Loverboy-Prozess geht zu Ende: Milde Urteile

Urteil im Loverboy-Prozess : Die Frauen, die dem Zuhälter zu Hilfe kamen

An seinem Frauenbild hat es nicht gelegen, dass Jens B. am Ende gut davongekommen ist, nicht an der Gruppensexorgie in einer Herzogenrather Sporthalle, während der bis zu zwölf Männer unter Anleitung von Jens B. über eine junge Frau hergefallen waren, und sehr sicher waren es nicht seine ethischen Prinzipien, die Jens B. am Ende halfen, den Prozess sehr viel weniger beschadet hinter sich zu bringen als erwartet.

Am Ende waren es ausgerechnet fünf Frauen, die dem stadtbekannten Ex-Hooligan, Ex-Neonazi, Ex-Rocker, Ex-Zuhälter und mutmaßlichen Ex-Obermacho halfen, das Gericht zu einem Urteil zu veranlassen, das Jens B. eine weitere Chance lässt, das zu führen, wonach er sich nach eigenem Bekunden so sehr sehnt: ein normales Leben, eine Familie.

Jens B., 28 Jahre alt, ist gestern unter anderem wegen schweren Menschenhandels und schwerer Zwangsprostitution, wegen Zuhälterei, Betruges, versuchter Erpressung und versuchter Nötigung zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden, von denen er knapp 15 Monate schon abgesessen hat, so lange dauerte seine Untersuchungshaft. Zudem muss er zwei Frauen insgesamt 44.000 Euro erstatten. Die Strafe klingt angesichts der Vorwürfe fast milde, doch ganz so ist es nicht.

Chats, die Kathedralen füllen

Der äußerlich attraktive B. hatte seit 2011 junge Frauen, die er im Aachener Nachtleben vom Sehen her kannte, über Facebook angeschrieben, eine Beziehung zu ihnen aufgebaut und sie bewogen, sich für ihn zu prostituieren („Die verliebten Frauen und der Zuhälter“). Einige der Frauen dachten, sie gingen für eine gemeinsame Zukunft mit Jens B. anschaffen, anderen war irgendwann wohl klar, dass B. halt eben ihr Zuhälter war. Zu unterscheiden, welche der fünf Frauen sich wann über die Art ihrer jeweiligen Beziehungen zu Jens B. klargeworden sein muss, verlangte der 1. Großen Strafkammer des Aachener Landgerichts viel Geduld, viel Arbeit und gefühlte 10.000 Fragen an verschiedene Zeuginnen ab, ganz zu schweigen von den auszuwertenden Chatverläufen, die, hätte man sie alle ausgedruckt, vermutlich eine mittelgroße Kathedrale bis unter die Decke gefüllt hätten.

Der Hauptangeklagte Jens B. wurde zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Foto: Ralf Roeger

Frau Nr. 1: In der mehr als zweistündigen Urteilsbegründung machte der Vorsitzende Richter Markus Vogt wiederholt deutlich, welch unglaubliche Aussage Aylin Z.* an fünf Tagen vor Gericht gemacht hatte. Sie hatte B. der Nötigung, der Körperverletzung und gar der Vergewaltigung bezichtigt, die in der Nacht nach seiner Haftentlassung am 3. August 2016 stattgefunden haben soll. So erzählte sie es Polizei und Staatsanwaltschaft. Vor Gericht kam dann heraus, dass Aylin Z. vor Zeugen angekündigt hatte, sie werde Jens B. am Tag seiner Haftentlassung die Nacht seines Lebens bereiten.

Richter Vogt sprach von „wiedersprüchlichen Aussagen voller Belastungstendenz“, also davon, dass Aylin Z. Jens B. offenbar absichtlich belasten wollte, vermutlich aus gekränkter Eitelkeit, weil er keine dauerhafte Beziehung mit ihr führen wollte. Das Gericht sprach B. von allen drei Vorwürfen frei, die Z. gegen ihn erhoben hatte. Aylin Z., das ist in diesem Zusammenhang zumindest erwähnenswert, studiert mittlerweile Rechtswissenschaften.

Frau Nr. 2: Die Zeugin Lena R.* hatte sich mindestens drei Jahre lang prostituiert, auch, aber wie der Prozess zeigte, nicht ausschließlich für Jens B. Als B. 2016 in Untersuchungshaft saß, ging sie auf eigene Rechnung weiter anschaffen. In ihrer Aussage bei der Polizei, die letztlich zum dienstag zu Ende gegangenen Prozess gegen B. geführt hatte, hatte das alles etwas anders geklungen als zuletzt im Zeugenstand des Landgerichts.

Wie Aylin Z. verstrickte sie sich in mehreren stundenlangen Befragungen in zahllose Widersprüche, wirkte oft abwesend und desinteressiert. Zwar wurde B. auch wegen Menschenhandels mit Lena R. verurteilt; doch im Urteil hatten sich die massiven Vorwürfe der von Oberstaatsanwältin Jutta Breuer verfassten Anklage ganz erheblich reduziert.

Die Aussagen beider Zeuginnen zogen den Prozess, der Ende März begonnen hatte, endlos in die Länge. An ihnen entzündeten sich auch erhebliche Spannungen zwischen Richter Vogt und Oberstaatsanwältin Breuer, die das Verfahren stellenweise stark belasteten, wie Vogt in der Urteilsbegründung andeutete.

Frau Nr. 3: Eine Sozialpädagogin, die Jens B. während seiner Untersuchungshaft ab Juli 2017 mit betreut hatte, zeichnete vor Gericht ein ungewöhnlich gutes Bild von B. Sie sprach von seiner Hilfsbereitschaft, seiner ausgeprägten Empathiefähigkeit, seiner tadellosen Führung, von der neuen Beziehung, die er führe, und die ihm offensichtlich Halt gebe. Die Sozialpädagogin hatte es sicher nicht so beabsichtigt, aber ihre Aussage klang wie eine Ehrenerklärung für Jens B., übrigens auch für den Mitangeklagten Kevin P.

Frau Nr. 4: Die Psychiaterin Ingrid Kamps stellte fest, dass B. über ein erstaunliches Repertoire von Umgangsformen verfügt. Von extrem freundlich und zugewandt bis zu extrem unfreundlich und gewaltbereit beherrsche er eigentlich jede Facette und wende sie so an, wie es die jeweilige Situation seiner Einschätzung nach erfordere. Wie die Sozialpädagogin sagte auch Kamps, dass der Erfolg von B.s Resozialisierung davon abhängen wird, ob es ihm gelingt, sich von kriminellen Männergruppen fernzuhalten: Hooligans, Neonazis, Rockern („Die späte Reue eines verliebten Zuhälters“).

Frau Nr. 5: Jens B.s Freundin Julia S.* könnte der Schlüssel zu einer gelungenen Resozialisierung sein, eine attraktive und offenbar leidensfähige Frau Mitte 20. Das sagten die Psychiaterin und die Sozialpädagogin, und so sagte es gestern auch das Gericht. Jens B. hatte während des Prozesses erklärt, dass er, wenn er aus der Haft entlassen wird, eine Ausbildung machen und mit Julia S. eine Familie gründen möchte. Die Chance für das Gelingen dieses Vorhabens bezifferte Psychiaterin Kamps mit etwa 60:40.

Der Mitangeklagte Kevin P. wurde zu einem Jahr und neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Foto: Ralf Roeger

Die zum Teil massiven Vorwürfe, die Oberstaatsanwältin Breuer auch gegen den mitangeklagten Kevin P. in ihrer Anklage erhoben hatte, lösten sich weitgehend in Luft auf. Der intelligente und wortgewandte Türsteher wurde wegen zwei Fällen von allerdings eher niedrigschwelliger Erpressung wahrscheinlich nur deswegen zu einem Jahr und neun Monaten Haft verurteilt, weil er mehrfach vorbestraft ist. Allerdings setzte die Kammer die Strafe aufgrund von P.s günstiger Sozialprognose, die ihm die Richter zugesprochen haben, zur Bewährung aus.

Um aber am Ende dieses durchaus ernsten Verfahrens nun aber keine Jubelstimmung aufkommen zu lassen, erklärte Richter Vogt nochmals in aller Deutlichkeit und vor vielen Freunden, die gestern im Publikum saßen, dass Jens B. für das Gelingen seiner Resozialisierungsbemühungen niemand anderen verantwortlich machen solle als sich selbst. Schon gar nicht, sagte Richter Vogt, seine Freundin Julia S.

Dass das Urteil in absehbarer Zeit rechtskräftig wird, ist zumindest zweifelhaft. Oberstaatsanwältin Breuer hat eine Woche lang Zeit, ob sie Revision zum Bundesgerichtshof einlegen will. Sie hatte für Jens B. fünf Jahre und neun Monate Haft gefordert, für Kevin P. zwei Jahre und acht Monate.

*Name geändert

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