulturraum verstanden. Die bildenden Künste, die Literatur und die Musik seien schon lange völkerverbindend und grenzüberschreitend gewesen. „Kultur ist der Stoff, der Europa zusammenhält, das Bindemittel schlechthin“, ist Brigitte Franzen deshalb auch überzeugt, die als Direktorin des Ludwig Forums quasi naturgemäß eine Fürsprecherin der Schönen Künste ist.

Und so öffnet sie am 27. März ab 18 Uhr die Türen des Ludwig Forums, um nicht nur viele Gäste, sondern vor allem andere Künste zu empfangen. Etwa die Literatur. Für die hat der emeritierte RWTH-Historiker Max Kerner das Programm zusammengestellt und sich die Frage beantwortet, was europäische Literatur ist. „Das Christentum ist aus meiner Sicht eine der Grundlagen, auf denen die europäische Kultur basiert, mit denen sie sich auseinandersetzen muss“, sagt Kerner.

Dazu fällt ihm vor allem Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ ein, aus dem Kerner den Epilog vortragen und dessen Verfilmung am Ende des Abends im Space gezeigt werden wird. „Das ist für mich europäische Literatur in Reinkultur“, sagt Kerner. Es sei viel mehr als nur eine Kriminalgeschichte, sondern gehe darum, was Europa ausmacht. Was von dem mittelalterlichen Wissen bleibt, das in der finalen Szene in Flammen aufgeht.

Die Shoa, aus Kerners Sicht die zweite Grundlage der europäischen Kultur, wird im Ludwig Forum durch eine Paul-Celan-Lesung berücksichtigt. „Zu beiden Händen“ heißt das Gedicht, in dem sich der Lyriker mit dem jüdischen Philosophen Martin Buber und Martin Heidegger auseinandersetzt. Der deutsche Philosoph also, um dessen fragwürdige Haltung zum Nationalsozialismus derzeit wieder heftige Debatten geführt werden.

Keine unkritische Lobhudelei

Wo die Literatur durch die Sprachbarriere eine natürliche Begrenzung erfährt, ist die Musik wahrlich unbegrenzt. „Eine Sprache, die jeder versteht“, sagt Michael Dühn, Musikdramaturg am Theater Aachen, der für das Musikprogramm des Abends verantwortlich zeichnet. Bereits früh adaptierten Musiker und Komponisten Musikstile anderer Länder, passten sie an und transferierten sie in etwas Neues.

Beispielsweise der böhmische Komponist Bohuslav Martin, der in seiner „La Revue de Cuisine“ französische Elemente aufnimmt, mit Tangoelementen mischt und amerikanischen Charleston einstreut. Auch die weltberühmte Oper „Carmen“ ist ein Beispiel für solche Mixturen. „Das ist ja keine spanische Oper, sondern eine französische, die so tut als wäre sie spanisch“, sagt Dühn, der bewusst sinnliche und schmissige Stücke ausgesucht hat, die auch Nicht-Klassikkennern „Spaß machen dürften“. Neben Solisten des Sinfonieorchesters wird übrigens auch Generalmusikdirektor Kazem Abdullah als Klarinettist auftreten.

Den leichtesten Job hatte wohl Forumsdirektorin Franzen, die für ihre Europa-Auswahl der bildenden Künste nicht besonders weit gehen musste. Die meterhohe, turmartige Skulptur „Sad Monument“ von Phyllida Barlow ließe sich etwa als trauriges Denkmal für die europäische Einigung interpretieren. Oder das riesige, ebenfalls extra für das Ludwig Forum angefertigte Graffiti „Recession“ des rumänischen Künstlers Dan Perjovschi, das seinen globalisierungskritischen Ansatz bereits im Titel trägt.

Denn eines ist klar, die Organisatoren wollen, obgleich sie glühende Verfechter der europäischen Einigung sind, keine unkritische Europa-Lobhudelei. Die Besucher sollen sich durch die Lesungen, Führungen und die Musik überraschen, inspirieren und vor allem animieren lassen. „Wir wollen kritische Diskussionen anregen“, erklärt RWTH-Professor Klaus Zerres vom Rotary-Club. Um zu verhindern, dass Europa zu einem Museum „alter Kulturen“ wird, müsse sich vor allem die junge Generation einbringen.

Kaiser Karl darf nicht fehlen

Maßgeblich dafür sei ein dynamisches Kulturverständnis. „Wir wollen nichts Fertiges oder Statisches“, sagt Franzen. Kunst und Kultur müssten sich verändern, anpassen, die gesellschaftliche Wirklichkeit widerspiegeln. Dazu gehöre vor allem für ein Europa, das auf Zuwanderung angewiesen ist, Fremde zu integrieren und sich mit deren Kultur auszutauschen.

Europa? Aachen? 2014? Da fehlt doch noch was. Genau, Kaiser Karl, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 1200. Mal gejährt hat, und der auch beim Kulturforum seinen Auftritt haben wird. Der Aachener Europa-Pate Karl, dessen „Vermächtnis der Sozialkitt für Europa ist“ (Kerner), wird zu Beginn des Forums eine Grußbotschaft übermitteln.

Gute Möglichkeit, mal nach dem Karlspreis zu fragen, dessen Preisträger-Auswahl Herman Van Rompuy auch in diesem Jahr wieder für Langeweile-Vorwürfe sorgte. „Papst Franziskus, das wäre einer“, sagt Kerner, „oder Daniel Barenboim.“ Brigitte Franzen wünscht sich — ganz diplomatisch — eine weniger diplomatische Entscheidung des Karlspreisdirektoriums. „Mehr Mut“ könne nicht schaden. Gustav Metzger wäre einer, der das Format für diesen europäischen Preis habe. Als Sohn orthodoxer Juden überlebte er den Holocaust und wurde nach dem Krieg zum politisch wachen Künstler. „Ich würde mir auf jeden Fall wünschen, dass mal wieder ein Kulturschaffender in Betracht gezogen wird“, sagt Franzen.

Also auch hier ein Plädoyer für einen Blick über den politischen Tellerrand und die Erkenntnis, dass Europa mehr ist als Politik und Ökonomie. Nämlich vor allem Kultur.