Die Soziale Frauenschule in der NS-Zeit: Licht in die dunklen Abschnitte der KatHo-Geschichte gebracht

Die Soziale Frauenschule in der NS-Zeit : Licht in die dunklen Abschnitte der KatHo-Geschichte gebracht

Student Tim Ernst erforschte die Rolle der Vorgängerin Soziale Frauenschule Aachen in der Nazizeit. Völkisch-nationalistische Überzeugungen gab es unter anderem bei einer langjährigen Schulleiterin.

Im vergangenen Jahr feierte die Abteilung Aachen der Katholischen Hochschule NRW ­(KatHo) ihr 100-jähriges Bestehen: Ihre Vorgängerin, die 1916 in Köln gegründete Soziale Frauenschule, zog 1918 nach Aachen um. In diese hundertjährige Geschichte fällt auch die Zeit des Nationalsozialismus. Welche Rolle spielte die Vorgängerin der heutigen Hochschule für Soziale Arbeit damals?

„Das ist meiner Meinung nach eine Leerstelle in der geschichtlichen Betrachtung der Schule im Speziellen und der Profession der Sozialen Arbeit im Allgemeinen“, sagt Tim Ernst, Student an der KatHo Aachen und Asta-Vorsitzender.

Er förderte deshalb im Rahmen seiner Bachelorarbeit – vorgelegt als Begleitheft zur Aktion „1933-1945: Vergessen?!“ von Asta und Studierendenparlament 2018 und in zweiter Version aufgelegt zur aktuellen Veranstaltungsreihe „Rechte Verhältnisse in Hochschule und Gesellschaft“ (siehe Box) – einiges zutage, das bislang wegen der „Verdrängungsmentalität vieler Wissenschaften“, so Ernst, kaum in geschichtlichen Betrachtungen publik gemacht wurde.

Wenig schmeichelhaft ist das, was an der Sozialen Frauenschule in katholischer Trägerschaft von 1933 bis 1941 gelehrt wurde und auch in den ersten Jahren der Bundesrepublik eine gewisse Kontinuität fand. Die Übernahme der Schulleitung 1941 durch die nationalsozialistische öffentliche Hand bis zur Befreiung 1944 stellte keinen massiven Bruch im Lehrinhalt dar, wurde Ernst bei seiner Recherche klar. Begriffe wie Eugenik und Rassenhygiene waren nicht neu. „Die Nazis konnten gut auf der Arbeit ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger aufbauen.“

Einen Anteil daran hatte Maria Offenberg, die die Soziale Frauenschule in Aachen von 1918 bis 1941 und erneut von 1946 bis zu ihrer Pensionierung 1957 leitete. Sie machte bereits lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten keinen Hehl aus ihren völkisch-nationalistischen Überzeugungen und brachte diese auch stark in die Lehrinhalte ihrer Schule und in Standardwerke der Pädagogik der 1920er Jahre ein.

Und stand damit nicht allein in ihrer Profession. „Als 1933 das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses erlassen wurde, gab es keinen großen Protest in den Reihen der Lehrenden der Sozialen Arbeit und Fürsorge“, berichtet Ernst. „Der Rassebegriff, der schon damals wissenschaftlich haltlos war, gehörte zum Standard der Lehrwerke in der 1920er Jahren. Die Nazis erhoben die in der Wissenschaft längst gängigen Begriffe nur noch zur Amtssprache.“ Die an Schulen wie der Sozialen Frauenschule in Aachen ausgebildeten „Volkspflegerinnen“ wurden oft in Ämtern eingesetzt, um Zwangssterilisationen bei Menschen mit Erbkrankheiten zu erzwingen oder Menschen mit Behinderung der NS-Vernichtungsmaschinerie zuzuführen.

Diese Vergangenheit betrachtet Ernst mit professionellem Abstand. Was ihn aber nicht kalt lässt, ist der heutige Umgang damit. „Ich finde, im Vorlesungsmodul ‚Historische und systematische Zugänge zur Sozialen Arbeit‘ wird die Nazizeit quasi ausgespart. Selbst ein Standardwerk, das allen Studienanfängern empfohlen wird, handelt diesen Teil der Geschichte auf lediglich vier Seiten ab“, empört sich Ernst.

Beim Jubiläum sei die Nazizeit ebenfalls kaum Thema gewesen. Lediglich der Artikel „Katholische Frauenbewegung und deutsches Volkstum“ von Susanne Bücken befasste sich in der Festschrift mit dem katholischen Frauenbund und der Sozialen Frauenschule in der Weimarer Republik und während des Nazi-Regimes. Die Biografie der prägenden Maria Offenberg werde bislang nicht in allen Facetten von der Hochschule dargestellt.

„Wenn wir jedoch den Anspruch haben, eine Menschenrechtsprofession sein zu wollen – und das unterstütze ich sehr klar – brauchen wir diese Auseinandersetzung mit der Vergangenheit“, fordert Ernst und wird dabei vom Asta, vom Studierendenparlament und auch von Lehrenden der KatHo unterstützt. „In der Sozialen Arbeit tätige Menschen können viel Einfluss auf ihre Klienten nehmen. Das haben schon die Nationalsozialisten erkannt. Und das versuchen die Rechtspopulisten heute auch wieder“, warnt Ernst.

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