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Scharfe Kritik: Lehrer aus Corona-Risikogruppe sollen in Prüfungen

Scharfe Kritik : Lehrer aus Corona-Risikogruppe sollen in Prüfungen

Für mündliche Abschlussprüfungen müssen in NRW auch ältere und Lehrer mit Vorerkrankungen parat stehen – trotz Corona-Risiken. Die Gewerkschaft GEW und die SPD sind empört.

Auch Lehrer, die der Corona-Risikogruppe angehören, sollen bei mündlichen Abschlussprüfungen in NRW eingesetzt werden. Das geht aus einem Erlass des Schulministeriums an die fünf Bezirksregierungen hervor: „Alle Lehrkräfte aus der Risikogruppe, d.h. Lehrer und Lehrerinnen mit Vorerkrankungen und Lehrer und Lehrerinnen, die das 60. Lebensjahr vollendet haben, sowie schwangere und stillende Lehrerinnen sind verpflichtet, an Verfahren zur Abnahme mündlicher Prüfungen teilzunehmen.“ Aus dem Düsseldorfer Ministerium hieß es dazu am Mittwoch, es bleibe aber dabei, dass Lehrer aus der Risikogruppe nicht am Präsenzdienst teilnehmen sollen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sprach von einem „Wortbruch“ und kündigte an, bei Bedarf für betroffene Lehrer Rechtsmittel einzulegen. Der Erlass sei ein „eklatanter Widerspruch“ zu den bisherigen Rechtsinformationen des Schulministeriums, sagte die GEW-Landesvorsitzende Maike Finnern. Zuvor hatte die „Rheinische Post“ über den Erlass vom Montag berichtet.

Laut Schulministerium lassen sich die Abstands- und Hygieneregeln bei den mündlichen Prüfungen sehr gut einhalten. Anders als im Präsenzunterricht befänden sich im Prüfungsraum in der Regel nur ein Schüler und drei Lehrkräfte. Es sei vielfach der Wunsch aus dem betroffenen Pädagogenkreis gekommen, sich an den mündlichen Abschlussprüfungen zu beteiligen. Der Erlass gilt nur für die aktuellen Prüfungen des Schuljahrs 2019/20. Darin heißt es mit Blick auf die Risikogruppe auch: „Bei Abnahme der mündlichen Prüfungen ist auf die besondere Situation der Betroffenen Rücksicht zu nehmen.“

SPD-Landeschef Sebastian Hartmann monierte, der Erlass revidiere und konterkariere die bisherige Aussage von Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP), dass Angehörige von Risikogruppen nur freiwillig an den Schulen präsent sein sollten. „Dieses chaotische Hin und Her schafft kein Vertrauen bei Beschäftigten, Eltern und auch nicht bei den Schülerinnen und Schülern.“ Nach mehr als 20 Schulmails aus dem Ministerium mit Erlassen und Anweisungen seit Beginn der Pandemie vor neun Wochen solle Regierungschef Armin Laschet (CDU) „seine Schulministerin zur Räson bringen“.

Das Ministerium erläuterte, man stütze sich bei der Bewertung auf die Expertise des Robert-Koch-Instituts, das eine pauschale Einteilung von Risikogruppen für nicht grundsätzlich zielführend halte. Am 8. Mai habe das RKI darauf hingewiesen, dass eine „generelle Festlegung zur Einstufung in eine Risikogruppe nicht möglich“ sei. Zudem stelle das Institut fest: „Schwangere scheinen nach bisherigen Erkenntnissen (...) kein erhöhtes Risiko gegenüber nicht schwangeren Frauen mit gleichem Gesundheitszustand zu haben.“

In NRW ist laut Statischem Landesamt jeder neunte Lehrer 60 Jahre oder älter. Nach groben Schätzungen der GEW sind etwa ein Viertel der Lehrkräfte im bevölkerungsreichsten Bundesland der Coronavirus-Risikogruppe zuzuordnen.

(dpa)