Aachen: Leichenschau unzureichend: „Wir brauchen mehr Obduktionen“

Aachen : Leichenschau unzureichend: „Wir brauchen mehr Obduktionen“

In Nordrhein-Westfalen soll es bald deutliche Verbesserungen bei der ärztlichen Leichenschau geben. Zurzeit wird ein Modellversuch vorbereitet, mit dem dies erreicht werden soll. Das teilte der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke, am Donnerstag auf Anfrage mit. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagte Henke.

Mit dem Modellversuch soll die entsprechende Bestimmung im neuen NRW-Bestattungsgesetz von Oktober 2014 umgesetzt werden. Die besagt, dass zwei Mediziner unabhängig voneinander die Leichenschau vornehmen sollen.

Henke spricht sich auch für staatliche bestellte Leichenbeschauer aus. Hintergrund der Diskussion um die Qualität der Leichenschau ist der Vorfall einer in dieser Woche fälschlich für tot erklärten 92-Jährigen in Gelsenkirchen.

Die ärztliche Pflicht bei der Leichenschau ist im neuen Bestattungsgesetz von Nordrhein-Westfalen geregelt. Dort heißt es: „Ärztinnen und Ärzte sind verpflichtet, unverzüglich nach Erhalt der Todesanzeige die unbekleidete Leiche (...) zu besichtigen und sorgfältig zu untersuchen...“.

Die Feststellung von Todesursache und Todesart würde in Deutschland insgesamt aber eher stiefmütterlich behandelt, sagt Henke: „Wir haben eine Obduktionsrate von unter einem Prozent.“ Die Obduktion sei aber eine der wichtigsten Maßnahmen zur Qualitätssicherung bei der Feststellung von Todesursachen, was wiederum Auswirkungen auf gesundheitspolitische Entscheidungen hat. Deshalb fordert Henke eine Quote von mindestens zehn Prozent Obduktionen: „Nur mit mehr Obduktionen kommen wir zu einer haltbaren Todesursachenstatistik.“ Die jetzige basiere weitgehend auf „plausiblen Annahmen“.

Als einen Grund dafür bezeichnet Henke die derzeitige Praxis der äußeren Leichenschau. Nicht mangelnde Sorgfalt, sondern mangelnde Kenntnis der Vorgeschichte des Toten sei für Leichenbeschauer häufig ein Problem. „Es ist schwer möglich, exakte Aussagen über Todesursache und -art zu machen, wenn ein Arzt den Toten und seine Krankengeschichte nicht kennt.“

Sobald die Todesursache nicht genau zu klären ist, muss ein Arzt eine „unklare Todesart“ bescheinigen. Vermutungen oder Annahmen oder gar eine Bescheinigung des Todes, ohne dass sichere Todeszeichen erkennbar sind, seien fahrlässig, meint Henke. „Kein Arzt aber kann bei einer äußeren Leichenschau zum Beispiel eine versteckte Insulininjektion erkennen.“

Die Leichenschau ist für Mediziner wie für Angehörige eine Situation höchster Anspannung. Rudolf Henke spricht gar von „Superstress“. Der Tote muss — auch nachdem die Totenstarre eingetreten ist — vollständig entkleidet und in allen Körperöffnungen untersucht werden. Für beides muss er von einer Seite auf die andere gedreht werden.

„Das ist eine körperlich anstrengende Arbeit, bei der der Arzt auf die Hilfe von Angehörigen angewiesen ist“, sagt Henke. Zusätzlich schwierig wird es bei übergewichtigen Verstorbenen oder bei schlechten Lichtverhältnissen. Und es bestehen oft auch moralisch-ethische Hemmungen. „Der Arzt versucht, diese Situation möglichst schonend für die Angehörigen zu lösen“, sagt Henke, „was ebenfalls dazu führen kann, dass etwas übersehen wird.“

Mangelnde Sorgfalt bei der Leichenschau hatte die Deutsche Stiftung Patientenschutz Medizinern vorgeworfen. Jedes Jahr blieben in Deutschland mindestens 1200 Tötungsdelikte unentdeckt, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. Als einen Grund nennt Brysch die „mangelnde soziale Kontrolle durch Angehörige“ und die schlechte Betreuung in vielen Heimen: „Viele alte und schwerstkranke Menschen sind in Heimen völlig alleingelassen.“

In Pflegeheimen werde auf den Tod gewartet. Deshalb nähmen Ärzte, die einen Totenschein ausstellen, sich häufig nicht die Zeit für eine ordnungsgemäße Leichenschau. Brysch fordert deshalb eine generelle amtsärztliche Leichenschau für alle Todesfälle in Pflegeheimen. Da die Mehrzahl der Toten heute eingeäschert wird, ist dies bereits ohnehin der Fall. Das Bestattungsgesetz schreibt bei Einäscherungen die amtsärztliche Leichenschau vor.

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